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Fahrzeugtest: Actros 1860 mit Megaspace-Fahrerhaus

Seine Tage sind gezählt. Denn spätestens Ende des kommenden Jahres tritt der große Mercedes-Achtzylinder ab.

Nicht mangels Erfolg; nicht mangels Qualität; und auch nicht mangels Nachfrage. Er muss vielmehr einem weltweit einheitlichen Motorkonzept im Daimler-Konzern weichen. Einem Konzept basierend auf Reihenmotoren mit sechs Zylindern, dass die Kunden in Japan und in Asien, in Nord-, Mittel- und Südamerika und auch in Europa gleichermaßen akzeptieren. Dieses Motorenkonzept ersetzt mehrere, teilweise sehr unterschiedliche Baureihen im Konzern. Und damit auch die V-Motoren. Um den V6 mag es nicht schade sein, dem V8 wird der eine oder andere Kunde sicher nachtrauern.

Nie mehr wird es einen Actros mit acht Zylindern geben

Denn generell steht das Kürzel V8 für Leistung, für Kraft, für Luxus, für Emotionen - im Pkw und auch im Lkw. Ein Actros mit Megaspace-Fahrerhaus und 15,9 Liter großem Achtzylinder ist so etwas wie die S-Klasse im Pkw-Bau. Wer im Lkw-Segment also S-Klasse fahren will, muss sich beeilen. Spätestens mit Euro 6 ist Schluss. Und nie mehr wird es einen Mercedes-Actros mit acht Zylindern geben.

Im Grunde genommen ist der Actros 1860 also ein Fall fürs Museum. Und dort wird er eines Tages auch sicher stehen. Noch aber ist er in allerlei Varianten zu haben und trotz hohem Kaufpreis, geringer Nutzlast und Verbrauchszuschlag eine Überlegung wert. Zumal der V8 durchaus auf der Höhe der Zeit ist und längst mit einem „schlanken“ Triebstrang daher kommt. Also mit Direktganggetriebe und mit einer einfach übersetzen Antriebsachse. Und seitdem sämtliche Mercedes-Motoren ihre Abgase mit SCR-Katalysatoren reinigen, hat sich der Verbrauch des V8 auf ein normales Niveau eingependelt.

440 kW oder 598 PS fordert beim Verbrauch Tribut

Klarer Fall - die hohe Leistung von exakt 440 kW oder 598 PS fordert beim Verbrauch mitunter ihren Tribut. Aber nicht zwangsläufig. Generell gilt, dass jede eingesetzte Pferdestärke gefüttert werden will. Im Fall V8 aber nur mit rund 140 Gramm pro PS und Stunde oder weniger als 190 g/kWh im günstigsten Fall - bei Volllast und mit niedrigen und mittleren Drehzahlen. Besser können das weder der Wettbewerb noch die kleinen V6 mit rund zwölf Liter Hubraum von Mercedes. Dieser geringe spezifische Volllastverbrauch, der von 1.000 bis fast 1.600/min auf derart niedrigem Niveau bleibt, ist dann auch das Pfund, mit dem der Achtzylinder wuchert. Er marschiert steile Anstiege (je steiler desto besser) fast genauso sparsam hinauf wie die genügsamsten Sechszylinder. Aber deutlich schneller. Als Beleg mag ein fast zehn Kilometer langer und teilweise mehr als fünf Prozent steiler Anstieg dienen: Verbrauch 9,76 Liter,  Fahrzeit 8,00 Minuten. Zum Vergleich ein Axor 1843: 9,61 Liter, Fahrzeit 9,35 Minuten. Einem geringen Mehrverbrauch von 1,5 Prozent steht ein Plus beim Tempo von fast 15 Prozent gegenüber.

Bei zwei bis drei Prozent Steigung punkten der schwächeren Motoren

Je flacher die Anstiege geraten, desto mehr kommen die Nachteile der hohen Leistung und des großen Motors zum Tragen. Steigungen mit vier Prozent zieht auch der auf 40 Tonnen ausgelastete Actros 1860 LS mit 80 km/h hoch, ein 400er fällt auf weniger als Tempo 60. Das deutlich höhere Tempo ergibt einen fast doppelt so hohen Luftwiderstand mit entsprechendem Verbrauchszuschlag. Bei zwei bis drei Prozent kippt die Sache endgültig zu Gunsten der schwächeren Motoren. Der V8 läuft hier mit Teillast, ein kleiner Sechszylinder mit Volllast. Und im Flachland sorgen einzig die recht lange Achsübersetzung (2,733 zu 1) und die guten aerodynamischen Qualitäten der Megaspace-Kabine dafür, dass sich die innermotorischen Verluste und der Verbrauchszuschlag in Grenzen halten.

23,8 Liter pro 100 Kilometer bei Tempo 85

23,8 l/100 km reichen dem 1860 LS bei Tempo 85 km Flachland - ein Liter mehr als beim Sechszylinder. Im Mittel drückten die acht von Magnetventilen gesteuerten Steckpumpen des Achtzylinder-Motors insgesamt 38,1 l/100 km durch die Einspritzdüsen - rund fünf Prozent mehr als in der 400er-Klasse üblich. Aber auch dieser hohe Wert zeugt von Effizienz, weil das mittlere Tempo von 85,5 gleich um sieben Prozent (von 80 auf 85,5 km/h) steigt.

20.000 Euro mehr für hohe Leistung

Trefflich bestätigt der 1860 mit all diesen Werten, dass er einerseits jeden Tropfen Diesel bestens verwertet und andererseits, dass starke Lkw auf hohe Auslastung und kräftige Steigungen angewiesen sind, soll der Verbrauch stimmen.  Spürbarer als der Verbrauchszuschlag macht sich der Mehrpreis für die hohe Leistung bemerkbar. Gegenüber einem üblichen 1841 oder 1844 stehen mindestens rund 20.000 Euro zusätzlich auf der Rechnung, was letztlich zu einem Nettopreis von mindestens 115.000 Euro führt. Darin enthalten sind das Megaspace-Fahrerhaus und eine umfangreiche serienmäßige Ausrüstung samt Powershift-Automatik und Klimaanlage.

140.000 Euro Netto-Kaufpreis lassen sich erreichen

Was allerdings nicht heißt, dass dieser Betrag die Obergrenze markiert. Luftfedern für das Fahrerhaus, Klimaautomatik, Navigationssystem, Kühlbox, Standklimaanlage und selbst der beleuchtete Mercedesstern an der Front verursachen auch in der Luxusklasse weitere Aufpreise. 130.000 oder auch 140.000 Euro Netto-Kaufpreis lassen sich leicht erreichen. Insgesamt löblich: Es gibt nahezu alles, was Fahrer- und Unternehmerherz begehren. Und es gibt eine Reihe von Ausstattungspaketen, die einzelne teure Extras preiswert zusammenfassen.

Acht Tonnen Leergewicht sind das Maß

Hohe Leistung und umfangreiche Ausstattung lassen die Pfunde beim Leergewicht nach oben schnellen. Weniger als acht Tonnen Leergewicht sind mit einer Sattelzugmaschine vom Kaliber 1860 LS kaum möglich. Gut ausgestattet sind 8,5 Tonnen die Regel, mit maximalem Tankvolumen geht es in Richtung neun Tonnen. Auch wenn hohes Gewicht nicht selbstverständlich für solide Bauweise steht, so muss man dem Actros eine hohe Solidität bescheinigen. Hochwertige Materialien, bestens verarbeitet und geschmackvoll eingerichtet, so kommt ein Actros der dritten Generation daher.

Der Arbeitsplatz hinterm Lenkrad

Der Arbeitsplatz hinter dem Lenkrad ist wirklich bestens gemacht, die Bedienung - nach einer kurzen Eingewöhnungsphase - leicht und logisch. Nach wie vor hat die Bedienung der Automatik ihren Platz an einem Sitzausleger rechts vom Fahrer. Daran ist im Grunde nichts auszusetzen - außer, dass es mit kurzen Hebeln an der Lenksäule noch einfacher funktionieren würde. Der Griff dahin - also Eingriffe in die Automatik - ist allerdings so selten wie Spätzle in Italien. Was einerseits in der schieren Motorkraft (2.800 Nm bei 1.080/min) seine Ursache hat und andererseits im Know-how der Powershift genannten Automatik. Nur ganz selten liegt sie mit ihrer Gangwahl daneben.

Die elektronischen Helfer - Tempomat, Bremsomat, Retarder und Co.

Trefflich und gekonnt funktioniert auch das Zusammenspiel der elektronischen Helfer. Beispielsweise von Tempomat, Bremsomat, Retarder und Getriebesteuerung. Sind die beiden Geschwindigkeiten - etwa 85 für Marsch- und 89 km/h für Talfahrt - eingestellt (was ganz geschwind vonstatten geht), dann hält sich der 1860 so exakt an diese Vorgaben wie eine schwäbische Hausfrau an die Kehrwoche. Komme, was wolle. Mehr noch: sämtliche Eingriffe von Motorbremse, Retarder oder Getriebe geschehen äußerst sanft und elegant. Einzig ein manchmal etwas ruppiger Stoß Zwischengas zur Zahnradsynchronisation beim Runterschalten stört diese Idylle. Es ist also eine kommode Art, einen Actros 1860 zu fahren, zumal dem großen Achtzylinder fast immer niedrige Drehzahlen reichen, die Innengeräusche in der Nähe der Benchmark Scania sind und sich die Bewegungen der hoch montierten Kabine in aller Regel auf ein weiches Wanken beschränken. Windgeräusche? Fast keine.

Bewegungsfreiheit und Stauraum im Actros 1860 LS

Der Fahrer hat also seine Freude an V8 und Megaspace-Fahrerhaus. Mit der Einschränkung, dass der Bewegungsfreiraum etwas eingeschränkt ist. Dazu trägt das ausladende wenn auch komfortable obere Bett in heruntergeklapptem Zustand bei wie auch der wuchtige Mittelteil des Armaturenträgers. Ist eine der vielen Schubladen auf, dann geht im Megaspace kein Schritt mehr. Stauraum gibt es im Gegenzug jede Mege. Für viel, viel Geld liefert Mercedes mit dem Actros 1860 LS samt Megaspace-Fahrerhaus eine wirklich tolle Sattelzugmaschine, die innerhalb ihres Segments sicher zu den wirtschaftlichsten und komfortabelsten Vertretern ihrer Art zählt. Ein Fall fürs Museum ist er jedenfalls noch lange nicht. Und sollte es eines Tages dann doch einmal soweit sein, wird dieser Actros im Mercedes-Benz-Museum als letzter Actros V8 einen Ehrenplatz bekommen - garantiert.

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

27. Juni 2011
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