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Conti Service Check 2017

Der digitale Reifen wird Realität

Dr. Marko Multhaupt Leiter des strategischen Account Managements für Nutzfahrzeugreifen bei Continental zum Wandel im Reifenservice-Prozess. 

Herr Dr. Multhaupt, die Frühjahrs-Umfrage zur Mobilität im Gütertransport hat ergeben, dass der Reifen zu 39 Prozent der Verursacher für Pannen ist. Was können Logistikunternehmen tun, um solche Pannen zu vermeiden?

Multhaupt: Das fängt schon bei der Reifenwahl an. Zwischen Premiumreifen und Billigreifen bestehen große Unterschiede, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind, aber über die Lebensdauer immer deutlicher hervortreten. Bei Premiumreifen überwiegen die Vorteile in Laufleistung, dem Wert der Karkasse, bei Rollwiderständen und bei den Sicherheitsaspekten. Premiumreifen erweisen sich seit Jahrzehnten gegenüber Billigreifen als das bessere Produkt. Der zweite wichtige Aspekt sind die technischen Eigenschaften des Reifen-Rad-Systems. Anfahrschäden, Diffusion aus Haarrissen in der Felge – ein Reifen ist aufgrund seiner natürlichen Bestandteile nie zu 100 Prozent luftdicht. Selbst ein nicht richtig eingestelltes Fahrwerk oder eine falsche Achssymmetrie wirken sich negativ auf den Reifen aus. Es kommt zu einseitigem Abrieb des Reifens und damit zu unnötigem Verschleiß. Damit Reifen nicht ungeplant ausfallen, gilt es frühzeitig zu erkennen, ob etwas im System nicht stimmt.

Welche Rolle spielen dabei Reifendruckkontrollsysteme (RDKS)?


Viele Spediteure behaupten zwar, den Luftdruck im Griff zu haben – bei unseren Fleet Checks sieht die Welt aber ganz anders aus. Während ein Teil von ihnen mit dem korrekten Luftdruck unterwegs ist, fahren andere mit Überdruck und noch mehr mit Unterdruck, was viel schlimmer ist. Wirtschaftliche Nachteile durch Unterdruck ergeben sich nicht nur durch einen höheren Treibstoffverbrauch, sondern auch durch einen höheren Verschleiß. Für mich ist es darum unverständlich, dass RDKS – im Gegensatz zum Pkw – im Lkw noch kein verbindliches Thema ist. Dabei ist die Nachrüstung mit digitaler Technik wie dem Conti Pressure Check-System, einem sensorbasierten permanenten Reifendruckkontrollsystem, ganz einfach. In der Praxis hat es sich schon tausendfach bewährt und vielen Pannen vorgebeugt.

Ein wichtiger Garant für eine reibungslose Mobilität steckt im Reifenservice. In welche Richtung wird sich dieser Service aus Sicht von Logistik 4.0 entwickeln?


In den Achtzigerjahren haben wir bei Continental den Euroservice eingeführt und 2010 den Conti 360° Fleet Service als Rundumservice mit einer 24/7-Verfügbarkeit EU-weit etabliert. Er reicht vom klassischen Pannenservice bis zum regulären Reifenservice für Einzelfahrzeuge und Flotten. Um aber auch in entlegenen Regionen einen adäquaten Service bieten zu können, bedarf es neuer Kooperationen, zunehmend stärker als in der Vergangenheit. Es macht dabei wenig Sinn, sich gegenüber anderen mit der Prämisse abzuschotten, dass ein System das bessere ist. Fahrzeug- und Reifenhersteller wie auch Dienstleister müssen einfach enger zusammenarbeiten. Wenn wir schneller und effektiver sein wollen, bedarf es zugänglicher, guter Schnittstellen und entsprechender Standards. Alles andere wird zu erheblichen Zeitverzögerungen in den Abläufen führen und die Transportsicherheit einschränken.

Wird die Prävention in diesem Zusammenhang eine zunehmend stärkere Position einnehmen?

Ja. Aus diesem Grund haben wir das schon erwähnte System ContiPressureCheck (CPC) auf den Markt gebracht: Es misst neben dem Reifendruck auch die Temperatur und warnt bei einem erkannten Mangel zeitnah den Fahrer. Elektronik im Reifen wird den Serviceprozess zunehmend verändern, insbesondere, wenn wir in den CPC-Sensor neben der permanenten Luftdruck- und Temperaturmessung noch weitere Komponenten einbringen. Der Reifen wird auf diese Weise seine eigene Diagnose erstellen und diese direkt an die Fuhrparkleitung übermitteln. Dort wird entschieden, was gemacht werden muss. Entweder durch einen Conti360° Fleet Service Partner oder durch das Logistikunternehmen selbst. Schließlich informiert eine Auswertung darüber, wann, was, wo passiert ist.

Gut 60 Prozent der Befragten wünschten sich zur Verbesserung der Mobilität Echtzeit-Informationen über Aggregatzustände im Fahrzeug und zum Reifen. Muss der Reifen Teil der digitalen Welt werden?

Wir erkennen Tendenzen, in denen sich die Logistiker auf ihr Geschäft konzentrieren wollen – auf den Transport der Güter – alles andere ist für sie wenig von Interesse, will heißen: Mit dem Fahrzeug, den Reifen und ähnlichen Dingen will der Transporteur nichts zu tun haben. Deshalb haben wir bereits den ersten Schritt in Richtung Digitalisierung des Reifens mit unserem Conti Pressure Check-Reifensensor vollzogen. Um die dabei gewonnenen Informationen noch besser nutzen zu können, haben wir unser System mit dem Internet verbunden. Die digitale Vernetzung von Fahrzeug, Rad, Reifen und Flotte wird mit unserem Conti Connect System bis zum Ende des Jahres Realität werden.

Welche zusätzlichen Chancen ergeben sich aus der Digitalisierung für Unternehmen?

Technisch sind wir auf dem Weg, einen Reifen eindeutig zu identifizieren, zu erkennen, an welcher Stelle er im Fahrzeug verbaut ist und wo er gerade fährt. Wir werden mit Know-how aus anderen Continental-Divisionen die Gewichtskomponenten und damit die herrschenden Lasten ermitteln können. Wir haben schon technische Ansätze, um Reifenabnutzung, Restprofil und Profiltiefe digital zu ermitteln. Messungen werden uns zeigen, wie viel Griff die Fahrbahn dem Reifen bietet, dafür werten wir auch Wetterdaten aus. Auf diese Art und Weise ließen sich eine noch bessere Fahrdynamik erzielen und die Sicherheit erhöhen. Die Digitalisierung des Reifens ist also ein wesentlicher Schritt in die Richtung uneingeschränkter Mobilität und trifft damit das Kernbedürfnis der Logistikbranche. Und diese digitale Zukunft ist schon zum Greifen nahe.

Zur Person

  • Dr. Marko Multhaupt ist seit August 2017 als Leiter Großflottengeschäft Nutzfahrzeugreifen in den USA verantwortlich für das amerikanische Flottengeschäft bei Continental
  • Zuvor leitete Multhaupt seit 2009 Marketing und Vertrieb für das Ersatzgeschäft mit Bus- und Lkw-Reifen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • In der Zeit von 2001 bis 2009 verantwortlich für das Controlling der Geschäftseinheit Nutzfahrzeug-Reifen Emea
  • Bevor er 2001 als Leiter des Controllings für Forschung und Entwicklung Reifen bei Reifenhersteller aus Hannover anfing, leitete er von 1997 bis 2001 die Finanzen und das Controlling der Robert Bosch Multimedia Systeme
  • Der Flottenfachmann ist diplomierter Informatiker und hat einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften

Knut Zimmer

Autor

Datum

11. September 2017
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