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Fahrer vor Gericht: Waagrecht

Überladung mit System. Auf einer Großbaustelle läuft Schmu im großen Stil. Ein Fall für die Autobahnkanzlei.

Kalle* steht neben mir in der Autobahnkanzlei in Berg. Tina Sieron bringt Kaffee. Der Kipperfahrer ist völlig genervt. Einen Bußgeld­bescheid mit zwei Tatvorwürfen hat er dabei. "Da komme ich doch nie von runter", meint er. Zwei Überladungen, eine am 15. und eine am 16. Juni. Er hatte gleich so ein mulmiges Gefühl bei dieser Großbaustelle. Beim Laden war es die reinste Massenabfertigung. Als er das erste Mal dort war, hat er gleich nach der Waage gefragt. "Dafür ist hier kein Platz", lautete mürrisch die Antwort. Das hat er eingesehen. In diesem Gewusel von Muldenkippern und Baggern wäre wirklich kein Wiegeplatz unterzubringen.

Seltsame Vorgänge auf der Baustelle

Mit dem Radladerfahrer hat er darüber gesprochen. Der hat ihm nur kurz gesagt: "Da kannste mir vertrauen. Ich mache das hier seit 20 Jahren, verstehste?" Der weiß, was man tut. Das hat Kalle verstanden, hat seinen Kipper beladen lassen und ist losgefahren. Vor dem Entladen muss er dann doch auf eine Waage. Er hat noch nachgefragt, wie schwer er denn sei. Der Waagenchef mimte den Schwerhörigen. Nach dem dritten Nachfragen wurde ihm gesagt: "Leicht drüber. Kein Problem." Einen Zettel über die Wiegung gab’s nicht. Das fand Kalle komisch. Sechs Muldenkipper, sechs Fahrer hat sein Chef zu dieser Baustelle abgeordnet. Kalle hat Stefan, den Disponenten, angerufen. Der hat gesagt, dass er die anderen fragen will. Kalle hört nichts mehr. Am nächsten Tag beschwert er sich beim Chauffeur des Radladers: "Das war echt Sch... gestern!" Der entschuldigt sich, sagt aber, das könne eigentlich nicht sein. Das richtige Gewicht würde bei ihm in der Hand stecken. Wenn’s zu viel wär, würde der kleine Finger jucken. Kalle bittet ihn, besonders aufzupassen.

Dann wiederholen sich die Ereignisse. Kalle fährt auf die Waage. "Ein bisschen drüber", meint der Wiegemeister. „Aber macht nix." Kalle tobt. Er setzt sich in den Lkw und fährt auf den Hof zu seinem Chef. Da stehen schon zwei Kollegen. Die sind sich auch sicher: "Wir werden hier doch vera...t!" Ulli*, der Chef kündigt die Baustelle. Er zieht seine Fahrzeuge ab. Geld verdienen will er schon, aber nicht auf dem ­Rücken der Fahrer. Von solchen Chefs können viele nur träumen.

Alle sechs Fahrer bekommen einen Bußgeldbescheid

Aber der Hammer kommt ein paar Wochen später: Alle sechs Fahrer kriegen einen Bußgeldbescheid, der sich gewaschen hat. Mit seinem Exemplar steht Kalle jetzt vor mir. Wir legen Einspruch ein. Als wir die Ermittlungsakte bekommen, trifft mich fast der Schlag. Die Polizei hat einen ganzen Berg Wiegezettel beschlagnahmt. Über 500 Bußgeldbescheide sind erlassen worden. Da ist doch was megafaul. Ich rufe Kalles Chef an und frage ihn, wie er bezahlt wurde. Ulli sagt mir, dass er darauf bestanden hätte, dass er pro Fuhre bezahlt würde. Das sei aber kein Problem gewesen. Der Erdbauunternehmer hätte sofort zugestimmt. Ulli benennt mir ein paar Konkurrenten, die dort auch gefahren sind. Als ich die anrufe, wissen sie sofort, wovon ich rede, und zwar alle. Sie haben dieselben Verträge. Alle wurden pro Fuhre bezahlt.

Da drängt sich ein böser Verdacht auf. Der Verlader und der Erdbauunternehmer arbeiten zusammen. Und der Verlader wusste ziemlich genau, was er tat. Draufhauen, was draufzuhauen geht, um möglichst wenig Fuhren loszuschicken. Das ist ein wunderbares Argument für Rechtsanwalt Stephan Gruber aus der Autobahnkanzlei in Feuchtwangen. Der bayerische Anwalt wird den Gerichtstermin wahrnehmen. In unserer Zentrale Kromsdorf werden wir uns sehr gründlich vorbereiten.

Anwalt wird zum Geologen

Mittlerweile habe ich mich mit der Geologie der Baustelle beschäftigt. Es handelt sich um eine Probeschachtung. Im Boden finden sich verschiedene Gesteinssorten. Am meisten vertreten sind hierbei Gips und Anhydrid. Ich frage bei der Uni in Weimar nach. Die geben mir eine Liste mit Gewichten verschiedener Gesteine. Gips wiegt, wenn er leicht ist, bei zwei Gramm pro Kubikzentimeter, Anhydrid bei drei Gramm. Weil Kalle natürlich keine chemische Analyse mit dem Zeug auf der Schaufel machen konnte, ließ sich auch kaum abschätzen, was er an Gewicht draufhatte. Was 20 Tonnen Gips entspricht, kann bei gleichem Volumen 30 Tonnen Anhydrid sein.

Stephan Gruber schlägt vor, eine kleine Waage mit in den Gerichtssaal zu nehmen, um den Unterschied aufzuzeigen. Ein paar Stücke Gips und Anhydrid gibt uns die Uni mit. Außerdem will ich wissen, warum der Fahrer nicht sehen kann, dass er zu viel Gewicht draufhat. Wir teilen uns. Stephan fährt zum Truckstore nach Erfurt und lässt sich dort von Jochen Deppe alles erklären. Ich kriege einen Schnellkurs zu den Unterschieden von Blattfeder und Luftfeder bei meinem Freund Uwe Hörning. Als wir uns am Abend in der Kneipe bei Bockwurst und Bier zum Austausch treffen, steht für uns fest: Kalle konnte es nicht merken. Weder am Fahrverhalten, noch daran, dass der Wagen einknicken würde. Die Luftfederung fängt das sofort auf.

Mit Waage und Gestein vor den Richter

Ein paar Wochen später steht Stephan Gruber mit Waage und Gesteinsbrocken vor dem Richter. Der lässt sich interessiert über Anhydrid und Gips informieren. Wohlmeinend bietet er an, einen Verstoß einzustellen. Einen müsse Kalle aber fressen. Der Chef hätte ja gut an der Überladung verdient. Der könne das Bußgeld doch zahlen. "Mitnichten!" meint Stephan, "Mitnichten." Hier wurde pro Fuhre abgerechnet. „Da hat der Transporteur nichts von gehabt. Und außerdem hat er wegen der mehrfachen Überladung und der fehlenden Waage an der Beladestelle den Auftrag gekündigt und darum hat er bis jetzt für die zwei Tage, die seine Männer gefahren sind, noch keinen Cent gekriegt." "Okay", meint der Richter, aber Kalle hätte das merken müssen. "Nein", sagt Stephan und gibt dem Richter einen Schnellkurs in Luft- und Blattfedern. Stephan beantragt zum Beweis der Tatsache, dass Kalle die Überladung nicht visuell und auch nicht vom Fahrverhalten her wahrnehmen konnte, ein Sachverständigengutachten. Der Richter mahnt, die Kirche doch im Dorf zu lassen. So doll seien die Überladungen nun auch nicht. "Dann stellen Sie doch bitte ein", fordert Stephan. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, das geht nicht." Mindestens 35 punktefreie Euro will der Richter. Das bisschen Nässe ist für uns erträglich.

*Name von der Redaktion geändert

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Autobahnkanzlei

Datum

7. Mai 2014
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