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Blaulichtreport: Ärger um Zusatzbeleuchtung am Lkw

Zusatzbeleuchtung am Lkw zählt nicht zu meinen Schwerpunkthemen. Aber als Journalist muss ich mich auch in andere Bereiche einarbeiten. Bei der Recherche für eine Reportage in der aktuellen Ausgabe des Fernfahrer sind dabei höchst erstaunliche Dinge über fragwürdige Polizeiarbeit ans Licht gekommen. 

Zugegeben, das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen war in den ersten Wochen des neuen Jahres hinsichtlich Presseanfragen etwas überlastet. Deswegen hat es länger als normal gedauert, um meine Frage zu beantworten, ob der Autobahnpolizei des Bundeslandes mit dem größten Transitverkehr bekannt ist, dass in Belgien immer öfter Lkw auffliegen, die eine gefälschte Bescheinigung der Hauptuntersuchung mit sich führen. Die klare Antwort: nein. Und so wird, eine ganz logische Konsequenz, das, was im Dunkeln liegt, im Prinzip auch nicht beanstandet. Freie Fahrt für gerissene Bremsscheiben müsste man sagen – wäre es nicht so traurig. Der Schwerpunkt deutscher Kontrollorgane sind seit Jahren die Klassiker Lenk- und Ruhezeiten sowie Ladungssicherung. Wer aus dem Ausland hat bei den anderen illegalen Tricks des rollenden Gewerbes da noch Angst vorm blauen Mann?

Die Schwerlastkontrollgruppe Münster und ihr bemerkenswerter Ruf

Natürlich kontrolliert auch die Autobahnpolizei in NRW regelmäßig Lkw. Erst jetzt wieder für die kommenden drei Wochen, wie aus einem Bericht des WDR zu entnehmen ist. Die Schwerlastkontrollgruppe der Autobahnpolizei Münster hat sich dabei in den Jahren einen bemerkenswerten Ruf bei den Fahrern erarbeitet. Besonders ein Mann ist dabei, gerne auch in Reportagen der lokalen Medien, immer wieder hervorgestochen: Polizeioberkommissar Thorsten Baumann. Er hat, wie leidgeprüfte Fahrer sogar öffentlich beklagen, ein Hobby, andere nennen es Obsession. Er macht, glaubt man den Zeugenaussagen von Fahrern, die er bereits an Ort und Stelle gezwungen haben soll, überzählige Lampen zu demontieren, regelrecht Jagd auf Lkw, deren Lichter nicht der Norm entsprechen. Sogar Leser unserer Zeitschrift soll er nach Betrachtung der Fotos bei den Behörden angezeigt haben. Ein Relais, das es ermöglicht, die Zusatzbeleuchtung zu deaktivieren, so dass diese während der Fahrt nicht brennt, wurde in der Show-Truck-Szene nach ihm benannt: der Baumann-Schalter. Wobei mir Experten von Dekra gesteckt haben, dass diese zwar unterwegs mehr oder weniger – also ohne rechtliche Relevanz – toleriert werden, aber eben keinesfalls erlaubt sind. Außer wohl im Münsterland. 

Angriff auf die Lichterkette

Ich gehe im Sommer gerne zum Truck Grand Prix am Nürburgring. Und ich habe, wie viele Fans dort, auch ein großes Faible für Lkw, die sich durch Zusatzbeleuchtung etwas von den ganz normalen Lastern abheben. In meiner jüngsten Reportage aus der Reihe Profi im Profil schildert Daniela Urban, wie sich plötzlich, mit einem neuen Lampenbügel, ihr Ansehen unter den Kolleginnen und Kollegen blitzlichtartig verbessert hat. Plötzlich hat sie auch ihr Faible für Festivals entdeckt, sogar im tiefen Winter in Bayern. Viele Unternehmer unterstützen ihre besten Fahrer in dieser Hinsicht – und solange sie nicht gleichzeitig den Lohn kürzen oder mehr Stunden verlangen, ist das völlig in Ordnung.

Ich war deshalb schon sprachlos, als sich Anfang Januar ein selbstfahrender Unternehmer aus Süddeutschland bei uns in der Redaktion gemeldet hat, um zu fragen, ob es rechtmäßig sei, dass er mit seinen drei Lkw bei einer Polizeikontrolle in Münster wegen angeblicher Mängel an den Lichtanlagen bei seiner Zulassungsstelle angezeigt wurde – obwohl er doch zu dem Zeitpunkt mit einem der edlen Scanias mit einem Schwertransport in Frankreich war. Unter Polizeibegleitung. Und angeblich hätten weitere 20 Besucher des Truck Grand Prix ähnliche Anzeigen bekommen, dessen Urheber schnell ermittelt war: POK Thorsten Baumann.

Intensive Recherche mit anwaltlicher Unterstützung 

Und so habe ich mich ans Telefon gesetzt, erst einmal mit einigen Betroffenen wie etwa Timo Scheuffler telefoniert. Auch er hatte Post von der Zulassungsstelle bekommen. Ich habe unseren Experten, den Fachanwalt für Verkehrsrecht Matthias Pfitzenmaier, zu Rate gezogen, der die Möglichkeit hat, durch Akteneinsicht Licht ins Dunkel zu bringen. Nach und nach hat sich ein Bild ergeben, dass an sich schon ein handfester Skandal ist. Wenn da nicht noch ein Punkt hinzukäme, der den Verdacht der Urkundenfälschung erhärtet. Damit habe ich dann die Pressestelle des Polizeipräsidiums Münster konfrontiert, die, selbst überrascht, offen reagiert hat und nun sogar mehr oder weniger um Mithilfe bei der Aufklärung bittet. Daraus habe ich schließlich eine spannende, einem Krimi nahekommende Reportage geschrieben. Ihr findet sie als Thema des Monats im neuen Fernfahrer. Sie heißt Tatort Müllenbachschleife. Und mit aller Bescheidenheit kann ich hier behaupten – sie ist ziemlich erleuchtend. 

Viel Spaß dabei. 

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

5. Februar 2016
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Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
Von 1980 bis 2013 Betriebsprüfer Arbeitsschutz in Aachen auf dem Gebiet Sozialvorschriften für… Profil anzeigen Frage stellen
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
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