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Blinde Passagiere im Lkw: Eskalation in Calais

Das Drama um die blinden Passagiere in Frankreich spitzt sich zu. Leidtragende sind Lkw-Fahrer im Englandverkehr. Ihnen drohen hohe Strafen.

Szenen wie aus einem Horrorfilm – so beschreibt der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL) die Situation in der französischen Hafenstadt Calais. Ein Streik französischer Reedereimitarbeiter, die um ihre Jobs kämpfen, hat Anfang Juli den Englandverkehr zum Erliegen gebracht. Kilometerlange Staus, Hitze und mitten auf der Straße Gruppen junger Migranten aus Afrika, die immer offensiver versuchen, in Lkw einzudringen, um als blinde Passagiere nach Großbritannien zu gelangen.  Hecktüren werden geöffnet, Ladung herausgeworfen und Planen aufgeschlitzt. Polizisten rennen die Fahrbahn entlang, um die Menschengruppen von den langsam fahrenden oder stehenden Sattelzügen fernzuhalten, werden der Lage aber nicht Herr.
Mittendrin im Chaos: Bernd Harlizius und Jörg Tretow, seit elf Jahren Fahrer bei Klaus Heinen. Mit seiner Spedition KMS hat sich der Transportunternehmer aus Bergheim auf die Relation Großbritannien spezialisiert: mit 26 Trailern, fünf eigenen Zugmaschinen und Subunternehmern aus Bulgarien. 34 Umläufe pro Woche garantieren unter normalen Umständen einen akzeptablen Umsatz mit auskömmlichen Margen.

Aber derzeit ist nichts mehr normal. Am Sonntagabend nach dem Streik gehen Tretow und Harlizius wieder auf Tour. Sie sind gut befreundet, jede Woche fahren sie mit Teilpartien aus dem Ruhrgebiet nach Mittel- und Nordengland. "Eigentlich ist es ein guter Job", sagt Tretow. "Wir haben vier bis sechs Kunden, sind meist am Dienstag leer, tauschen dort im Begegnungsverkehr mit einem unserer bulgarischen Subunternehmer einen Trailer, laden Mittwoch selbst zurück, sind Donnerstag in Deutschland leer und laden Freitag wieder vor."

Freitagnachmittag stehen die Züge dann in Kerpen. "Ich arbeite eigentlich viel lieber in England als in Deutschland", ergänzt Harlizius. Aber entspannt arbeiten lässt sich erst, wenn wir ohne Probleme dort angekommen sind und keinen blinden Passagier an Bord hatten."

Die Angst fährt mit

Die Gelassenheit, mit der die beiden Profis nun die offizielle Checkliste abarbeiten, die ihnen Heinen zu den Frachtpapieren gelegt hat, ist erstaunlich. Sie kennen sich gut aus. Doch die Angst, von den britischen Behörden plötzlich als Menschenschmuggler bestraft zu werden, fährt immer mit. "Für jeden blinden Passagier, der beim Check in Calais im Lkw erwischt wird, ist eine gesamtschuldnerische Strafe von 2.000 Pfund fällig", erläutert Heinen. Einmal wurden zehn Leute auf seinem Trailer erwischt. "So zynisch es klingt, die Strafe kann nicht als Betriebsausgabe von der Steuer abgesetzt werden. Dem Auftraggeber ist dies egal, die Frachtraten im UK-Verkehr sind auch nicht gestiegen. Ganz im Gegenteil. Wir bleiben auch auf den Kosten für zerschnittene Planen und beschädigte Ladung sitzen. Geht es so weiter wie bisher, ist bald die Luft raus. Lange halten wir das nicht mehr durch!"

Jeder Trick ist recht

Ein Schwachpunkt sei das Dach des Aufliegers, erzählt Harlizius. "Die Leute klettern dort rauf und dringen in den Frachtraum ein. Sie sind so verzweifelt, dass ihnen jeder Trick recht ist." So werde etwa durch Helfer die Zollschnur durchtrennt, worauf die Migranten ins Fahrzeug kletterten. Die Helfer steckten einen Nagel in beide Enden und befestigten sie täuschend echt mit Sekundenkleber. Tretow hat sich daher angewöhnt, bei jedem Rundgang die Zollschnur zu prüfen. Das Terminal selbst ist ein von den Franzosen ge­duldeter Vorposten der britischen Kontroll­organe, die mit Röntgendurchleuchtung, Herzschlagmessung und CO²-Checks jeden Lkw auf illegale Einwanderer kontrollieren. "Am Ende hast du alles nach Vorschrift gemacht", sagt Harlizius, "und bist dennoch der Schuldige, wenn es jemand an Bord geschafft hat." Tretow hatte selbst auf der Rückfahrt schon Afrikaner an Bord. "Sie hatten nicht gelesen, dass die Fracht nach Deutschland geht. Ich habe die Polizei informiert, auch wenn mir die Menschen leid tun."

Pause hinter Brüssel ist nicht möglich

Für Fahrer hat die aktuelle Situa­tion schon weit vor Calais Konsequenzen. Eine Pause hinter Brüssel ist im Prinzip unmöglich. "Die wenigen Parkplätze auf der französischen Autobahn nach der belgischen Grenze sind alle geschlossen worden", erzählt Tretow. Wenn Harlizius und Tretow dann nach gut fünfeinhalb Stunden Fahrzeit den Hafen von Calais erreichen, bietet sich ihnen ein schockierendes Bild. Schon seit den 90er-Jahren hausen dort Migranten in einem illegalen Camp. Rund 3.000 sind es Anfang Juli, es steht zu befürchten, dass es bald noch mehr werden. Zwar laufen die politischen Drähte mittlerweile heiß, das Bundesverkehrsministerium und das deutsche Auswärtige Amt versuchen, in Paris und London zu intervenieren. Doch scheint die Flüchtlingsproblematik innerhalb der EU außer Kontrolle geraten. Die Migranten haben meist schon eine längere Strecke hinter sich und nun setzen sie alles daran, nach England zu gelangen.

Denn dort gibt es weder eine Melde- noch eine Ausweispflicht. In den Städten, vor allem in der Metropole London, lockt auch die Möglichkeit der Schwarz­arbeit. "Genau das wollen die britischen Behörden natürlich verhindern", sagt Harlizius, der sich regelmäßig in der lokalen Presse informiert. "Die französische Polizei ist offenbar machtlos. Und deswegen hat die britische Regierung nun bekanntgegeben, dass man unmittelbar in Calais die Kontrollmaßnahmen weiter verschärfen will."

Calais ist der Flaschenhals vor dem Ärmelkanal

Calais ist der Flaschenhals vor dem Ärmelkanal. Rund 9.000 Lkw werden dort pro Tag durchgeschleust – die Fähren und der Eurotunnel sind längst an der Kapazitätsgrenze. "Im umzäunten Hafengebiet selbst ist man sicher", sagt Harlizius. "Aber dieser Raum fasst nicht alle ankommenden Lkw. Ich muss also versuchen, am Montagmorgen vor der großen Welle der Kollegen aus ganz Europa dort zu sein. Aber durch das Sonntagsfahrverbot haben die meisten deutschen Fahrer dazu kaum eine Chance. "Wenn der Lkw erst im ganz normalen Rückstau vor dem Hafen steht, ist man als Fahrer der Situation hilflos ausgeliefert. Und die Aggression wächst."

Heinen zeigt einen Film aus dem Internet: Migranten lauern an den Zäunen, sitzen auf Leitplanken. Selbst am hellen Tag öffnen sie Heckportale und klettern in Auflieger. "Ich kann von meinen Mitarbeitern nicht verlangen, Menschen, die zu allem entschlossen und teilweise bewaffnet sind, von der Ladefläche zu holen. Wenn die französische Polizei welche erwischt, können sie nach kurzer Zeit gehen und stellen sich gleich wieder hinten an." Es gibt noch die alternative Fähre von Dünkirchen nach Folke­stone. Sie ist überlastet. Die ehemaligen belgischen Fährverbindungen sind eingestellt und die Verbindung von Rotterdam aus ist deutlich teurer. "Die Kunden sind nicht bereit, mehr Geld zu zahlen", klagt Heinen. "Am Ende bleiben uns die Kosten und die Fahrer werden vor Ort allein gelassen."

Am Montagmittag schreibt Heinen eine E-Mail an die Redaktion: "Beide Fahrer sind nach dem Tanken in Maasmechelen durchgefahren." Der einzige Zeitpunkt, zu dem die Lastzüge unbeaufsichtigt waren, sei auf dem Tunnelgelände gewesen – wenn die Fahrer in den Bus steigen, der sie zum Personenwaggon bringt. "In Basildon angekommen, bemerkte Harlizius, dass zwei blinde Passagiere an Bord waren und von innen die Plane aufgeschnitten hatten, um rauszukommen. Sie haben es wohl geschafft und meine Fahrer haben wirklich Glück gehabt."

Infos und Notrufnummern

Bundespolizei: 08 00 / 6 88 80 00
Polizeinotruf Frankreich: 17 (Vorwahl: 00 33)
Polizeinotruf GB: 999 (Vorwahl: 00 44)
Europaweiter Notruf: 112
Britische Grenzschutzbehörde:
00 44 / 20 87 45 60 06
Tipps und Formulare der britischen Grenzschutzbehörde gibt es unter: https://www.gov.uk/secure-your-vehicle-to-help-stop-illegal-immigration. Dort lässt sich auch eine Fahrzeug-Checkliste in deutscher Sprache herunterladen.
Für blinde Passagiere ist das clandestine
entrant civil penalty team (CECPT) zuständig.
Kontakt:
Tel.: 00 44/20 30 14 81 80
E-Mail: civilpenaltyunit@homeoffice.gsi.gov.uk
Fax: 00 44/20 30 14 80 06

Autor

Foto

KMS-Spedition, Jan Bergrath

Datum

31. Juli 2015
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