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DIHK-Präsident Eric Schweitzer im Interview: Berater in Teilzeit

Als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hat Eric Schweitzer ein breites Programm, doch nur wenig Zeit. Im Interview sagt der Unternehmer, wo er Schwerpunkte setzen will.

Eric Schweitzer trifft sich mal hier, mal da mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft – doch nur in Teilzeit und ehrenamtlich, weshalb seine Zeit extrem knapp ist. Im Hauptberuf ist er Unternehmer und leitet mit seinem Bruder den Berliner Recyclingbetrieb Alba, den zweitgrößten der Branche. Im Interview mit trans aktuell-Redakteurin Claudia Wild sagt Eric Schweitzer, welche Themen er als Vertreter der deutschen Unternehmen vorantreiben will.

trans aktuell: Sie sind seit knapp zwei Jahren im Amt. Was ist ihr Schwerpunkt?

Schweitzer: Die Politikberatung, in Gesprächen zu sein mit der Bundesregierung und dem Parlament. Ich will dazu beitragen, dass wir Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand haben.

Was sind Ihre Aufgaben?

Der DIHK vertritt in Berlin und Brüssel die Interessen der gewerblichen deutschen Wirtschaft. Als DIHK-Präsident suche ich vor allem den Dialog mit der Politik, um den Anliegen der Unternehmen Gehör zu verschaffen.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Ein wichtiges Thema sind Investitionen in Deutschland und damit verbunden eine Stärkung der Infrastruktur. Hinzu kommen der Fachkräftemangel und die Energiewende.  Aktuell treibt mich auch dieErbschaftsteuer um, denn der Generationenwechsel in den Familienunternehmen muss sichergestellt bleiben. Strategisch wollen wir als DIHK alles dafür tun, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland gestärkt wird und alles verhindern, was dies in Frage stellt. Dabei muss man die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes stets im Auge behalten. 

Gibt es nicht auch gegenläufige Ziele, etwa zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern?

Wie sagt der Schwabe: Geht’s dem Chef gut, geht’s auch dem Unternehmen gut und dann geht’s den Leuten gut. Das ist der Dreiklang. Wir brauchen eine wachstums- und zukunftsorientierte Wirtschaft, dann geht es auch den Menschen gut.

Die Entsorgungsunternehmen haben ja einen höheren Mindestlohn beschlossen – ist das ein Vorbild für alle?

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) und die kommunalen Entsorgungsunternehmen haben mit Verdi einen gemeinsamen Mindestlohn in Höhe von 8,86 Euro beschlossen. Das ist o.k. für die Branche, muss aber kein Vorbild sein.

Ist der neue Mindestlohn, der ab Januar 2015 gilt, gut für Deutschland?

Ich glaube der Weg, branchen- und regionalspezifische Mindestlöhne zu machen, wäre der bessere gewesen, weil er die Lebenswirklichkeit in den einzelnen Regionen widerspiegeln würde.

Haben Sie ein Beispiel?

In Stuttgart bekommen Sie keinen Lkw-Fahrer zum Tariflohn, die lachen Sie aus. Ein Autobauer zahlt dort deutlich mehr, weil er sonst keine Fachkräfte bekommt und die Kosten werden in den Produktpreis eingespeist. In anderen Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit sieht das ganz anders aus.

Was folgt daraus?

Der Mindestlohn wird beispielsweise dazu führen, dass Arbeitsplätze in Ostdeutschland verloren gehen. Außerdem entsteht für junge Menschen der Fehlanreiz, an Stelle einer dualen Ausbildung in einen Mindestlohnjob zu gehen – dort bekommen sie 1.500 Euro, in der perspektivisch lohnenderen und vor allem krisenfesteren Ausbildung im Schnitt 800 Euro. In einer Wirtschaftskrise stehen die Ungelernten dann als erstes auf der Straße. Wir haben’s der Politik gesagt, aber die SPD wollte von ihrem Kernthema nicht abrücken.

Immer mehr Schüler studieren. Setzen Unternehmen genügend Anreize für eine Ausbildung?

Das ist nicht das Problem. Wir haben das zweite Jahr in Folge 80.000 unbesetzte Ausbildungsstellen – als direkte Vorboten des Fachkräftemangels. In zehn Jahren fehlen uns rund 150.000 Ingenieure, aber 1,4 Millionen Facharbeiter. Wir haben die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa – auch durch die duale Ausbildung, die mittlerweile ein Exportschlager ist. Wir bekommen ständig Anfragen aus dem Ausland, die ein solches System einführen wollen. Doch viele Eltern wollen, dass ihr Kind studiert, ob es passt oder nicht, und dann bricht ein Fünftel das Studium ab. Wir müssen also die Wertigkeit der dualen Ausbildung in der Gellschaft wieder erhöhen und die Karrierechancen deutlich machen. Danach stehen ihnen viele weitere Wege offen.

Können Sie bei Alba alle Ausbildungsstellen besetzen?

Bei Alba bilden wir derzeit rund 260 Azubis in 17 Berufen aus und hatten bisher allenfalls in sehr ländlichen Regionen Schwierigkeiten, diese zu besetzen. Wir machen auch viel, betreuen und begleiten die Azubis. Doch die ganz kleinen Unternehmen haben große Probleme, dies wird sich weiter verschärfen.

Welche Lösungen gibt es?

Das ist erst die Ouvertüre – in den nächsten Jahren fehlen Millionen Arbeitskräfte. Das Problem müssen wir lösen. Wir müssen mehr Frauen Vollerwerb statt Teilzeit ermöglichen. Deshalb setzen wir uns auch für einen Rechtsanspruch auf Ganztagsschulplätze ein. Bei einem bedarfsgerechten Betreuungsangebot für alle Kinder könnten wir 850.000 Vollzeitstellen zusätzlich besetzen. Aufgrund der Demografie müssen wir insgesamt mehr arbeiten. Da wäre es beispielsweise sinnvoll, wenn beide Elternteile etwa 35 Wochenstunden arbeiten statt wie derzeit oft der Mann 40 Stunden und die Frau nur 18.

Was halten Sie vom neuen Bundesverkehrswegeplan?

Wir geben rund eine Milliarde pro Jahr mehr aus und brauchen fünf Milliarden mehr – da zwickt’s ordentlich. Damit können wir nicht zufrieden sein. Wir brauchen nicht nur ein Bekenntnis für mehr Infrastrukturmittel, sondern es muss auch etwas passieren. Wenn wir Industrieland sein wollen, müssen wir effiziente Transporte ermöglichen – dazu passt im übrigen auch der Lang-Lkw, der ökologisch und ökonomisch sinnvoll ist.

Unterstützen Sie die Ausdehnung der Lkw-Maut?

Das halte ich für falsch. Zum einen nimmt der Bund 50 Milliarden aus den Verkehrsabgaben ein und gibt nur 20 Milliarden aus – das ist ein deutliches Missverhältnis. Zum anderen wurden wesentliche Teile der zusätzlichen Einnahmen aus der Lkw-Maut von drei Milliarden aus dem Infrastrukturbudget wieder herausgenommen. Deshalb halte ich auch von einer Ausdehnung auf alle Bundesstraßen nichts. Am Ende ersetzt die Maut doch wieder nur Haushaltsmittel und fließt nicht zusätzlich in die Infrastruktur.   

Dann lieber eine Pkw-Maut?

Dafür gilt dasselbe Prinzip. Die erwarteten Einnahmen von 600 Millionen Euro stehen auch in keinem Verhältnis zu Aufwand, Investitionen und Folgen für den kleinen Grenzverkehr.

Haben Sie eine bessere Idee?

Der Staat soll erst mal vernünftig mit dem umgehen, was er einnimmt. Bund, Länder und Gemeinden haben 2017 rund 150 Milliarden Euro pro Jahr mehr in der Kasse als im Haushaltsjahr 2012 – das sollte auch in die Infrastruktur, in Schulen und Bildung fließen.

Sie waren Mitglied im Rat für Nachhaltigkeit. Wie wird das Thema in der Transport- und Logistikbranche umgesetzt?

Die Unternehmen sind in Deutschland gut aufgestellt. Der Prozess, besser zu werden, hört aber nie auf. In der Digitalisierung stecken erhebliche Effizienzpotenziale, ebenso in den Verkehren selbst, etwa durch Vermeidung von Leerfahrten und besserer Auslastung. Der Innovationsdruck in der Branche ist ziemlich hoch und wird zu noch besseren Lösungen in der Zukunft führen.

Ist die Politik hier gefordert, müsste Sie nachsteuern?

Die Politik muss die Voraussetzungen für einen vernünftigen Breitbandausbau schaffen. Sie muss in Verkehrswege investieren, denn was hilft ihnen die größte Effizienzsteigerung durch bessere Lkws und ähnliches, wenn die Rheinbrücke bei Leverkusen gesperrt ist und sie auf die Bundesstraßen ausweichen müssen. Das zusammen wäre ein großer Beitrag.

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20. Oktober 2014
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