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Drei Nachrüst-Sitze im Vergleich: Reserve–Bank

Aufwertung oder Austausch des Originalsitzes gefällig? Grammer, Isringhausen und Recaro haben in Sachen Nachrüstung einiges zu bieten.

Rund drei Monate des Lebens verbringt der Mensch mit Küssen und 22 Jahre mit Schlafen – wie viel er sitzt, lässt sich pauschal nicht genau sagen, denn das hängt stark vom Job ab. Klar aber ist: Lkw-Fahrer dürften zu denen gehören, die im Sitz-Ranking ganz oben auftauchen. Experten haben errechnet: Mehr als 1.500 Stunden sind es durchschnitt­lich im Jahr, die ein Fahrer sitzend hinterm Lenkrad verbringt.

Gesund geht anders. Die Statistik weist aus, dass 40 Prozent aller Lkw-Fahrer ernst zu nehmende Probleme mit der Wirbelsäule haben. Deswegen halten die meisten den Job kaum bis zur Rente durch. Nur fünf Prozent aller Fahrer arbeiten bis zum 65. Lebensjahr.

Wie gut der Einzelne das Kreuz mit dem Sitzen jeweils wegsteckt, darüber entscheiden vielerlei Faktoren. Individuelle Veranlagung ist das eine, Fitness das andere. Unbestritten gilt aber auch, dass die Qualitäten des Sitzes ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben. Die beste Qualität nützt allerdings wenig, wenn es am richtigen Gebrauch hapert.

Die "Aktion Gesunder Rücken" bringt es sogar auf folgenden Nenner: "Vielfach sind die falsche Sitzhaltung oder ein falsch eingestellter Sitz die Ursache für Rückenschmerzen oder Verspannungen." Zudem ist der serienmäßig gelieferte Standardsitz im Lkw meist noch nicht das Optimum in Sachen Qualität und Komfort. Warum sollte es sonst auch eine so hübsche Latte an Zusatzoptionen und Nachrüstmodellen geben? Drei Sitze wählte die Redaktion für den Vergleich von frei beziehbarem Top-Gestühl für die Nachrüstung aus, das in der Regel deutlich preiswerter ist als die sogenannten Original-Ersatzteile der Hersteller: den Kingman von Grammer, das ganz neue Modell NTS2 von ISRI sowie den Newcomer C 7000, mit dem Recaro seit Kurzem als Dritter im ­Bunde der großen Erstausrüster auftritt.

Recaro kommt im Hightech-Look

Ihm ist auf Anhieb anzusehen, dass seine Väter viel Erfahrung mit Sitzen für Sport­wagen mitbringen – dazu zählt auch die schicke Schale und davon bringt der C 7000 von ­Recaro reichlich mit. Wuchtig kommt er mit ebenso üppigen wie betonten Kurven daher. Bei den Materialien handelt es sich um einen optisch ansprechenden Mix aus glattem ­Leder und Flachgewebe im Hightech-Look.

Die Kandidaten von Grammer und Isringhausen treten dezenter auf. Beide halten es bei der Farbgebung mehr nach dem Motto "Ton in Ton". Eher kompakt konzipiert, setzt das Grammer-Gestühl bei der äußeren Kontur auf wildlederartiges Alcantara-Material. Die zentrale Partie des Sitzes besteht ebenfalls aus Flachgewebe. ISRI hat sich beim Bezug dem Textilen verschrieben und verwendet ein recyceltes Material namens Polyester-TexBlue mit einem TexClean genannten Finish.

Hoch aufgeschossen kommt die Lehne des ISRI-Sitzes daher, der nicht nur deshalb den geschlossensten Eindruck unter allen Kandidaten macht: Auch sein Unterbau zeigt im Profil die geringste Zerklüftung, was den Designern wichtig war: "Zuerst schaut der Fahrer den Sitz einmal von unten an", sagt ISRI-Gestalter Karl-Heinz Wagener. "Deshalb wollten wir auch aus dieser Perspektive ein geschlossenes Ensemble."

Erst mal Platz genommen, treten weitere Unterschiede zwischen den Kandidaten zutage. Der Grammer-Sitz zum Beispiel ist eher straff gepolstert. ISRI hat den NTS2 mit ­etwas weicheren Schäumen ausgestattet, die das Popometer als medium klassifiziert. ­Recaro hält es bei der Sitzfläche ebenfalls mit weicher Polsterung, zieht die Zügel im Lehnenbereich aber etwas an. Rücken und Schulter sind beim C 7000 strammer ge­bettet als das Gesäß. Wobei für die Sitz­fläche des Recaro-Gestühls gilt: Sie ist die Breiteste im Feld und verfügt als Einzige über einstellbare Seitenwangen.

Verschiedene Dimensionen

Wenn die Dimensionen passen, ist das eine wunderbare Sache. Die Meinungen von insgesamt vier Testern mit jeweils unterschiedlichem Körperbau gehen jedoch auseinander. Einer mit einer eher stattlichen Statur aus der Zwei-Zentner-Klasse zum Beispiel bemängelte, dass ihn die ausgeprägte Kontur der unteren Seitenwangen zu stark einschnüre. Für das Leichtgewicht aus der 63-Kilo-Ecke wiederum war ein Zuviel an unreguliertem Platz auf dem Sitzkissen des C 7000 vorhanden: Die Passform der beiden anderen Sitze jedenfalls polarisiert bei ­Weitem nicht so stark.

Wobei der NTS2 von ISRI insgesamt ­besser wegkommt als der Kingman von Grammer. Wo der Recaro-Sitz bei der Konturierung vielleicht schon etwas zu viel des Guten tut, da hält sich der Kingman-Sitz aus  dem Hause Grammer fast schon zu stark ­zurück. Die goldene Mitte dürfte in dieser Hinsicht bei ISRI liegen.

Der Grammer-Sitz befindet sich in ­puncto Passform auch unter einem anderen Aspekt im Nachteil: Ihm fehlt es ganz einfach an einer Extraverstellung der Schulterpartie. Was die sonstige Ausstattung der Sitze angeht, schenken sie sich nicht viel. Eine zweistufige Lordosestütze – ganz wichtig für die orthopädisch korrekte Einstellung – ist bei allen vorhanden. Ebenso eine Entlüftung der Lehne, die einem verschwitzten und somit besonders zuganfälligen Rücken entgegenwirkt. Der ISRI-Sitz hinkt seinen beiden Kollegen insofern grundsätzlich etwas hinterher, als dass ihm eine Horizontalfederung des Sitzkissens fehlt und eine Entlüftung der Lehne nur als Extra geliefert wird.

Bei den Verstellwegen aber marschiert das ISRI-Modell munter voran: Das beginnt bei 55 Millimeter Höhenverstellung für den Auslass des Gurts und hört bei besonders großen Verstellwegen in Länge und Höhe noch nicht auf. Mit nur 385 Millimetern oberhalb des Kabinenbodens bringt die Schnell­absenkung des ISRI-Sitzes den Mann am Steuer so tief ins Parterre wie keiner der beiden anderen Kandidaten.

Höhenautomatik bei Grammer und Recaro

Beim Auslass des Gurts verzichten sowohl Grammer als auch Recaro auf eine Extra­verstellung der Höhe und bedienen sich stattdessen einer "Smiley" genannten Konstruktion, die als eine Art Höhenautomatik fungiert: Da kann der Gurt auf einer schräg gestellten Kurve in der Höhe genau so verfahren, wie es die Oberkante der Schulter jeweils vorgibt. Keinerlei Extragefummel ist der Vorteil dieser Automatik, deren Varianz aber etwas geringer ist als die der aufwendigen Lösung bei ISRI. Am anderen Ende der Leine, beim Gurtschloss, bietet sich fol­gendes Bild: Beim Grammer-Sitz geht das Versenken des Ankers mit einem gewissen Gefummel einher. Beim C 7000 von Recaro liegt das Gurtschloss etwas versteckt: weit hinten und im Knick zwischen Sitzfläche und Lehne. Nur beim ISRI-Sitz findet die Hand das Gurtschloss auf Anhieb wie von selbst.

Genauso wichtig wie der Verstellbereich als Ganzes ist aber die Präzision, mit der sich die Höhe einstellen lässt. Da bietet sich folgendes Bild: Acht Schritte à 12,5 Millimeter sind bei Grammer möglich. Mit ebenfalls acht Schritten, aber in 15-Millimeter-Stufen, kann der Recaro-Sitz aufwarten. Auf zehn Stufen, und zwar in Schritten von jeweils 12,0 Millimetern, bringt es der Sitz von ­Isringhausen. Keine Frage, dass der in dieser Hinsicht als Primus gelten muss.

Unterschiede zwischen den Sitzen gibt es nicht zuletzt in der Bedienung. Hier gilt zwar einerseits, dass der Fahrer sich irgendwann ohnehin an alles gewöhnt und Übung den Meister macht. Andererseits sind geringe Bedienkräfte, logisches Bedienkonzept und angenehme Haptik aber auch Dinge, die das Leben an Bord versüßen können, vor ­allem bei häufigen Fahrzeugwechseln.

Recaro mit den härtesten Kontrasten

Die härtesten Kontraste bei Licht und Schatten bietet in dieser Hinsicht der Sitz von Recaro. Eine geniale Idee ist zum Beispiel die sogenannte Schnellentriegelung für die Längsverstellung: Da reicht ein Griff zwischen die Knie, um den ganz unten angesiedelten Bügel per Bandschlingen-Verlängerung äußerst bequem zu entriegeln. Bei Grammer und ISRI ist dagegen die traditionelle tiefe Verbeugung fällig, um dasselbe zu bewirken. Weitere Besonderheit bei Recaro: Die Schnellabsenkung geht nahezu geräuschlos vonstatten, da die Konstrukteure dem Mechanismus einen Schalldämpfer zur Seite stellen. Kingman sowie NTS2 machen im Gegensatz dazu akustisch kein Hehl daraus, dass schnelles Absenken mit schlagartiger Entweichung der Luft zu tun hat.

Womit sich der Recaro-Sitz aber unrühmlich hervortut, ist ein gewisses unangenehmes Knarzen, das manche Schalter und Taster beim Einstellen von sich geben. Ihr harter, nackter Kunststoff schmeichelt der Hand obendrein genauso wenig wie die teilweise hohen Bedienkräfte, die sie fordern. Zudem finden sich Hand sowie Finger beim C 7000 von Recaro am wenigsten intuitiv zurecht: Die Klaviatur der Bedienelemente erfordert ein vorheriges Einstudieren und funktioniert am Anfang nur bei geöffneter Lkw-Tür.

Grammer geht genau den entgegengesetzten Weg. Fast schon blind kann der Fahrer anhand des Layouts der Bedienelemente die Funktion im Einzelnen ertasten. Und da die Markierung anhand von Pfeilen oder Symbolen ebenso eindeutig wie leicht mit einem Seitenblick zu erhaschen ist, ragt dieses Ensemble in puncto Einfachheit des Bedienkonzepts eindeutig heraus. Was die Freude daran wieder etwas trübt: Das Einstellen ist hier und da nicht so akkurat wie erhofft. Als Muster an Leichtgängigkeit ist die Klavia­tur des Kingman auch nicht zu bezeichnen.

Den goldenen Mittelweg beschreitet hier wieder einmal der NTS2 von ISRI. Die Haptik der Griffe und Schalter ist ausgezeichnet. Der von Isringhausen verwendete Kunststoff verfügt über einen angenehm weichen Griff. Zusätzliche Riffelung lotst die Hand genau dahin, wo sie anzugreifen hat. Geringe Be­dienkräfte sowie hohe Akkuratesse der Einstellung sind weitere Stärken beim ISRI-Sitz.

Welcher ist der beste?

Schwierig zu sagen, welcher der drei Sitze unterm Strich der beste ist. Wie gut all das dem Einzelnen jeweils mundet, ist zu weiten Teilen nicht nur Geschmackssache, sondern auch vom Körperbau abhängig. Fest steht, dass jeder der hier getesteten Sitze seine Eigenarten hat. Der Kingman von Grammer geht aus der Diskussion als Konzept von eher moderatem Ehrgeiz, aber auch mit erfrischend einfacher Bedienung hervor.

Der Newcomer C 7000 von Recaro wiederum will unübersehbar hoch hinaus und bringt manch neue und durchaus brillante Einzellösung mit sich. Er hat aber auch ­gewisse Schwächen. So kommt er in manchen Details mit einem polarisierenden Wesen daher, an dem die Geister sich auch scheiden können.

Als sehr harmonisch konzipierter Allrounder reinsten Wassers und ein Sitz fast ohne nennenswerte Schwächen hat sich der NTS2 von Isringhausen entpuppt: Er kann einfach fast alles gut bis sehr gut.

So testete Fernfahrer

Drei Sitze, vier unterschiedliche ­Staturen: Das sind die Eckpunkte des großen Lkw-Sitztests, den FERNFAHRER zusammen mit der Spedition Bichler und der MAN-Werkstatt in Gersthofen bei Augsburg durchführte. Die Praxiskomponente kam dabei nicht zu kurz: Fahrer Christian Karl Lamneck prüfte jeden Sitz – eingebaut in seinen handgeschalteten Dreiachser MAN TGS 26.480 – jeweils im zweiwöchigen Einsatz auf Herz und Nieren. Statisch, aber mit angeschlossener Druckluft nahmen zwei Redakteure sowie Sitzexperte Jens Löhn von der Aktion Gesunder Rücken das Stühle-Trio unter die Lupe. Sie alle vergaben Schulnoten für die maßgeblichen Kriterien beim Lkw-Sitz. Der Durchschnitt daraus ergibt die Wertungstabelle. Da Sitze in vielerlei Hinsicht aber auch eine subjektive Sache sind, ver­öffentlicht FERNFAHRER am Schluss der Wertungstabelle obendrein, wie weit das Spektrum der individuellen Wertungen von der besten bis zur schlechtesten Note reicht.

Richtig sitzen

Gefragt, was der häufigste Fehler beim Einstellen des Sitzes sei, antwortet Experte Jens Löhn von der Aktion Gesunder Rücken ohne Umschweife: "Zu stark aufgepumpte Lordosestütze." Für sie gilt: Die Lordosestütze sollte am Lendenwirbelbereich satt anliegen, aber keinesfalls drücken. Als richtige Reihen­folge fürs Einstellen des Sitzes empfiehlt die Aktion Gesunder Rücken folgenden Ablauf:

  1. Pneumatisches Schwingsystem einschalten (sofern vorhanden). 
  2. Sitzhöhe einstellen. Als richtige Höhe gilt: Die Oberschenkel sollten bequem auf der Sitzfläche aufliegen. Pedale müssen sich durchtreten lassen, ohne dass zwischen Oberschenkel und Sitzfläche zu großer Druck entsteht.
  3. Mit dem Gesäß an die Lehne heranrücken. Sitzschiene wiederum so einstellen, dass die Pedale gut durchzutreten sind. Schultern an die Lehne rücken. Lenkrad muss mit leicht angewinkelten Armen erreichbar sein.
  4. Neigung der Sitzfläche so einstellen, dass die Oberschenkel bei durchgetretenen Pedalen optimal unterstützt werden. Oberschenkel sollen ohne Druck auf der Sitzfläche aufliegen.
  5. Tiefe der Sitzfläche so einstellen, dass die Oberschenkel bis kurz vor den Kniekehlen aufliegen. Faustregel für den Abstand Kante Sitz bis Kniekehle: zwei bis drei Finger breit.
  6. Jetzt noch mal: Die Lordosestütze sollte am Lendenwirbelbereich satt anliegen, ohne zu drücken.
  7. Die Seitenwangen dürfen nicht einengen.
  8. Wenn vorhanden: Armstütze für Entlastung der Schulter- und Nackenmuskulatur nutzen. Ellbogen sollten locker aufliegen.
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Kostenlos herunterladen Die Sitze im Detail (PDF)
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Autor

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

23. April 2015
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