Die Luftfracht-Branche, Sicherheit Zoom

Sicherheit: Start ins Ungewisse

Die Luftfracht-Branche bleibt mit Zertifizierungen zum ­Bekannten Versender bislang weit hinter den Erwartungen zurück. Ob es einen reibungslosen Start geben wird, steht in den Sternen.

Die Neuregelung soll die Sicherheit in der Luftfracht erhöhen. Deutlich weniger Firmen als erwartet haben sich aber bisher die Mühe gemacht, ein Zertifikat als Bekannter Versender zu erhalten. Das liegt allein schon daran, dass es in den EU-Staaten unterschiedliche Auffassungen über den endgültigen Starttermin für das neue Konzept gibt: In Deutschland geht man vom 25. März aus, andere Länder bereiten sich auf den 29. April vor. Eine klärende Auskunft vonseiten der EU-Kommission gab es bis zum Redaktionsschluss nicht.

Unsicherheiten in die Branche

Kein Wunder, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bei unterschiedlichen Terminen Wettbewerbsverzerrungen befürchtet. "Die Diskussion um den Termin bringt Unsicherheiten in die Branche", sagt auch Lufthansa-Cargo-Sprecher Michael Göntgens. Damit aber nicht genug. Für Erstaunen sorgt allenthalben auch die relativ geringe Zahl der behördlich zugelassenen Bekannten Versender. Ende Oktober deckten rund 600 Zertifizierungen lediglich zehn Prozent des jährlichen Gesamtexportfrachtvolumens in Deutschland ab. Inzwischen gibt es etwas mehr als 1.000 Bekannte Versender. Ursprünglich war das Luftfahrtbundesamt (LBA) in Braunschweig von bis zu 60.000 Unternehmen ausgegangen, die diesen Status anstreben könnten.

Diese Diskrepanz gibt Anlass zur Sorge. Denn obwohl die Braunschweiger bei vielen Gelegenheiten über die Neuerungen informierten, gibt es neben den bereits zugelassenen Bekannten Versendern nur rund 400 weitere Anträge, die für ein Zertifikat ausreichen. Insgesamt haben noch nicht einmal 5.000 Unternehmen ihr Interesse an einer Zulassung bekundet. An einem Informationsdefizit kann das nicht liegen. "Das LBA ist durch das ganze Land gereist, zu Luftsicherheitstagungen, zu den Industrie- und Handelskammern und Infoveranstaltungen", sagt Sprecherin Cornelia Cramer gegenüber trans aktuell. Zwar wurde in den vergangenen Monaten ein deutlicher Anstieg bei den Anträgen verzeichnet. "Aber viele Unternehmen warten offenbar erst einmal ab oder haben sich entschieden, dass das Verfahren sich für sie nicht lohnt", interpretiert Cramer die Zurückhaltung.

Anfangs könne es zu Staus an den Flughäfen kommen

Die Verunsicherung im Zusammenhang mit der Zertifizierung sei eingangs sehr groß gewesen, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Verkehrsforums Thomas Hailer zu trans aktuell. Momentan sehe es aber so aus, als wäre die Umstellung auf das neue Sicherheitsregime zu bewältigen. "Die Unternehmen, die sich vorbereitet haben, können derzeit nicht mehr tun. Andere warten offenbar ab und gehen damit eventuell bewusst ein Risiko ein." Anfangs könne es sehr wohl zu Staus an den Flughäfen kommen, erklärt Hailer. "Tatsache ist aber auch: Niemand hat zu Jahresbeginn Alarm geschlagen."

Lufthansa-Cargo-Sprecher Göntgens hält die Branche insgesamt für akzeptabel vorbereitet: "Wir werden in der Lage sein, die Fracht ab 25. März ohne Staus abzuwickeln." Die vom LBA kürzlich zugelassenen Sprengstoffhunde seien eine gute Ergänzung. Die Quote unsicher deklarierter Fracht werde aber deutlich ansteigen. Während es heute etwa zehn Prozent sind, erwartet Lufthansa Cargo hier künftig bis zu 30 Prozent. Kein Pappenstiel bei 1,7 Millionen Tonnen Fracht und Post insgesamt, die 2012 befördert wurden.

Sicherheit ist ein Bestandteil des Service-Angebots

Die Frachttochter der Lufthansa hat deshalb in Frankfurt ein neues, großes Röntgengerät installiert. Die Kunden sollen ihre Waren wie bisher sicher verschicken können. "Wir sehen das Thema Sicherheit als Bestandteil unseres Service-Angebots", sagt Göntgens. Die neuen Maßnahmen seien nur Teil einer kontinuierlichen Fortsetzung von Sicherheitsregularien. "In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Kosten in diesem Bereich verzehnfacht."

Am Stichtag wird es auf den Flughäfen heiß hergehen, denn an der Gesamtzahl der Bekannten Versender werde sich bis dahin nicht mehr viel ändern, vermutet Gerald Penner von der badischen Spedition Streck. Viele Unternehmen scheuten den Aufwand für die Zertifizierung und beauftragten offenbar lieber einen Luftfrachtspediteur, der die Fracht sicher mache. Für Penner ist klar: "Das Thema bleibt spannend." Er kann sich vorstellen, dass der Anteil der unsicheren Ware zwischen 50 und 80 Prozent beträgt.

Wir drohen einem Zertifizierungswahn zu erliegen

Das Freiburger Unternehmen nimmt im März in Frankfurt seine zweite, 300.000 Euro teure Röntgenanlage in Betrieb. "Wir können dafür einstehen, dass unsere Fracht sicher wird und nicht in der Schlange wartet", sagt Penner. Die Spedition hat zudem dafür gesorgt, dass die Versender ihre Waren weitgehend röntgenfähig verpacken. Das erspare Zweitkontrollen.

Der Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), Prof. Karlheinz Schmidt, sieht durch das neue Konzept keinen Zugewinn an Sicherheit. "Wir drohen einem Zertifizierungswahn zu erliegen", sagt er. "Sinnvoller wäre mehr Personal bei der Polizei." Verdeckte Ermittler hätten eine Chance, Schlimmes zu verhindern.

Bekannter Versender

Der Bekannte Versender gewährleistet eigenverantwortlich, dass die identifizierbare Luftfracht/Luftpost an seinem Betriebsstandort oder auf seinem Betriebsgelände ausreichend vor unbefugtem Zugriff und Manipulationen geschützt wird. Deshalb muss diese Fracht keiner erneuten Sicherheitskon­trolle unterzogen werden, sondern kann an jedes Unternehmen, welches den Status als Reglementierter Beauftragter besitzt, sofort "sicher" übergeben werden. Weitere Informationen zur behördlichen Zulassung zum ­Bekannten Versender und der sicheren Lieferkette hat das Luftfahrtbundesamt im Internet unter www.lba.de veröffentlicht.

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7. Februar 2013
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