Truckerpaar Fritsche Zoom

Ein Ehepaar, eine Firma, zwei Lkw: Zusammen auf Achse

Alexandra und Horst Fritsche sind nicht nur seit 24 Jahren verheiratet. Jetzt fahren sie auch noch mit zwei Lastwagen für dasselbe Unternehmen.

Das wirklich Beste, was einer guten Ehe passieren kann, sind gemeinsame Interessen. Für Alexandra und Horst Fritsche ist das etwa die Kultserie "Auf Achse". Jetzt, im Winter, an den eher trüben Sonntagnachmittagen, sitzen sie beide gern daheim in Westerhorn, einem Dorf im Dreieck zwischen der A 7 und der A 23, auf dem Sofa. Es läuft "Fliegender Start" aus dem Jahr 1980. "Es hat sich seither nicht wirklich viel geändert", kommentiert Horst. "Frachtraten unterm Selbstkostenpreis, nicht gezahlte Löhne, Pleiten und Insolvenzverschleppung – sogar die billige Konkurrenz aus Osteuropa gab es damals schon. Nostalgie hin und her, aber früher war eben auch nicht alles besser. Schon gar nicht im internationalen Transportgewerbe."

Einen fliegenden Start haben Alexandra und Horst mittlerweile jede Nacht zu Montag. Sie muss meist früher raus als er, nämlich kurz vor Mitternacht. Alexandra fährt in die Niederlande. Der Termin beim Kunden ist um neun Uhr morgens, Fracht aus Dänemark entladen. Er dagegen hat den ganzen Tag Zeit, um in Ruhe über die A 7 zu fahren. Verzollung ist erst am Dienstag. Horst bringt Bäume aus einer Baumschule in die Schweiz. Er liebt seine entspannte Tour: mit der Rückladung die lange Strecke bis nach Kopenhagen, vorladen und Freitag Feierabend in Westerhorn. "Wenn wir Glück haben, dann treffen wir uns am Donnerstag in Dänemark", sagt sie. "Aber meistens fahren wir doch aneinander vorbei. Entscheidend ist deshalb, dass wir am Wochenende viel gemeinsam machen." Für beide gilt der Geheimtipp einer glücklichen Beziehung: den anderen so sein lassen, wie er ist. Freiheit und so. "Damit sind wir bislang sehr gut gefahren."

Kindheitstraum Fernfahrer

Seit 27 Jahren sind Alexandra und Horst jetzt zusammen und seit 24 Jahren verheiratet. Der erste Enkel ist auch schon da. Horst ist gelernter Schmied, sie gelernte Einzelhandelskauffrau. Beide haben immer gearbeitet. Als die beiden Kinder Natascha, heute 22, und André, heute 18, auf die Welt kamen, haben sie zuerst ein klassisches Familienleben geführt: er im Baugewerbe, Innenausbau, viel Büroarbeit. Sie fuhr mit Klasse-3-Führerschein eine Zeit lang für eine Möbelspedition. "Die Kindererziehung haben wir uns geteilt", erzählt Alexandra. "Ich war damals viel zu Hause", sagt Horst, "aber der Papierkram war doch nichts für mich." Er fuhr dann noch eine Weile lieber Radlader.

Schließlich erfüllte sich Horst einen Kindheitstraum und wechselte 2007 als Fahrer in die Transportbranche. Er hat in Dänemark gearbeitet und machte dann fünf Jahre lang für ein kleines Unternehmen aus Elmshorn Containertrucking aus dem Hamburger Hafen. Und Alexandra erwarb 2009, noch bevor es die gesetzliche Pflicht zur Beschleunigten Grundqualifikation gab, auf eigene Initiative den Führerschein C/CE. "Damals war unsere Tochter 18 Jahre alt, der Sohn 15", sagt Alexandra. "Ich habe sie ­gefragt, ob es in Ordnung ist, wenn ich auch in den Fernverkehr gehe. Und sie hat geantwortet, sie würde schon auf den Bruder aufpassen, wenn ich auf Tour bin. Meistens habe ich ihn dann aber von unterwegs aus dem Lkw geweckt."

Zickentaxi

Die beiden beladenen Sattelzüge von Hansen aus Idstedt stehen draußen auf der Straße: zwei Volvo mit jeweils 460 PS. Gut, einen kleinen Unterschied in einer eigentlich gleichberechtigten Fernfahrer-Ehe muss es wohl noch geben: Horst fährt das etwas jüngere Modell. "Das gönne ich ihm", lacht Alexandra. Zickentaxi steht zwar bei ihr an der Fahrertür. Das sei allerdings nicht ernst gemeint. Ein Kuss, ein Kaffee – dann ist sie aus der Tür. "Nein", sagt sie, "ich stehe in dem Job nicht meinen Mann, wie es immer so schön heißt. Ich mache den Beruf als Frau einfach gerne und gut. Punkt." Sie hält sich ganz bewusst von den Fahrerinnengruppen auf Facebook fern. "Da wird mir oft zu viel gejammert, wie hart der Beruf für Frauen doch ist. Das kann ich nicht verstehen." Am Anfang war es nicht so leicht, eine Stelle für Alexandra in seiner Firma zu finden. Der Chef hatte sich geziert. Dann war ein Fahrer, der einen Schubbodenauflieger übernehmen sollte, nicht gekommen. Horst hatte eine Idee. "Ich würde den Schubboden fahren, denn mit der Technik kenne ich mich aus, habe ich dem Chef vorgeschlagen. Und dass Alexandra ja dann meinen Renault Magnum übernehmen könnte."

Familienleben als Fernfahrerpaar

Der Chef willigte ein. Alexandra bekam die Stelle. "Aus Liebe zu meiner Frau bin ich auf einen anderen Lkw umgestiegen." Erst als der Disponent dort aufhörte und es öfter zu Unstimmigkeiten kam, wechselte Horst zu Hansen. "Ich konnte den Hamburger Hafen nicht mehr sehen und wollte wieder Plane fahren", sagt Horst. Alexandra ging für drei Monate zu einer dänischen Firma, wechselte schließlich aber auch zu Hansen. "Dort gibt es jetzt fünf Frauen. Eine fährt mit Ihrem Mann zusammen auf einem Lkw. Aber das wäre nichts für uns."

Ein normales Familienleben führen Ale­xandra und Horst auch weiterhin. "Nur, dass ich jetzt unter der Woche selbst mit dem Lkw in Europa unterwegs bin", sagt Alexandra. Für sie ganz normal – kein großes Gerede. Sie ärgert sich eher, wenn irgendwelche "Hornochsen", wie sie schon mal bei Facebook postet, bei Stau mit ihrem Lkw die Rettungsgasse versperren. Und dann muss sie noch etwas loswerden. "Neulich habe ich bei Youtube so ein Lied gehört – von einer Kerstin. "Truckerfrauen weinen heimlich". Das ist doch Klischee pur. Absolut nichts für mich. Horst weint ja auch nicht, wenn er am Montag länger schlafen darf als ich."

Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 02/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

14. Januar 2016
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