Sebastian Werning, Hochschule Osnabrück mit Datenbrille bei Meyer Meyer in Osnabrück Zoom
Foto: Benedikt Zobel

Datenbrillen

Projekt Glasshouse geht in die heiße Phase

Das Universitätsprojekt Glasshouse untersucht die Möglichkeiten im Logistikprozess, die sich durch den Einsatz von Datenbrillen ergeben. Meyer & Meyer und Hellmann machen den Praxistest.

Promovierende, die für Brillen brennen – genauer: für Datenbrillen. Das trifft auf Sebastian Werning von der Hochschule Osnabrück sowie Lisa Berkemeier und Benedikt Zobel von der Universität Osnabrück eindeutig zu. Die jungen Leute promovieren in ihren jeweiligen Fachbereichen zu Datenbrillen im Arbeitseinsatz und betreuen zu diesem Zweck das Forschungsprojekt Glasshouse.

Das Ziel ist klar: "Wir wollen den gesamten Logistikprozess durch Smart Glasses unterstützen", sagt Benedikt Zobel. Die dafür nötigen Informationen stehen in der Cloud bereit, der Mitarbeiter kann sie nach Bedarf abrufen. Ein Antippen des Mini-Computers, der am Brillenbügel befestigt ist, genügt. Das Auge nimmt die tatsächliche Umgebung wahr, die aber durch sinnvolle Informationen ergänzt wird. Im Lager könnte zum Beispiel die Distanz zur nächsten Linkskurve eingespielt werden oder eine Arbeitsaufgabe à la "Paket vom Wareneingang abholen". Vergleichbar ist der Vorgang mit der Navigation per Head-up-Display im Auto.

36 Anwendungsfälle in den Bereichen Lagerung, Bereitstellung, Kommissionierung und Umschlag

Das Projektteam hat 36 Anwendungsfälle in den Bereichen Lagerung, Bereitstellung, Kommissionierung und Umschlag identifiziert. "Wir stehen derzeit kurz vor dem Einsatz von Demonstratoren bei den beteiligten Unternehmen", erklärt Sebastian Werning. Denn mit am Projekt beteiligt sind die Logistikdienstleister Hellmann Worldwide Logistics und Meyer & Meyer aus Osnabrück. Die Softwareentwicklung übernimmt das Unternehmen Personal Computer Organisation (PCO). Um die Verbreitung der Idee kümmert sich das Kompetenznetz Individuallogistik (KNI), ein Verbund verschiedener Logistiker aus Osnabrück, Münster und Bielefeld. Die Idee kommt offenbar schon in der Testphase an. "Die Mitarbeiter sind sehr interessiert und aufgeschlossen", sagt Christian Kaiser, Solution Manager bei Hellmann.

Momentan arbeitet das Team mit der Datenbrille Vuzix M100. Sie läuft mit dem Betriebssystem Android, das auch in vielen Smartphones zum Einsatz kommt. In Kürze soll sie das Nachfolgemodell Vuzix M300 ablösen, das eine deutlich längere Akkulaufzeit bietet. Die Brillen kosten im Handel rund 1.080 Euro. Das bekannteste Modell einer Datenbrille ist die Google Glass, die schon im Jahr 2012 vorgestellt wurde.

Ziel ist ein modulares Aufsteckmodul

"Unser langfristiges Ziel ist ein modulares Aufsteckmodul, das an jede beliebige Brille gesteckt werden kann", erklärt Lisa Berkemeier. Im Blick hat das Team aber auch die gesundheitlichen Folgen für die Nutzer. "Die Augen sind stärker beansprucht, aber das ist bei allen Lösungen mit virtueller Realität der Fall", sagt Berkemeier.

Wichtig sei daher die Ergonomie, sagt Tobias Mollen, IT- und Projektmanager bei Meyer & Meyer. "Die Brille muss dem Mitarbeiter so selbstverständlich erscheinen wie eine Lesebrille." Laut Professor Ingmar Ickerott von der Hochschule Osnabrück besteht in Sachen Gesundheit noch viel Forschungsbedarf. Er verantwortet das Projekt Glasshouse von Seiten der Hochschule Osnabrück und unterrichtet Betriebswirtschaftslehre und Logistikmanagement.

Bis März 2019 fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Projekt, das im November 2015 an den Start ging. "Generell handelt es sich um eine permanente Weiterentwicklung", erklärt Werning. In den kommenden Jahren werde es viele Neuentwicklungen geben, die natürlich miteinbezogen werden. "Für uns liegt daher der Fokus auf dem Design einer flexiblen, aber auch aus Datenschutzgründen sicheren Softwarearchitektur, die in einer privaten und öffentlichen Cloud betrieben werden kann", erklärt Thomas Neumann, IT-Berater bei PCO.

Laut Berkemeier sind auch individuelle Lösungen denkbar, etwa Übersetzungen in andere Sprachen oder verschiedene Schwierigkeitsgrade. Damit begegnen sie auch der Angst, durch Datenbrillen könnten Jobs verloren gehen – immerhin arbeiten die Mitarbeiter mit deren Einsatz deutlich effizienter und schneller. Das Gegenteil sei aber der Fall: Es ergeben sich neue Arbeitsfelder, etwa für weniger geschultes Personal. "Grundsätzlich wollen wir durch den Einsatz der Datenbrillen nicht nur Kosten sparen, sondern vor allem Fehlerraten reduzieren und dadurch die Qualität der Ware verbessern", erklärt Ickerott. Ein Ansatz, der sich vor allem auf lange Sicht auszahlen wird.

Die virtuelle Realität

  • Augmented Reality (AR), zu Deutsch: erweiterte Realität, die tatsächliche Umgebung wird durch virtuelle Komponenten unterstützt
  • Virtual Reality (VR), zu Deutsch: virtuelle Realität, die reale Umgebung ist nicht sichtbar und wird durch eine virtuelle Realität ergänzt
  • Datenbrille: Ein tragbarer Computer mit einem Head-Mounted-Display (HMD) projiziert virtuelle Komponenten ins reale Sichtfeld (vergleichbar mit Head-up-Displays beim Auto)

Das Projekt Glasshouse

  • Ziel: Durchgehende Unterstützung der Beschäftigten im Logistikbereich durch Datenbrillen, insbesondere im Lager
  • Beteiligte: Universität Osnabrück, Hochschule Osnabrück, Hellmann Worldwide Logistics, Meyer & Meyer, Kompetenznetz Individuallogistik (KNI), Softwarefirma PCO
  • Das Bildungsministerium (BMBF) fördert die Initiative
Franziska Niess

Datum

18. April 2017
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