Digitalisierung, Automatisierung, Logistik Zoom

Digitalisierung: In Bewegung bleiben

Digitalisierung, Automatisierung und mehr – wie sich die Logistik verändert

Eine Welt in Bewegung war das Motto des 32. Deutschen Logistik-Kongresses der Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Berlin. Nicht nur die politischen Umwälzungen, auch die wirtschaftlichen Veränderungen erzwingen immer mehr Flexibilität und  Transparenz auf Seiten der Logistik, aber auch Mut und Kooperationsbereitschaft.

Mehr jedenfalls als in der Vergangenheit: Wurde bei vergangenen Kongressen etwa die Transport-Kooperation zweier Verlader vorgestellt, gehen heute die Benelux-Gesellschaften der beiden Lebensmittelkonzerne Pepsico und Nestlé einen Schritt weiter: Im temperaturgeführten Bereich von zwei bis vier Grad teilen sie sich einen gemeinsamen Lagerstandort, die Verpackung und die Distribution an den Einzelhandel.

Damit im Rahmen der kartellrechtlichen Vorgaben alles seine Richtigkeit hat, holten die beiden Logistikverantwortlichen Kathleen De Grove (Pepsico) und Sofie Hofman (Nestlé) sich die Unterstützung eines Treuhänders, der unter anderem darauf achtete, dass keine Daten wie Detailkosten oder Distributionsdetails geteilt wurden. Der Logistikdienstleister für das gemeinsame Konzept wurde im Rahmen einer Ausschreibung gewonnen; er verantwortet inzwischen nahezu selbstständig das tägliche Geschäft und wird von dem neutralen Berater dabei auditiert. Das Ergebnis der  Zusammenarbeit in der Distributionslogistik der Marken Tropicana und Herta sind bis zu 30 Prozent Kosteneinsparungen. Weniger Transporte bedeuten auch eine CO2-Einsparung von rund 65 Prozent. Weil sich die beiden Firmen mit den Kunden auf eine gemeinsame Zustellung einigen konnten, haben sich die Wartezeit an den Rampen reduziert und die Entladezeiten verbessert, was sowohl für den Transportdienstleister als auch die Handelskunden ein Pluspunkt ist. "Gemeinsam mit unserem Logistikdienstleister wollen wir daher mehr Hersteller für dieses erfolgreiche Konzept gewinnen", sagte Kathleen de Grove.

Diese Zusammenarbeit zwischen Kunde und Dienstleister wird immer wichtiger, sagte Henning Bosch, Head of Operational Excellence von Imperial Logistics aus Duisburg, vor allem im Bereich der Kontraktlogistik. Die Globalisierung bereite der Logistik einen "gigantischen Markt": Allein in Europa betrage der Outsourcing-Anteil in der Kontraktlogistik erst 20 Prozent, in der restlichen Welt sei die Zahl noch viel geringer.

Das Diktum der Logistik heiße weiter, mit dem eigenen Kunden mitzuziehen und das Potenzial neuer Märkte zu nutzen. Bosch stellte dies anhand eines Imperial-Kunden aus dem Modebereich vor, der seit 1997 von 400 auf heute 4.000 weltweiten Outlets gewachsen sei.

Bei der Expansion stoßen Dienstleister aber auch auf Schwierigkeiten, sagte Bosch: Unter Umständen tragen sie das große Risiko beim Aufbau neuer Logistikstrukturen komplett alleine, weil manche Kunden Logistik nur über den Preis einkaufen – der Dienstleister wird austauschbar. Verlader sollten hingegen besser eine langfristige Partnerschaft anstreben und ihre Dienstleister besser in das eigene Geschäft integrieren – "starke Kontraktlogistiker wollen das Geschäft auch weiterentwickeln dürfen."

International tätige Logistiker hatten zumindest auch bei der Personalrekrutierung einen Vorteil – sagt man doch dem Nachwuchs nach, immer an einer Tätigkeit im Ausland interessiert zu sein. Die ganz zentralen Merkmale der sogenannten Generation Z  – geboren zwischen 1990 und 1995 – sind aber nach Angaben von Prof. Christian Scholz vom Lehrstuhl für Organisation, Personal- und Informationsmanagement der Universität Saarbrücken aber andere: Der Wunsch etwa nach niedrigen Mobilitätsanforderungen, nach geringer Verantwortungsübernahme, nach Arbeitsplatzsicherheit, nach klaren Regelungen mache die Generation Z zu einem idealen Mitarbeiterpotenzial für den Mittelstand, sagte Scholz in Berlin.

Ein deutsches, mittelständisches  Unternehmen aus der Logistikbranche – sind diese Attribute für Berufsanfänger negativ oder positiv? Ulrich Nolte, Geschäftsführer von GO! Express & Logistics aus Bonn: "Wir platzieren uns bewusst als Mittelstandsunternehmen im Vergleich zu den großen Wettbewerbern." Ein Unternehmen, bei dem die Mitarbeiter in das Unternehmen reinwachsen und so selber Prozesse anstoßen und umsetzen können. "So sind wir in der Lage, die junge Generation in die Verantwortung zu bringen und gemeinsam einen Wandel zustande zu bringen."

Potenzial nicht nur für veränderte Prozesse und Produkte, sondern auch für neue Geschäftsmodelle liefert die Digitalisierung: "Erfolge beruhen zunehmend auf innovative Geschäftsmodellen, und nicht auf Produkten oder Dienstleistungen", sagte Georg von der Ropp vom Schweizer Beratungsunternehmen BMI Lab.

In der Logistik herrsche aber noch vornehmlich die Logik, dass nur durch Skaleneffekte zu gewinnen sein. Was die Branche verändern werde, seien die zunehmenden Crowd-sourcing-Projekte rund um Transport und Logistik, bei denen Privatpersonen gewisse Transporte übernehmen. Außerdem die flexible Fertigung vor Ort in Folge der Automatisierung und des 3D-Drucks, so wie es Adidas bereits vorführe, sowie auch autonom fliegende Drohnen, die zumindest Einzelsendungen mit beschränktem Gewicht heute schon zustellen können.

Neue Geschäftsmodelle

Auch Zalando, das mit 16 Millionen Kunden und einem Umsatz von 2,05 Milliarden Euro, zu den Online-Riesen in Europa zählt, arbeitet weiter an den eigenen  Geschäftsmodellinnovationen. Logistik bekomme eine neue Rolle bei Zalando, sagte Jan Wilking, verantwortlich für neue Geschäftsstrategien. Zu den bisher bestehenden drei Zentrallagern komme demnächst ein weiteres in Lahr – 15 Fußballfelder groß – sowie ein Satellitenlager in Norditalien. Zalando wolle aber die Verbindung von offline und online verstärken und sich daher  hin zu einer lokalen Logistik und weg von den großen Logistikzentren bewegen. Der Kundin auf Wunsch eine bestimmte Handtasche eines bestimmten Herstellers in einer halben Stunde zu liefern – das ist das Ziel.

Um Mobilität und die Lieferkette drehen sich auch zahlreiche Start-ups – wie etwa Colo 21 aus Bernstadt bei Ulm, das mittels einer IT-gestützten Vernetzung freier Transportkapazitäten und einer Online-Plattform die Leerfahrten im Sammelgut reduzieren will. "Bereits heute haben wir 400 Distributionspartner auf der Plattform, die insgesamt 2.000 Korridore als freie Hauptlaufkapazitäten hinterlegt haben", berichtete der Vorstandsvorsitzende Jörg Frommeyer.

Dass man auch als Start-up wandlungsfähig bleiben muss, demonstrierte  Benjamin Pochhammer von Food Express aus Berlin. Vor einem Jahr präsentierte sich das Unternehmen unter dem Namen my lorry als Kurierservice für innerstädtische Metropolen, das auf freie Fahrer setzte, denen auf Kommissionsbasis freie Transportaufträge zugespielt wurden. Heute stellen fest angestellte Fahrer Essen und Getränke von Restaurants zu. 1.500 Fahrer in acht Städten bringen es auf 50.000 Lieferungen im Monat. "Jetzt sind andere Unternehmen auf uns aufmerksam geworden", erzählte Pochhammer. Statt nur für Restaurants und Restaurantketten könnten die Fahrzeuge vielleicht bald auch für die großen Händler wie Rewe, Amazon oder Zalando unterwegs sein – mit einer deutlich größeren Marge.

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Vankann/BLG

Datum

5. November 2015
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