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Foto: Markus Bauer

Customized Solutions

VW fertigt nach Maß

VW Nutzfahrzeuge orientiert sich bei branchenspezifischen Fahrzeugen neu. Kern der Strategie ist der frisch aus der Taufe gehobene Bereich Customized Solutions.

Den neuen Crafter hat Volkswagen Nutzfahrzeuge unter der Prämisse entwickelt, möglichst nah an den Bedürfnissen der Kunden zu sein. Das ist den Hannoveranern beim Basisfahrzeug schon ganz gut gelungen. Fakt ist aber, so VW, dass gerade beim Crafter 70 Prozent der verkauften Fahrzeuge als spezifische Branchenlösung zum Kunden rollen und eben nicht als Standardmodell von der Stange. Ähnlich wie mit den Kunden war VW auch mit den Aufbauherstellern während der Entwicklung des neuen Crafter in engem Kontakt. Schon 2012 haben VW und die Aufbauer mehr als 250 Anforderungen erfasst, die bestenfalls in den Serien-Crafter einfließen. Daraus resultieren beispielsweise die zahlreichen vorbereiteten Verankerungen in Boden und Wänden. An der Seite bietet der Crafter im Abstand von 100 Millimetern Sechskant-Bohrungen, um Schnellverschlüsse aufzunehmen.

Der Aufbauhersteller muss also nicht bohren und verletzt so nicht die Schutzschicht, welche die Karosserie vor Korrosion bewahren soll. Bohrspäne können außerdem nicht ins Innere der Karosseriebestandteile fallen und dort Rostherde bilden. Auch der werkseitig erhältliche Universalboden unterliegt diesem Diktat.

Customized Solutions arbeitet als Unternehmen im Konzern

Der zehn Millimeter dicke und laut VW dank des verwendeten Buchenholzes besonders robuste Boden bietet mit den Aufbauherstellern abgestimmte Aussparungen, die mit Blindstopfen verschlossen sind. Je nach Einbaulage entnimmt der Aufbauer also diese Stopfen. Genauso leicht lasse sich das zur Branchenlösung umgebaute Fahrzeug auch wieder zum serienmäßigen Kastenwagen umrüsten – die neuen Stopfen kosten dann lediglich ein paar Euro. Auch im Innenraum schlagen sich die Einflüsse der Partner nieder. Im Armaturenträger verfügt der Wagen beispielsweise über einige Blanko-Taster, die der Aufbauhersteller individuell belegen und beschriften kann. Schon 1970 hat VW mit der Kundendienstwerkstatt begonnen, nicht nur Werkstattdienstleistungen, sondern auch individuelle Umrüstrungen anzubieten. Im Schulterschluss mit dem neuen Crafter stellt VW daher diesen Bereich auf ein neues Fundament. Streng genommen arbeitet Customized Solutions als Unternehmen im Konzern. Auf diese Weise profitiere man von einer ähnlichen Flexibilität wie ein Mittelständler, was letztlich auch die Kunden spüren sollen. Unter dem neuen Dach laufen laut Volker Eissele, Leiter des neuen Bereichs Customized Solutions, sämtliche Branchenlösungen zusammen, egal ob es sich dabei um interne Werksumbauten, Ein- oder Zweirechnungsgeschäfte handelt.

VW legt bei seinem Portfolio die Schwerpunkte auf drei Säulen: individuelle Spezialmodelle wie Pritschen, Koffer oder Kipper, Großkundenlösungen, beispielsweise für Behörden oder auch Kleinserien und schließlich Freizeitfahrzeuge beziehungsweise Camper. Hier sind die Hannoveraner vor allem mit dem T6 schon bestens vertreten. Gerade mit dem Crafter will VW in diesem Segment aber wachsen. Aktuell werden demnach nur zwei Prozent des großen Transporters zum Camper umgebaut. Dabei ist dieser Beritt sehr lukrativ. Während die umgebauten Modelle gerade einmal 16 Prozent des Gesamtvolumens in Bezug auf die Stückzahlen ausmachen, liegt der Umsatzanteil bei etwa 60 Prozent. Das Modell California erwirtschaftet so also einen beachtlichen Deckungsbetrag.

VW rüstet auch bei Service und Vertrieb auf

Dennoch wird der Löwenanteil der Crafter-Umbauten auf kommerzielle Branchenlösungen entfallen. Ab Werk bietet VW darum beispielsweise Kofferaufbauten oder Kipper an. Die Koffer selbst kommen dabei unter anderem von Schmitz Cargobull inklusive Ladebordwand von Palfinger. Bei den Kippern arbeitet VW mit Henschel und Schuon zusammen. Allerdings deuten direkt am Fahrzeug nur ein paar kleine Logos auf Palfinger und Co. hin. Künftig will VW auch Kühlfahrzeuge "made by Volkswagen" anbieten. Der Vorteil dieser internen Lösungen für den Kunden: Tritt ein Garantiefall ein, ist VW der Ansprechpartner, auch wenn eine der Komponenten Probleme macht, die ein Partner zuliefert.

Neben der rein technischen Seite rüstet VW auch beim Service und Vertrieb für seine gewerblichen Kunden auf. So bieten bereits zum Start von Customized Vehicles mehr als 100 von den bestehenden rund 700 Standorten ein speziell auf Nutzfahrzeugkunden angepasstes Serviceportfolio an. Dazu zählen flexiblere Öffnungszeiten. Diese sogenannten Service Plus Partner müssen von VW vergebene Standards erfüllen. Dazu hat VW eine eigene Schulungsabteilung ins Leben gerufen. Auf diese Weise sollen die Servicestützpunkte auch kleinere Reparaturen an den Aufbauten, beispielsweise an Kühlaggregaten übernehmen können. Insgesamt arbeitet VW mit mehreren 100 Aufbaupartnern zusammen, davon 40 zertifizierte Premiumpartner. VW macht also ernst mit seiner Strategie, künftig stärker auf Partner und Kundschaft zu hören. Selten war ein Transporter aus Hannover ab Werk individueller unterwegs.

Zoom Volker Eissele Foto: Matthias Leitzke
Volker Eissele leitet den neuen Bereich Customized Solutions bei VW Nutzfahrzeuge.

Trends bei den leichten Nutzfahrzeugen

Die bedeutendsten Trends, die leichte Nutzfahrzeuge in naher und mittlerer Zukunft betreffen werden, sind, glaubt man den Einschätzungen des Beratungsinstituts Deloitte, Urbanisierung und weitere Globalisierung, immer weiter expandierender E-Commerce sowie Veränderungen am Fahrzeug selbst wie alternative Antriebssysteme und Konnektivität. Bis 2030 werde demnach die Hälfte der Weltbevölkerung urban wohnen. Der Gütertransport wird sich laut Deloitte von 2010 bis 2050 verdreifachen. Gleichzeitig wird die Zustellung auch wegen des E-Commerce immer feingliedriger. Der Platzbedarf in Transportern werde geringer, doch die Zahl der Einzellieferungen steigt. Die Hersteller müssen also umdenken beim Fahrzeugdesign und gleichzeitig effiziente und flexible Ladesysteme entwickeln. Dies biete starkes Wachstumspotenzial, wenn auch der Kunde sehr preissensibel agiert und für den Mehrwert in der Zustellung am liebsten nichts bezahlen möchte.

Gleichzeitig bekommen es die etablierten Hersteller mit einigen eigentlich marktfremden Disruptoren zu tun, die bestehende Lücken besetzen. Dazu zählt Streetscooter mit seinen Elektro-Lieferwagen oder auch Starship mit autonomen Lieferrobotern. Hersteller müssen also entweder mit den neuen Marktbegleitern Schritt halten, um ebenfalls Lücken zu nutzen, oder schon frühzeitig mit den Disruptoren zusammenarbeiten. Daimler vereint diese Tugenden in seinem Advance Programm mit eigenen Entwicklungen und der Partnerschaft mit Starship. Doch auch abseits des Lieferverkehrs müssen Hersteller umdenken. Gerade bei der hohen Individualisierungsquote für Branchenlösungen gelte es anzusetzen. Schließlich müsse der Hersteller global erfolgreich sein und gleichzeitig auf lokale Anforderungen zugeschnittene Lösungen bieten.

Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 09/2017.
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Ford Transit Custom

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Datum

29. August 2017
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