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Digitalisierung: Fahrzeuglogistiker bereiten sich vor

Für welche Megatrends müssen sich Logistiker rüsten? Die europäischen Automobillogistiker suchten in Hamburg nach Antworten.

Elektrischer Frachtbrief auf EU-Ebene

Die Megatrends der Zukunft beschäftigen auch die Fahrzeuglogistiker. Wolfgang Göbel, Präsident des Verbands der europäischen Automobil-Logistiker (ECG), stimmte seine Kollegen auf der ECG-Konferenz in Hamburg auf die Herausforderungen ein. "Wir müssen nicht nur in Menschen und Fahrzeuge investieren, sondern auch in Ideen", forderte Göbel auf der Konferenz. Vier Arbeitsgruppen der ECG arbeiten laut Göbel an den wichtigsten Themen der Branche: Digitalisierung, Interessenvertretung, Qualität und Kapazität. Die größte Herausforderung aktuell läuft unter dem Begriff der Digitalisierung, liegt aber nur mittelbar in der Hand der Unternehmen: das Thema elektronischer Frachtbrief. "Wir müssen mehr Druck auf die EU und die nationalen Regierungen ausüben, damit die Digitalisierung der Frachtpapiere vorangeht", sagte auch die EU-Politikerin Gesine Meißner (FDP) bei der Konferenz.

ECG-Präsident Göbel beklagte, dass bereits zehn Länder – zuletzt Frankreich – eine entsprechende Vereinbarung zu dem Uno-Protokoll ratifiziert hätten, Deutschland, als einer der wichtigsten Märkte, habe sich aber noch nicht dazu durchgerungen – nach Angaben der Politik deswegen, weil es keine Nachfrage gebe. "Wenn aber Deutschland nicht vorausgeht, dann wird es schwierig, das EU-weit umzusetzen", sagte Göbel.Die Internationale Straßentransport Union (IRU) will sich daher über ihre Landesorganisationen mit einer Umfrage zum E-CMR an die Dienstleister richten. "Wir erhoffen uns eine eindeutige Zustimmung, mit der wir dann an die Politik herantreten", sagte Zeljko Jeftic von der IRU.

Eine andere EU-Initiative, die den Logistikern wenig Freude bereitet, dreht sich um die Wochenruhezeit im Lkw. "Ein allgemeines Verbot würde keine Verbesserung der Situation bedeutet, die durch den Fahrermangel sowieso schon angespannt ist", sagte Gröbel. Eine Folge sei hingegen, dass selbst das Gewinnen von Fahrern aus Osteuropa noch schwieriger würde. "Wir werden vermutlich eher eine Erleichterung durch das automatische Fahren erreichen, als dass sich die Situation grundlegend verbessert", sagte Göbel.

Logistiker müssen Lieferkette anpassen

Laut Ben Waller vom britischen Beratungsunternehmen ICDP muss die Fertigfahrzeug-Lieferkette ins 21. Jahrhundert gebracht werden: Ein Benchmark zeige zwischen 1994 und 2012 einen schlechteren Service, eine veraltete Infrastruktur, geringe Investitionstätigkeiten und eine schlechtere Datenqualität als andere Branchen. Dies und der fehlende Zugang zu den Auftragsdaten der Hersteller (OEM) erschweren es der Branche, eine langfristige Kapazitätsplanung zu machen und ihre Transportströme anzupassen.

Die Digitalisierung der Verkaufskanäle durch die OEM – etwa durch BMW – und ein verändertes Kundenverhalten stellen weitere Herausforderungen in puncto IT dar, etwa bei der Frage der genauen Ortung oder der Transparenz zwischen allen Beteiligten in der Transportkette. Nicht zuletzt gehe es darum, die Chancen und Anforderungen von Herstellern und Dienstleistern in Einklang zu bringen – bevor ein Dritter wie etwa Uber die Regeln neu schreibe.

Göbel warnt vor Überforderung für Transportbranche

Laut ECG-Präsident Göbel ist der Kunde der Treiber des Geschäfts. Die Hersteller seien viel zu langsam darin, einen Standard für die Digitalisierung zu schaffen, an dem sich auch die Branche orientieren könne. Den Vergleich mit den neuen Start-ups nennt Göbel einen "Clash of cultures" – es bestehe die Gefahr, dass die Branche überrollt werde. "Denn es ist auch ganz klar, dass für nötige Investitionen unsere Branche kein Venture-Kapital findet, sondern die Finanzierung auf klassische Weise macht."

Mit einem Dinosaurier, der vor einer Evolution stehe, verglich Chris Godfrey von Renault Nissan Alliance Logistics Europe die Branche. Wenn Kunden vermehrt den Autokauf online abwickeln, so seine These, wollen sie auch direkt das Auto vor die Garage zugestellt haben. Eine Herausforderung für die OEMs, aber auch für die Händler und Logistiker.

Herausforderungen durch Online-Käufe

Eine pünktliche Autozustellung, wann und wo der Kunde es wolle, benötige neue Hebel: eine komplette Sendungsverfolgung, die auch die Hersteller einbeziehe, Untergliederung der Prioritäten, neue Zustellkonzepte, höherer Technikeinsatz und vermehrte Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Aber nur das schaffe auch zusätzliche Wertschöpfungsmöglichkeiten und damit Umsatz für die Industrie. Wenn die Hersteller und die Logistiker diesen Weg nicht beschreiten, werde es ein anderer Anbieter tun. "Darüber müssen die Logistiker nachdenken und auch mal abseitige Wege gehen", sagte Godfrey.

Ilona Jüngst

Autor

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Fraunhofer IAO

Datum

15. November 2016
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