Wer Strecken sowieso zurücklegt, könnte Pakete mitnehmen. Zoom

Crowdshipping: Jeder kann Kurier sein

Die letzte Meile in der Zustellung von Paketen steht nicht nur bei den Paketdiensten selbst im Fokus. Auch die Logistik-Wissenschaft beschäftigt sich mit Lieferoptionen zum Endempfänger, wie etwa Prof. Alan McKinnon von der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg.

So könnte nach Ansicht von Prof. McKinnon beispielsweise das sogenannte Crowdshipping oder Crowd Delivery den Markt beeinf lussen. Die ursprünglichen Konzepte sahen vor, dass Privatpersonen als Kuriere tätig werden. "Sie befördern die Sendung auf Strecken, die sie ohnehin zurücklegen – etwa zur Arbeit oder auch in den Urlaub", erläutert er. Wie bei Mitfahrgelegenheiten könnten demnach ebenso Pakete oder auch Lebensmitteleinkäufe im Wagen oder Reisegepäck mitgenommen werden. "Hermes hat sich dieses Konzept in Großbritannien, schon bevor der Begriff Crowdshipping aufkam, zunutze gemacht und ganz normale Menschen für die Paketauslieferung eingesetzt", sagt er.

Professionelle Dienstleister können mitbieten

Crowdshipping funktioniert als Onlineauktion. Daher könnten auch professionelle Dienstleister wie Paketdienste mitbieten. Die Plattformen, die die Transporte versteigern, nehmen eine kleine Gebühr dafür und verdienen auf diese Weise mit. Es gibt aber auch Portale, die lediglich den Onlineservice zur Verfügung stellen, also Menschen miteinander in Kontakt bringen, die ein Paket versenden oder transportieren wollen. Versender und Transporteure wiederum können dabei selbst über die Höhe der Bezahlung für den Mitbringservice verhandeln. Möglich ist aber auch, und so praktiziert es beispielsweise Amazon, dass der Kurier einen Stundenlohn bekommt, die Plattform selbst ein paar Prozent der Versandgebühren einstreicht. "Es gibt kein standardisiertes Bezahlmodell hierfür", sagt McKinnon.

Als Crowdshipping aufkam – vor fünf, sechs Jahren –, steckte die Idee dahinter, Fahrzeugkilometer und Geld zu sparen und einen Beitrag für die Gemeinschaft und die Umwelt zu leisten. "Ich denke, dass immer noch eine Menge Menschen daran glauben", sagt der Professor. Allerdings habe sich das Konzept mittlerweile kommerzialisiert und die Beteiligten denken eher daran, damit Geld zu verdienen oder hauptberuflich als Kurier zu arbeiten. Und damit werden auch neue Transporte generiert. "Die Hoffnung ist aber nach wie vor, dass Crowdshipping die Zahl der Fahrzeugbewegungen reduziert", fügt er hinzu. Allerdings gebe es bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass sich damit die CO2-Emissionen etwa in Innenstädten durch das Konzept verringert hätten.

Thema Sicherheit in den Fokus rücken

Dass Sendungen beim Crowdshipping verloren oder kaputt gehen oder gestohlen werden, sieht McKinnon nicht als Problem. Wer professionell arbeitet, biete auch einen Versicherungsschutz. Bei Privatpersonen sei die Haftungsfrage zwischen beiden Partnern zu klären. Eher würde das Thema Sicherheit in den Fokus gerückt werden, vor allem in den USA. "Man muss irgendwie ausschließen können, dass Waffen oder Bomben auf diese Weise transportiert werden", sagt McKinnon. Passiert sei seines Wissens bislang jedoch nichts dergleichen.

Viele Crowdshipping-Firmen bieten ihre Services lokal an, sodass es eigentlich immer um die letzte Meile gehe. Es gibt aber auch Firmen, die sich auf die lange Distanz spezialisiert haben und als Transportmittel Flugzeug oder Schiff wählen. Will beispielsweise ein privater Kunde ein Fotoalbum von Sydney in Australien zu seinen Verwandten in London, Großbritannien, schicken, kann er damit natürlich einen KEP-Dienst beauftragen, was sicherlich sehr teuer wäre. Gibt er das Fotoalbum einer Privatperson mit, die es in ihren Koffer packt, kostet das nur einen Bruchteil dessen, was der KEP-Dienst verlangt, oder eben nichts – beziehungsweise er bekommt eine andere Gegenleistung. "Möglich ist, dass er mir dafür die Wohnzimmerwände streicht oder mein Auto repariert", erläutert der Professor. Der Kurier könnte also sogenannte Credits sammeln und bei Bedarf einlösen, statt Geld zu bekommen. Das sei aber noch ein Zukunftsszenario.

Start-up "Shippie" hat sich neue erfunden

In Deutschland ist vor knapp drei Jahren das Frankfurter Start-up Shippies als Crowdshipping-Anbieter an den Start gegangen. "Shippie" genannte Boten holen Einkäufe bei ihren eigenen Erledigungen in der Stadt ab und liefern diese dann an den jeweiligen Kunden aus. Das Konzept sah vor, dass die angeschlossenen Händler den Shippie mit Angeboten und Rabatten honorieren. Gewerbliche Boten sollten auch Geldbeträge ausgezahlt bekommen. Inzwischen hat sich das Unternehmen aber neu erfunden und bietet nunmehr einen Gepäckservice an.

Auch DHL hat sich des Themas Crowdshipping angenommen und nutzte es unter dem Namen My Ways für die Paketzustellung in Stockholm. Dabei konnten Stockholms Einwohner die Zustellung einzelner Pakete an den Empfänger übernehmen. Eine speziell konzipierte App hat Empfänger und Zusteller verbunden. Das Projekt ist bereits Ende 2013 ausgelaufen.

Deutsche sind skeptisch

Bring Bee hat sich in der Schweiz versucht, ist aber relativ schnell gescheitert. Möglicherweise, weil strategische Partner oder Handelspartner fehlten. "Zudem sind eine Menge Nutzer nötig, um für die Ziele eben auch genügend Treffer zu haben", erläutert der Logistik-Professor. Zudem existierten zu viele "große Biester" wie die Amazons oder Ubers der Welt, die mit ihren Services sehr erfolgreich am Markt agieren. In Deutschland scheint sich Crowdshipping bislang nicht zu etablieren. "Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen immer an irgendwelche Risiken denken und skeptisch sind", sagt McKinnon. Möglicherweise liege es aber auch daran, dass es hierzulande eine Reihe von Paketdiensten gibt, deren Services gut funktionieren.

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16. März 2017
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