Tiertransporte Zoom

EU-Richtlinie: Acht Stunden sind das Ziel

Klaus und Oswald Hüfner aus Bad Brückenau sind umgestiegen: von Stier auf Stahl. Seit 1989 hatte die Spedition unter anderem Zuchtbullen nach Spanien gefahren. Aus wirtschaftlichen Gründen lohne sich das Geschäft nicht mehr, sagte Klaus Hüfner, technischer Leiter der Spedition.

2005 strich die EU ihre Exportsubventionen für Schlachtvieh. Im Folgejahr verloren die Hüfners einen Hauptkunden, der seinen Betrieb dichtmachte. Im Januar 2007 trat dann die Verordnung (EG) Nr. 1/2005 zum Schutz von Tieren beim Transport in Kraft. Das hat den Hüfners die Lust auf Viehtransporte endgültig verdorben. Vor einem Jahr haben sie ihre zehn Viehauflieger verkauft. "Das kannst du vergessen", sagt Seniorchef Oswald Hüfner, während Klaus Hüfner kritisiert, dass in anderen Ländern Transporte billiger sind, weil EU-Gesetze nicht so streng kontrolliert würden. Speditionen fahren die Schlachtbullen jetzt oft von Ungarn aus zum Schächten in den Libanon oder in die Türkei.

Die aktuelle Gesetzeslage

Um zu klären, welche Schlupflöcher die aktuelle Gesetzeslage bietet, hat die EU-Kommission im November einen Bericht vorgelegt. Darin ist von Marktverzerrung die Rede. Die Einhaltung der Regeln werde nicht überall gleich scharf kontrolliert, was auch die Bundesregierung kritisiert. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) will sich laut Sprecher für "eine rigorose Umsetzung der Gesetze in allen Mitgliedsstaaten" bei der EU-Kommission einsetzen.

1997 trat die Tiertransportrichtlinie in Kraft

Seit 1993 hatte das EU-Parlament immer wieder strengere Regeln gefordert, mit gewissem Erfolg. 1997 trat die Tiertransportrichtlinie in Kraft. Ein Bericht deckte jedoch auf, dass es erhebliche Mängel insbesondere bei den Kontrollen gab. In einem Entschließungsantrag forderte das Parlament die Kommission zur Korrektur auf: Tiertransporte sollten auf acht Stunden oder 500 Kilometer beschränkt werden. Ferner empfahlen die Abgeordneten, vermehrt auf Kühlfleisch umzusteigen, die Fleischerzeugung zu regionalisieren und die Kontrollen zu verstärken, berichtet Martin Häusling, Tierschutz-experte der Grünen im EU-Parlament. Daraufhin führte die EU mit besagter Verordnung schärfere Regeln vor allem für Langstreckentransporte ein und definierte, wer in der Transportkette welche Aufgaben zum Schutz der Tiere hat.

Wer Tiere befördert, braucht jetzt eine Zulassung. Ein Satellitennavigationssystem ist obligatorisch, ebenso Temperaturregelsysteme und Tränken im Anhänger. Die Pausenzeiten sind nach Tierarten klar geregelt: Ein 24-Stunden-Stopp ist Pflicht.

Transportgut auf Europas

StraßenAm Ergebnis scheiden sich aber wieder einmal die Geister. 
37 Millionen lebende Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe und Pferde waren 2009 als 
Transportgut auf Europas Straßen und über EU-Grenzen hinweg unterwegs – auf dem Weg zum Schlachthof, zum Mastbetrieb, zum Züchter. Dazu kamen rund eine Milliarde 
Puten, Hühner und anderes Geflügel. Zwischen 2005 und 2009 stieg die Zahl der Tiertransporte um fast ein Drittel, die Zahl der transportierten Schweine nahm um 70 Prozent zu – die Hälfte reiste von den Niederlanden oder Dänemark nach Deutschland.

Die Tiere haben zusätzlich Stress

Siegfried Röck ist internationaler Tiertransporteur aus Altusried. Aus seiner Sicht hat die 24-Stunden-Pause nichts für den Tierschutz gebracht. "Die Tiere haben zusätzlich Stress durch das Auf- und Abladen, kommen in einen fremden Stall mit fremdem Futter", sagt Röck. Richtig sei es aber gewesen, die Standfläche zu erhöhen, dadie Tiere sich jetzt alle hinlegen könnten. Was noch fehle, sei die Freigabe der Lkw-Höhe auf 4,20 Meter.
"In Frankreich können wir die Decken jetzt schon hochsetzen und machen das im Sommer auch, damit die Tiere mehr Luft haben", sagt der Unternehmer. Für den nationalen Verkehr dürfen die EU-Staaten von vier Metern abweichen. Neben den Briten und Österreichern erlauben das immerhin ein Drittel aller EU-Länder.

Partner der bayrischen Zuchtverbände

Röcks Spedition ist seit 64 Jahren im Geschäft. Als Partner der bayrischen Zuchtverbände fährt er mit seinen 15 Aufliegern Zuchtrinder vor allem nach Frankreich. "Es geht um eine teure Ware und deshalb achten alle Beteiligten darauf, dass die Tiere gut und schnell ankommen", sagt Röck über die Selbstkontrolle der Branche. Kommt eines der jeweils 33 Rinder beim Transport zu Schaden, droht Abzug und der Verlust des Auftrags. Bei einem Wert von bis zu 2.500 Euro pro Tier kommt da schnell was zusammen.

Die Qualität beim Tiertransport hat sich deutlich verbessert

Lob für die EU-Richtlinie kommt vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) in Frankfurt. "Wie der Bericht zeigt, hat sich die Qualität beim Tiertransport deutlich verbessert", sagt Sprecher Martin Bulheller. Der BGL führt dies auf besser ausgestattete Fahrzeuge und einen korrekten Umgang mit den Tieren durch geschultes Personal zurück. Probleme gebe es nur durch Schlampereien bei Schlachtviehhändlern. "Wir erwarten von der Politik eine angemessene Kontrollpraxis, um den schwarzen Schafen im Tiertransport konsequent das Handwerk zu legen", fordert der BGL. Tiere seinen keine Ware, die beschädigt ankommt, sondern Individuen, die Schmerzen und Leid fühlen.

Mehr und bessere Kontrollen

Mit dieser Kritik stößt er bei EU-Politiker Martin Häusling auf offene Ohren. "Wenn Tiere aus Europa stundenlang an der Grenze zwischen Drittstaaten in  brütender Hitze auf Abfertigung warten, sind wir mitverantwortlich für deren Leid", sagt Häusling. "Um zu verhindern, dass Speditionen sich aus Profitgründen leichtfertig über Vorschriften hinwegsetzen, brauchen wir mehr und bessere Kontrollen sowie wirkungsvollere Sanktionen", fordert der Abgeordnete.

Handbuch Tiertransporte

Die EU-Kommission räumt starke nationale Unterschiede in der Auslegung der Verordnung und bei den Kontrollen ein. Ein wichtiger Knackpunkt sei das Navigationssystem, das die amtliche Überprüfung von Lenk- und Ruhezeiten erleichtern soll, aber in vielen Lkw fehlt oder nicht benutzt wird. Hier bestehe dringend Handlungsbedarf. Eine Ausarbeitung von Leitlinien für die bewährte Praxis, wie sie in Deutschland mit dem "Handbuch Tiertransporte" vorliegt, soll alle Beteiligten zur Einhaltung der Richtlinien ermuntern.

Ein Überwachungssystem alarmiert den Fahrer


Für Marius Tünte, Sprecher des Deutschen Tierschutzbunds, hat die EU beim Tierschutz noch viel zu tun. Seine Hauptkritik richtet sich gegen Transportzeiten von bis zu 29 Stunden ohne Abladen, hohe Ladedichten und die Reisetemperatur der Tiere. Erlaubt sind 0 bis 35 Grad. Ein Überwachungssystem alarmiert den Fahrer, falls Temperatur oder Lüftung aus der Norm geraten. Aber sind nicht die Vorgaben schon falsch, fragt der Tierschützer.

Polizei stoppt überladenen Kälbertransport

Bei Verstößen wird, wenn nötig, gleich eingegriffen, sofern sie aufgedeckt werden. Stehen die Tiere zu dicht, wird ein Teil umgeladen, falls der Ziel- oder Startort zu weit entfernt ist. Wie in diesem Fall: "Polizei stoppt überladenen Kälbertransport", titelte der Südkurier vor einem Jahr. Auf dem Weg von Altusried nach Barcelona mit 264 Kälbern auf drei Stockwerken musste der Lkw-Fahrer nach nur 137 Kilometern eine Zwangspause einlegen. Trotz einer (nicht erlaubten) Gesamthöhe von knapp 4,10 Metern stießen laut zuständige Autobahnpolizei einige Kälber mit Rücken und Kopf an der Decke an.

Schwerpunktkontrollen der Autobahnpolizei

Das hinzugerufene Veterinäramt ließ 25 Tiere umladen, dann ging die Fahrt nach Spanien unverletzt weiter. Neben den Schwerpunktkontrollen der Autobahnpolizei nimmt das zuständige Veterinäramt den Transport vor der Abfahrt und bei der Ankunft ab. Doch offenbar reicht das nicht immer aus. Geht der Transport ins Ausland, wird an der Grenze überprüft.

Zwei Drittel der Tiere haben ihr Ziel nach spätestens acht Stunden erreicht, wie dies die Online-Petition 8-Hours fordert. Eine Millionen Menschen unterstützen die Aktion und fordern mit Initiator Dan Jørgensen die EU-Kommission zum Handeln auf (siehe Kasten links). Auch das EU-Parlament hatte 2001 ein Acht-Stunden-Limit verlangt.

Maßnahme für eine Regionalisierung der Nahrungsmittelkette

"Die Bundesregierung unterstützt eine weitere Begrenzung von Tiertransportzeiten in der EU", erklärt ein Sprecher von Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner auf Nachfrage von trans aktuell. Auf der Internationalen Grünen Woche will sie das in einer Studie erarbeitete Konzept für ein bundesweites Regionalsiegel vorstellen – als Maßnahme für eine Regionalisierung der Nahrungsmittelkette. Durch die Zentralisierung von Schlachthöfen sind die Transportwege zuletzt immer länger geworden. Religiöse Bedürfnisse nach bestimmten Schlachtformen kommen hinzu.

Ein wissenschaftliches Gutachten fordert eine Neuberechnung der Besatzdichte

Neben der zulässigen Transportzeit steht der Raumbedarf pro Tier ganz oben auf der Agenda. Ein Beispiel: Auf einem Quadratmeter Fläche müssen 2,35 Schweine mit je 100 Kilo Gewicht Platz finden. Jedes Schwein hat weit weniger als einen halben Quadratmeter, und soll dabei 
noch liegen können. Zu wenig, bestätigt ein wissenschaftliches Gutachten vom Dezember 2010 und fordert eine Neuberechnung der Besatzdichte und ein Drittel mehr Platz pro Schwein.

Das Handbuch Tiertransporte

Für die Raumhöhe, die den Tieren zur Verfügung steht, gibt es allgemeine Vorschriften, aber keine konkreten Mindestangaben. Das "Handbuch Tiertransporte" empfiehlt mindestens 20 Zentimeter Luft über einem Rind. Würde dann eine Gesamthöhe von 4,20 Metern für Rindertransporte auf zwei Ebenen ausreichen? EU-Politiker Häusling zweifelt daran. "Die EU-Kommission muss jetzt klarstellen, ob künftig Lkw standardmäßig  höher als vier Meter sein dürfen", fordert er.

Eine allgemeine Änderung der bestehenden Höhenvorschrift

Für Ministerin Aigner wären auch tiefer gelegte Fahrzeuge denkbar. In der Erhöhung auf 4,20 Meter sieht ihr Sprecher "eine Möglichkeit, tierschutzfachlich gebotene Anforderungen und wirtschaftliche Belange zusammenzuführen". Bundes-
verkehrsminister Dr. Peter
Ramsauer winkt mit 
Verweis auf geltendes Recht und die deutsche Infrastruktur ab: "Eine allgemeine Änderung der bestehenden Höhenvorschrift oder auch eine allgemeine Ausnahmeregelung für bestimmte Transportarten oder Branchen kommt nicht in Frage", sagt sein Sprecher.

Von Stier auf Stahl

Die verschärften Anforderungen für den Tierschutz haben die Transportfirmen alleine bezahlt: Durchschnittlich 11.900 Euro für die Aufrüstung eines Anhängers mit Isolierdach, Tränke, Navigations- und Temperaturregelsystem. Dass sie ihre Investitionen nicht über die Preise weitergeben konnten, liege wohl am starken Konkurrenzkampf in der Branche bei sinkenden Gewinnen, vermutet der EU-Bericht. Bis die Richtlinien überall einheitlich umgesetzt sind, heißt es warten oder Umsteigen – von Stier auf Stahl.

Neue Regeln zum Tierschutz

  • Nur unverletzte, gesunde Tiere dürfen befördert werden
  • 
Seit 2007 sind Pausen je nach Tierart geregelt: bei Schweinen nach 24 Stunden bei ständigem Wasserzugang; bei Rindern, Schafen und Ziegen nach 14 Stunden 1 Stunde Pause, dann wieder 14 Stunden Fahrt. Wer noch weiterfährt, muss die Tiere für 24 Stunden abladen, füttern, tränken und Ruhen lassen, bevor der Transport weitergehen kann.
  • 
An der Besatzdichte hat sich nichts geändert. Sie ist nach Tierart, Alter und Gewicht geregelt.
  • 
Die Raumhöhe ist nur bei Pferden und anderen Equiden festgesetzt. Eine Vollzugshilfe liefert das Handbuch Tiertransporte der Bundesländer, das zum Beispiel für Rinder 20 Zentimeter Platz über dem größten Tier fordert, was auch die EU-Kommission fordert.

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2. Februar 2012
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