Fahrer engagieren sich, Sylvia Steinbach-Schulze, Ingo Schulze, Horst Fritsche, Melly Eisenträger Zoom

Fahrer engagieren sich: Ziemlich beste Freunde

Vor drei Jahren gründeten politisch engagierte Menschen die Kraftfahrer-Clubs Deutschland. Nun wächst der Verein langsam in die Fläche.

Es ist ein später Sonntagmorgen in einem Dorf bei Königslutter am Elm. Eine rote und eine blaue Sattelzugmaschine stehen, perfekt eingeparkt, auf dem beengten Vorplatz. Spät ist es in der Nacht davor geworden, doch nun sitzen Sylvia Steinbach-Schulze, Ingo Schulze und Horst Fritsche, der Vorstand der Kraftfahrer-Clubs Deutschland (KCD), schon wieder an den Laptops und posten freudige Botschaften über Facebook in die Fahrerwelt. Mit am Tisch sitzt Melanie "Melly" Eisenträger, die seit ein paar Wochen Ansprechpartnerin der Region Nord ist.

Schnell müssen sie sein im Internet – die ersten Kommentare stehen schon im Netz. Jetzt warten alle "Freunde" des KCD, dass sich auch die Organisatoren selbst zu Wort melden und Bilder zeigen. "Das ist alles manchmal ganz schön anstrengend", sagt Ingo, "denn als fest angestellter Lkw-Fahrer bleibt eigentlich nur das Wochenende, um unseren Internetauftritt zu pflegen oder Aktionen zu planen." Das bestätigt auch Horst: "Zum Glück konnte mein Chef für Montagmorgen eine Ladung aus Braunschweig nach Hamburg organisieren. Deshalb kann sich der Vorstand des Vereins heute einmal wieder in Ruhe treffen und die wichtigsten Dinge besprechen, die anliegen."

Hochwasserhilfe des KCD

Am Tag zuvor haben der harte Kern des KCD und ein gutes Dutzend freiwillige Helfer drei Sattelzüge voller Hilfsgüter und Geschenke nach Schönebeck bei Magdeburg gebracht. In den umliegenden Orten an der Elbe leiden etwa 50 Familien unter den Folgen des verheerenden Hochwassers vom Juni des letzten Jahres. Manche Häuser sind immer noch nicht bewohnbar.

"Mit den Medien ist auch das Interesse der Öffentlichkeit verschwunden", beklagt Sylvia. Schon im Sommer hatte sie innerhalb des KCD die "Starthilfe" ins Leben gerufen. Slogan: Fahrer helfen Fahrern. Hans-Jürgen Lankau, Fahrer bei der Spedition Kördel aus Guxhagen und Schriftführer im Vorstand, hatte die Betreiber des SVG-Autohofs Lohfeldener Rüssel an der A 7 für ein Benefizkonzert gewinnen können. "800 Euro kamen damals zusammen, die wir persönlich an den Verein ‚Suppe und Seele‘ in Schönebeck überreicht haben", erzählt sie. "Dabei entstand sofort auch die Idee, an Weihnachten einen Hilfskonvoi mit Sachspenden zu organisieren, die wiederum über André Sahorn vom ET-Radio und den Verein ‚Kinder brauchen unsere Hilfe‘ gesammelt wurden." Doch der schönste Coup: Dem Internetaufruf des KCD an die Fahrer, Weihnachtspakete für die Kinder nach Königslutter zu senden, folgten tatsächlich zahlreiche Kollegen. "Die leuchtenden Augen der Kinder in Schönebeck waren jede Zeit, die wir dafür aufgebracht haben, wert", beschreibt Horst das Gefühl. In seinem Magnum ist er mit zahlreichen Kindern eine Extra-Runde durch die Stadt gefahren. Die lokale Presse überschlug sich mit lobenden Worten. "Sicher haben wir auch etwas für das Image der Branche getan."

Aufmunternder Zuspruch von Kollegen

Seither häufen sich im Netz die positiven Meldungen und aufmunternden Zusprüche der Kollegen. Die „Starthilfe“-Seite ist mittlerweile ein Selbstläufer geworden, Fahrer schildern dort die Probleme von anderen Fahrern oder Menschen, die in Not geraten sind, bieten Kontakte an oder vermitteln sie. "Ich bin froh, dass wir neben unserem politischen Engagement auch eine soziale Seite haben, wo wir mit dazu beitragen können, dass Fahrern in Not unbürokratisch und schnell geholfen wird."

Entstanden ist der Verein durch einen Zufall. Vor drei Jahren haben sich Ingo, der damals für ein dänisches Transportunternehmen nach Norwegen fuhr, und Containertrucker Horst über ein Internetforum kennengelernt. "In Norwegen sind mir die lokalen Fahrerclubs aufgefallen, die sich in vielen Regionen gegründet haben", berichtet Ingo. "So etwas schwebte mir auch für unsere Fahrer vor. Doch erst als Horst etwas Druck gemacht hat, haben wir tatsächlich den Verein zusammen mit meiner Frau gegründet."

KCD mit Mitgliedsbeitrag von fünf Euro

Lange Zeit war der Name in der Szene der Fahrer selbst ein Nachteil, denn viele Kollegen fragten sich, wo denn die anderen Clubs seien. Jetzt wächst der KCD, der versucht, sich über den Mitgliedsbeitrag von fünf Euro im Monat zu finanzieren, in die Fläche. Praktisch sind vier regionale Clubs mit Fahrern, die vor Ort als Ansprechpartner fungieren, im Aufbau. "Das ist natürlich alles sehr mühsam", sagt Melly aus dem Norden. "Denn wir sind keine Gewerkschaft, das können wir gar nicht, aber wir versuchen, für die Probleme der Menschen am Steuer Öffentlichkeit zu schaffen."

Der erste Versuch, sich 2012 mit anderen Fahrern gegen das drohende Sozialdumping in der Transportbranche zu solidarisieren, scheiterte trotz guter Organisation vor allem an der Schwierigkeit, Fahrer überhaupt dazu zu bewegen, sich für die eigenen Belange einzusetzen. Doch mit vier sehr gelungenen Demonstrationen gegen die vollkommene Freigabe der Kabotage in Berlin, Lübeck, Dortmund und Aschaffenburg, zum Teil in Kooperation mit der nicht minder aktiven Actie in de Transport um Udo Skoppeck und seine Mitstreiter, hat sich der KCD den nötigen Respekt verschafft – auch in der Politik. "Wir knüpfen derzeit intensive Kontakte zu ähnlichen Fahrerorganisationen  und Gewerkschaften im angrenzenden Ausland", sagt Ingo.

Derzeit laufen die Vorbereitungen für mehrere Sternfahrten in den europäischen Regierungsstädten. Für Berlin ist ein Termin im Mai anvisiert. "Vor den Wahlen zum EU-Parlament wollen wir noch einmal die Öffentlichkeit mobilisieren, zur Wahl zu gehen." Das wollen Verdi und der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) mit ihrem „Bündnis gegen Sozialdumping" auch. Mal sehen, ob man diesmal zu Aktionen zusammenfindet.

Clublandschaft

Die Kraftfahrer-Clubs Deutschland e. V. sind ein Verein von und für Kraftfahrer. Er wurde am 26. Februar 2011 auf Initiative von Sylvia Steinbach-Schulze, Ingo Schulze und Horst Fritsche in Königslutter am Elm gegründet. Mittlerweile gibt es bereits vier regionale Ansprechpartner:

Region Nord: Melanie Eisenträger
 29584 Groß Thondorf 
Tel.: 0 58 28/5 56 97 40
M. Eisenträger-KCD@gmx.de

Region Mitte: Hans-Jürgen Lankau
 37235 Hessisch-Lichtenau
 Tel.: 01 78/5 45 72 40

Hans-J.Lankau-kcd@gmx.de

Region Ost: Peter Serve 
06667 Weißenfels
 Tel.: 0 34 43/80 21 28

p.serve-kcd@gmx.de

Region Süd: Klaus Dingler
 91781 Weißenburg
 Tel.: 0 91 41/8 45 95 19

k.dingler-kcd@gmx.de

Die nächste große europäische Aktion ist für den 10. und 11. Mai in Berlin geplant.
Aktuelle Termine und Infos unter: 
www.kraftfahrerclubsdeutschland.de

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

11. April 2014
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