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Bundeswehr in Afghanistan: Abzug auf Raten

Wie zieht eine Armee ab, besonders aus einem Land wie Afghanistan? Mit dieser Frage musste sich Brigadegeneral Walter Ohm beschäftigen, als er im Herbst 2012 den Auftrag erhielt, die Rückverlegung des deutschen ISAF-Kontingents zu organisieren.

Seit Dezember 2001 war die Bundeswehr als Teil der International Security Assistance Force (ISAF) am Hindukusch im Einsatz, im April 2013 begann der Abzug auf Raten. Während die afghanische Regierung Sicherheit und Ordnung nun selbst in die Hand nehmen soll, beschäftigt sich Brigadegeneral Ohm damit, was die Truppe noch braucht und was eingepackt werden kann.

6.000 Container und 1.700 Fahrzeuge müssen zurück nach Deutschland

Grob geschätzt müssen insgesamt 6.000 Container und 1.700 Fahrzeuge zurück nach Deutschland transportiert werden: per Lkw, Großraumflugzeug und Schiff. "Das ist die größte Rückführung von Material in der Geschichte der Bundeswehr", erklärt Ohm seine Mammutaufgabe. "In über 10 Jahren ist eine Unmenge hierhergebracht worden."

Die erste Etappe, von den zu räumenden Außenposten und Feldlagern zum "Camp Marmal" in Mazar-e Sharif, übernehmen afghanische Frachtführer oder die Bundeswehr selbst. Kriegsgerät wie die Panzerhaubitze 2000 wird von dort direkt nach Deutschland zurückgeflogen – unter anderem mit dem Mega-Transportflugzeug Antonow 124, das bis zu 150 Tonnen Fracht fasst. Doch diese Form des Rücktransports von Mazar-e Sharif zum Luftkreuz Leipzig in Sachsen bleibt die Ausnahme. Das liegt vor allem an den Kosten. Was die Passage einer vollbeladenen An-124 nach Deutschland kostet, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis zwischen der Bundeswehr und den ausschließlich osteuropä­ischen Anbietern Volga-Dnepr Airlines und Antonov Airlines.

Per Iljuschin 76 und Antonow 124 in die Türkei

Die meisten Fahrzeuge und Container fliegt die Bundeswehr in die türkische Hafenstadt Trabzon – ebenfalls mit gecharterten Iljuschin 76 und Antonow 124 – und lagert sie dort zwischen. Im Abstand von mehreren Monaten trifft dann ein Roll-on-Roll-off-Schiff ein, das die Ausrüstung zurück nach Deutschland bringt. Die Ro-Ro-Schiffe sind speziell für bewegliche Güter konzipiert. Zuletzt legte die "Britannia Seaways" mit 3.400 Tonnen Fracht an Bord in Emden an.
Bis zum Juli dieses Jahres hat die Bundeswehr so bereits drei Viertel ihrer Fahrzeuge zurückgeschafft. Das Ganze hört sich einfach an, ist aber ein aufwendiges Verfahren, das in mehreren Schritten erfolgt. Allein vom Erfassen eines Fahrzeugs bis zum Einladen in die Antonow dauert es gut eine Woche – wenn alles gut läuft.

Als Erstes wird festgelegt, ob das Gerät überhaupt wieder mit nach Hause kommt. Ist es ein gepanzertes Fahrzeug, ein Transportpanzer Fuchs zum Beispiel, muss es nach Deutschland zurückgebracht werden. Anders sieht es bei handelsüblichen Lkw aus, wo die Transportkosten womöglich den Restwert über-steigen würden (siehe Kasten Lkw-Basar von Mazar-e Sharif).

Im Drehkreuz der "Materialschleuse"

Dreh- und Angelpunkt ist die "Materialschleuse". "Alles, was die Bundeswehr für den Einsatz hier in Afghanistan braucht oder nicht mehr benötigt, geht durch unsere Hände", berichtet Oberstleutnant Dietmar B., der Leiter der Schleuse. Bevor die Militärfahrzeuge reisefertig gemacht werden, kommt alles raus, was nicht reingehört. Bei leeren Zigarettenschachteln, Bonbonpapieren und Getränkedosen ist das nicht so schwierig. Aber auch der lehmige, verkrustete Wüstendreck muss entfernt werden. Also müssen die Soldaten mit Spachtel und Stahlbürste schrubben, bis der Innenraum sauber ist. Hintergrund des Putzwahnsinns ist das Bundesseuchengesetz beziehungsweise die Veterinär-Verordnung, wonach das Fahrzeug keinerlei lokale Anhaftungen mit nach Deutschland bringen darf.

Nach der groben Innenreinigung werden alle technisch-militärischen Geräte erfasst. Allein diese Prozedur kann Stunden dauern, weil die Funkgeräte oder Bordelektronik aus Sicherheitsgründen fest verschraubt sind und die Seriennummern der entsprechenden Geräte immer auf der Rück- oder Unterseite stehen. Beim Transportfahrzeug "Dingo" geht das ja noch, aber ein richtiger Spaß wird es bei einem Sanitäts- oder Funkpanzer.
Alle ausgebauten Teile, Werkzeuge, Fußmatten, Innenraum- und Seitenverkleidungen werden dann schön auf dem Boden in einer geschlossenen Halle ausgelegt, abgezählt und anschließend mit einer zweiprozentigen Ameisensäure von allen Seiten abgesprüht. Dadurch sollen keinerlei Keime nach Deutschland gelangen. Auch hier ist das Bundesseuchengesetz ein treuer Begleiter und Wegweiser. 

Ab und zu schaut den Putz-Soldaten auch mal ein Tierarzt über die Schulter, ob an den Rändern noch Schmutzreste zu sehen sind. Ist dann alles vollends dekontaminiert, und nach zwölf Stunden durchgetrocknet, wird wieder zusammengeschraubt, was zusammengehört, und im neuen Innenglanz geht unser Fahrzeug zur "Desi", zur äußeren Desinfektion.

Grobe Außenwäsche mit "Desi"

Dort wartet ein weiterer ABC-Abwehrtrupp für die grobe Außenwäsche mit anschließendem Desinfizieren. Besonders aufwendig reinigen die Soldaten die Radkästen und den Unterboden. Wenn nötig, muss da auch mal eine 110-Kilogramm-Panzerplatte abgeschraubt werden, um in die letzten Ecken des Fahrzeugs zu gelangen.

Ist der Wagen von allen groben Schmutzpartikeln und Wüstenstaub befreit, kommt die Tierseuchen-Vorsorge. Auch hier bewirkt eine zweiprozentige Ameisensäure wahre Wunder. Nachdem der gepanzerte Wagen nun auch äußerlich kerngereinigt ist, kann er endgültig auf des Vorfeld gefahren werden und auf die Verladung warten – eine weitere logistische Herausforderung, die von der Pünktlichkeit der Transportmaschinen abhängt. Doch die erste Hürde auf dem Weg in die Heimat ist gemeistert.

Der Lkw-Basar

Zu Beginn des Abzugs aus Afghanistan befanden sich über 1.700 Fahrzeuge in den Feldlagern – vom Schützenpanzer bis zum Gabelstapler. Ende Mai 2014 waren davon noch gut 500 übrig. Der Großteil des riesigen Fuhrparks – laut Bundeswehr etwa 80 Prozent – wird zurück nach Deutschland gebracht. Der Rest bleibt am Hindukusch, da die Transportkosten den Restwert übersteigen würden. Viele Gebäude, Büromöbel und Ausrüstungsgegenstände hat die Bundeswehr bereits an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Und einen Teil der Fahrzeuge versteigert sie auf dem Lkw-Basar von Mazar-e Sharif an den Meistbietenden – ausschließlich zur zivilen Nutzung. Bei den Afghanen besonders beliebt ist der Unimog. Grundgebot in der ausgeschlachteten Version: 2.000 US-Dollar, mit Aufbau 4.000. Das Highlight des Basars am 18. Mai war der oben abgebildete Straßentankwagen von Iveco. Er fuhr fünf Jahre lang auf dem Rollfeld von Camp Marmal und hatte lediglich 35.000 Kilometer auf der Uhr. Grundgebot für den Iveco Trakker: 90.000 US-Dollar. Das Interesse war groß, doch am Ende wollte keiner der Bieter den angesetzten Mindestpreis akzeptieren – also blieb der Vierachser vorerst auf dem Hof stehen. Die Fahrzeuge dürfen übrigens nicht im Tarnanstrich verkauft werden. Also muss ein neuer Lack her – für den die Soldaten vom "Redeployment" (Rückverlegung) die Farbe nehmen, die gerade zur Hand ist. Und das ist im Zweifel Schwarz. Überwacht werden die Auktionen unter anderem vom Bundesrechnungshof, denn bei sämtlichen Fahrzeugen, Bürocontainern, Ersatzreifen, Klimaanlagen, Wagenhebern und Werkzeugkisten handelt es sich um Bundeseigentum.

Autor

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Foto

Sven Bargel/Bundeswehr, Wilke

Datum

21. November 2014
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