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Doc Stop: Unterwegsversorgung für Fahrer

Gesundheit: Doc Stop ist an deutschen Rasthöfen etabliert.Das Engagement für die medizinische Versorgung vonBerufskraftfahrern existiert seit fünf Jahren. Bald gibt es Doc Stop auch in Polen.

Medizinische Versorgung für Berufskraftfahrer ist branchenweit schwierig. Sie sind meist weit von ihrem Heimatort entfernt. Einen passenden Arzt zu finden ist daher oft ein Problem. Angenommen, der Fahrer hat die Anschrift eines Mediziners, muss er dort hinkommen und mit Lkw oder Bus eine angemessene Parkmöglichkeit finden. Keine leichte Aufgabe, zumal Ärzte und Krankenhäuser nur selten an Lkw-Parkplätzen oder in Industriegebieten niedergelassen sind. Was dem Fahrer bleibt, ist das Fahrzeug abzustellen und die verbleibende Strecke mit dem Taxi zu überbrücken – wobei die anfallenden Kosten niemand ersetzt. Kommt der Fahrer nach allen Unwegsamkeiten beim Arzt an, bleibt kaum Zeit für die Behandlung, denn allem voran herrscht chronische Zeitnot bei Berufskraftfahrern.
 
Abhilfe schafft die Initiative Doc Stop mit einem Netz zur Unterwegsversorgung der Fahrer. Doc Stop ist ein Verein mit Sitz in Ladbergen. Spediteur Joachim Fehrenkötter und der Polizeihauptkommissar im Ruhestand Rainer Bernickel bilden den Vorstand. Die Initiative bietet erkrankten Fahrer die Möglichkeit, sich von Mitarbeitern des Netzwerks aus Tankstellen und Autohöfen an einen ortsansässigen Arzt vermitteln zu lassen. Außerdem bietet Doc Stop gemeinsam mit dem ADAC Truck Service eine kostenpflichtige Hotline an (0 18 05/11 20 24, 14 Cent/Min. aus dem Festnetz, mobil ggf. abweichend) . Unter Angabe des aktuellen Standorts und der Erkrankung bekommen die Fahrer Auskünfte, wo die nächstgelegene Doc-Stop-Station ist.

Doc Stop via Map & Guide

Daneben besteht für die selbstständige Suche per Navigation eine Kooperation mit dem Softwarehersteller PTV. Nutzer von Map & Guide finden Doc Stop-Anlaufstellen auf ihren Endgeräten. Als Teil der Initiative bieten die Mediziner an, Fahrer ohne längere Wartezeiten zu behandeln. »Wichtig ist der niedrige Zeitaufwand. Im Idealfall ist die Behandlung des Fahrers in seiner 45-Minuten- Pause abgeschlossen«, sagt der Initiator von Doc Stop, Rainer Bernickel. Dafür sei es auch wichtig, kurze Wege zu haben. Die Distanz zwischen Parkplatz und Arzt betrage selten mehr als vier Kilometer, sagt Bernickel. Im Durchschnitt seien es sogar nur 1,5 Kilometer.
 
Parkmöglichkeiten für Bus oder Lkw bieten die teilnehmenden Rasthöfe. Außerdem hilft der Stationsmitarbeiter bei der Organisation des Transfers zwischen Rasthof und Mediziner. Bis auf wenige Ausnahmen fährt der erkrankte Fahrer dann selbstständig zum Arzt, die Kosten hierfür trägt er selbst. Eine Ausnahme ist der Rasthof Oberlausitz. Dort holen Mitarbeiter des Kreisverbands Bautzen des Deutschen Roten Kreuz (DRK) erkrankte Fahrer kostenlos ab und bringen sie nach der Behandlung zurück zum Parkplatz.
 
»Das DRK Bautzen beteiligt sich seit zwei Jahren an Doc Stop«, sagt Hans-Joachim Lis vom Rettungsdienst. Man nutze für die Fahrten ein von ortsansässigen Unternehmen gespendetes Fahrzeug. Von Vorteil ist, dass Sanitäter des DRK die Fahrer abholen. So kann am Parkplatz eine erste Diagnose erfolgen und im Ernstfall ein Rettungswagen gerufen werden – was bisher aber nie nötig gewesen sei. Unabhängig von Doc Stop würden natürlich immer wieder Notrufe über die Nummer 112 bei der Rettungsleitstelle eingehen, ergänzt Lis.
 
In Bautzen behandeln Ärzte des Klinikums Oberlausitz die Berufskraftfahrer. »Die Fahrer haben hauptsächlich internistische Krankheitsbilder wie Herzbeschwerden und Bluthochdruck «, sagt Oberarzt Torsten Eckert. Auch Übelkeit und Sehstörungen gebe es. Meist könne man in der Klinik sofort helfen. Bisher habe man nur in drei Fällen die Fahrer nach der Untersuchung im Krankenhaus aufnehmen müssen, sagt Eckert. Man habe bei einem der Fahrer Durchblutungsstörungen im Gehirn festgestellt, bei einem anderen hätte der Blindarm operiert werden müssen. Aber alle seien wieder wohlauf. Die Zahl der Doc Stop-Patienten in Bautzen liege im Schnitt bei einem Fahrer pro Monat, ergänzt Eckert.

Etwa 100 Fahrer pro Monat

Damit liegt die Klinik über dem Durchschnitt: Laut Angaben des ADAC nutzen etwa 100 Fahrer pro Monat das Angebot von Doc Stop. Gleichmäßig auf alle Stationen verteilt sind das vier kranke Fahrer im Jahr je Anlaufstelle. Das erscheint wenig, setzt man diese Zahl ins Verhältnis zur Anzahl der Berufskraftfahrer in Deutschland. Noch kleiner wird das Verhältnis, wenn man Transitverkehr und Kabotage im Bundesgebiet mit einbezieht. »Es gibt immer noch viele Fahrer, die Doc Stop nicht kennen«, sagt Initiator Bernickel. Dies gelte besonders für Fahrer aus dem Ausland. Deshalb stelle man die Informationen über Doc Stop in 20 Sprachen auf der Homepage zur Verfügung. Außerdem verwirkliche man noch in diesem Jahr die erste Erweiterung auf ein anderes europäisches Land, sagt Bernickel mit Verweis auf seinen polnischen Mitstreiter Dariusz Kardas.
 
Nach dem Vorbild in Deutschland wolle man in Polen einen Doc Stop-Verein gründen, sagt Kardas. Allerdings gebe es einige größere Hürden zu bewältigen. Als Doc Stop-Stationen müssen in Polen neben den wenigen Rasthöfen an Autobahnen auch Großtankstellen an Bundesstraßen für die Idee begeistert werden. Außerdem sei das polnische Gesundheitssystem auf eine Unterwegsversorgung nicht ausgelegt, sagt Kardas. Man sei aber im Gespräch mit den Behörden. »Die Vereinsgründung erfolgt Ende März«, sagt Kardas. Dabei entstehe ein eigenständiger Doc Stop-Verein in Polen, ergänzt Bernickel. »Wir stellen lediglich die Marke Doc Stop zur Verfügung«, sagt der ehemalige Polizist.
 
Nach diesem Modell wolle man auch in anderen Ländern Europas verfahren. Schon bald sollen unabhängige Vereine in Österreich und Dänemark entstehen, sagt Bernickel. Der Polizeihauptkommissar im Ruhestand ist unermüdlich im Einsatz für die Rechte der Lkw-Fahrer: Rainer Bernickel bringt als Initiator der Fernfahrer- Stammtische Vertreter der Polizei und Berufskraftfahrer seit Jahren regelmäßig an einen Tisch. Offen diskutiert werden dort die Anliegen der Fahrer. Woraus unter anderem die Idee für den Verein Doc Stop geboren wurde.

Bundesverdienstkreuz für Bernickel

Bernickels Verdienst ist es auch, dass es in Münster ein Sorgentelefon für Lkw-Fahrer gibt. Dort gehen täglich Anrufe ein. Für sein Engagement hat Bernickel vergangenes Jahr das Bundesverdienstkreuz erhalten. Im Namen aller Lkw-Fahrer und als Würdigung für deren täglichen Einsatz nahm er die Auszeichnung entgegen. Noch während der Veranstaltung warb Bernickel erneut für die Anliegen der Fahrer.

Besonders wichtig ist dabei die Akquise von Finanzmitteln. Denn die einzige Einnahmequelle des Vereins seien Spenden und Fördermitgliedschaften. »Bis heute habe ich rund 23.000 Euro aus eigener Tasche finanziert«, sagt Bernickel. An Anerkennung fehlt es aber nicht, die Liste der prominenten Unterstützer ist lang: Angeführt von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer äußern sich Vertreter von Wirtschaft, Politik und Medien positiv über das Projekt. Allerdings bekommt der Verein nicht von allen Befürwortern auch finanzielle Hilfe. Einnahmen gebe es aus diversen Fördermitgliedschaften sowie Spenden aus der Industrie, sagt Bernickel. Keine Unterstützung käme bisher aus öffentlichen Töpfen, von Versicherungen oder Krankenkassen. Da verwundern die Probleme in der medizinischen Versorgung der Berufskraftfahrer nicht.

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Braun

Datum

3. Juni 2011
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