Girteka, Litauen, Vilnius, Logistik, Lkw Zoom
Foto: Thomas Kueppers

Blick hinter die Kulissen bei Girteka

Girteka orientiert sich an Japan

Der litauische Großspediteur Girteka Logistics hat ehrgeizige Pläne bis zum Jahr 2021. Eurotransport.de hat verschiedene Standorte des Unternehmens in Vilnius und Umgebung besucht.

Die Geschäftszahlen der litau­ischen Spedition Girteka Logistics vom vergangenen Jahr lassen vermutlich jedes Unternehmerherz höherschlagen und wecken doch Argwohn. Denn im Jahresreport steht: Der Gesamtumsatz 2016 beträgt rund 514 Millionen Euro und der Nettogewinn rund 40 Millionen Euro. Die Wachstumsrate für das Jahr 2017 liegt nach Unter­neh­mens­anga­ben bei 25 Prozent. Geht es bei Girteka mit rechten Dingen zu? Die Vorurteile sind groß, vor allem im Hinblick auf Osteuropa.

Daher empfiehlt sich eine Reise zum Standort Siauliai, rund 190 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Vilnius. Warum Siauliai? "Unsere Fahrer wohnen größtenteils nicht in Vilnius, wo sich unsere Firmenzentrale befindet, sondern im Umland", erklärt Chief Commercial Officer (CCO) Kristian Kaas Mortensen im Gespräch mit trans aktuell.
Die Fahrer stehen laut Mortensen an erster Stelle: Schulungen zu Themen wie Sicherheit und Spritsparen finden dort täglich in der sogenannten Drivers Academy statt, die Sanitäranlagen sind sauber, die Sozialräume groß und modern ausgestattet.

Zudem verfügt der mehr als zehn Millionen Euro teure Neubau über Werkstätten, darunter eine zum Lackieren der Fahrzeugteile, einen Parkplatz für Lkw und Mitarbeiterfahrzeuge sowie einen sogenannten Training-Trailer. In Letzterem lernen die Fahrer, Schneeketten aufzuziehen.

Wie es ist, für Girteka zu fahren

Wie ist es, für Girteka zu fahren? "Ich bin seit fünf Jahren dabei, vor allem wegen der fairen Arbeitsbedingungen und der guten Bezahlung", erklärt Fahrer Andrei Sudakou. Freunde haben den dreifachen Familienvater auf Girteka aufmerksam gemacht. Ebenso lief es bei Aiste Jovaisaite und ihrem Freund Gabrielus Tamulis aus Vilnius. Die beiden 22-Jährigen fahren seitdem gemeinsam durch Europa, denn die Standardbesetzung der Fahrzeuge liegt laut dem Dänen Mortensen bei zwei Personen.

Die Eröffnung des Standorts Siauliai fand 2016 statt, nebenan ist die Nato-Mission zur Luftraumüberwachung der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen stationiert. Mehrmals am Tag starten und landen die Nato-Flugzeuge, gleich neben den weißen Girteka-Lkw mit dem roten Firmenlogo. In ebenso rasantem Tempo scheint Girteka zu wachsen.

Die ehemalige Firmenzentrale ist längst zu klein geworden

Die ehemalige Firmenzentrale in Vilnius, von wo aus CEO Edvardas Liachovicius bis vor drei Jahren die Strippen zog, ist längst zu klein geworden. Mittlerweile läuft dort nur noch die Verwaltung der insgesamt acht Lagerhallen am Standort, darunter eine mit verschiedenen Temperaturzonen. In einer anderen Lagerhalle stapeln sich die Paletten mit Alkohol, die fast alle für den russischen Markt bestimmt sind. "In der Hochsaison, also in den Wochen vor Weihnachten, starten von hier aus 40 bis 50 Lkw am Tag Richtung Russland", erklärt Vaidas Krikstaponis, Qualitätsmanager am Standort Vilnius. Insgesamt seien es rund 100 Fahrzeuge täglich, darunter auch Stückguttransporte für den litauischen Einzelhandel.

Der neue Girteka-Hauptsitz befindet sich einige Kilometer weiter, ebenfalls in Vilnius, doch auch dieses Gebäude platzt schon aus allen Nähten. Es ist gemietet, die Einrichtung entspricht ganz dem "Girteka-Look", der auch in Siauliai vorherrscht: weiß-rot, spartanisch, kein Luxus, alles sieht gleich aus. Es sind nicht nur die weiß-roten Firmenfarben, die an Japan erinnern, sondern auch die Unternehmens-philosophie.

An jedem Standort hängen sogenannte Kaizen-Bords, egal ob im Büro oder in der Lagerhalle. Die Mitarbeiter können dort Verbesserungsvorschläge hinterlassen, es winkt eine Prämierung von bis zu 200 Euro. "Wir bekommen 80 bis 100 Ideen im Monat, meist simple, aber wirkungsvolle Verbesserungsvorschläge", erklärt Denis Miklasevskij, Verantwortlicher für das Lean Management. Kaizen ist eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie, die nach ständiger Verbesserung strebt. CEO Liachovicius hat das Konzept vor vier Jahren auf einer Japanreise entdeckt und eingeführt.

Asaichi-Meetings an jedem Standort

Ebenfalls an jedem Standort zu finden: die Asaichi-Meetings. Jeweils fünf Mitarbeiter treffen sich um 8.45 Uhr mit ihrem Vorgesetzten, um die Stellschrauben für den Arbeitstag zu setzen. Die Vorgesetzten wiederum treffen sich um neun Uhr mit ihren Chefs und so setzt sich das Ganze fort, bis um 10.15 Uhr das Top-Management an den CEO berichtet. "Andere beginnen ihren Arbeitstag mit einem Kaffee, wir mit einem Asaichi-Meeting", sagt Ernestas Ceberka, Teamchef Vertrieb. Man habe sich an das Konzept gewöhnt.
Von Siauliai über die Lagerhallen und den neuen Hauptsitz in Vilnius führt die Reise schließlich zu einer Baustelle, ebenfalls in Vilnius.

Dort entsteht momentan eine weitere Lagerhalle für Lebensmittel, Mitte Oktober wird sie eröffnet. "Die Halle ist 16.000 Quadratmeter groß und verfügt über zwei Etagen", erklärt Projektmanagerin Gyte Urbonaviciene. Zwei weitere Hallen dieser Dimension seien auf dem insgesamt 35 Hektar großen Areal geplant, das Girteka gehört. Dazu kommt der neue Firmensitz, der laut CCO Mortensen bis Frühling 2021 fertig sein soll. "Wir planen dafür dieselben Gebäude und Aktivitäten wie in Siauliai", erklärt Mortensen.

Die Kapazitäten seien für die Unternehmensgröße in zehn Jahren ausgelegt. Girteka: ein osteuropäisches Unternehmen, das sich mit den europäischen messen will und sich die japanische Kultur zum Vorbild nimmt. Glaubt man Liachovicius, geht die Sonne gerade erst auf.

Das Unternehmen

  • 1996 von Mindaugas Raila gegründet, das operative ­Geschäft leitet CEO ­Edvardas Liachovicius
  • Rund 8.300 Mitarbeiter, davon etwa 7.000 Fahrer
  • Momentan rund 3.500 Fahrzeuge, bis Ende des Jahres sollen es 4.000 sein
  • Märkte: Europa, Russland, Skandinavien
  • Fokus auf Komplettladungsverkehren im Kühlbereich
  • Standorte in Vilnius und Siauliai, ­sogenannte Stützpunkte für die internationalen Verkehre in Breda (Niederlande), Ivalo (Finnland) und Kiruna (Schweden)

Franziska Niess

Datum

15. September 2017
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