Euro-6-Emulatoren 5 Bilder Zoom
Foto: Jan Bergrath

Betrug mit Adblue-Emulatoren

Mitnahmeeffekt

Vor einem halben Jahr sprachen TV-Sender in Deutschland und der Schweiz vom gezielten millionenfachen Mautbetrug durch den Einsatz von Adblue-Emulatoren in schweren Lkw. Aktuelle Kontrollzahlen weisen allerdings auf einen eher banalen Grund hin.

Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig, der Inhalt der Schweizer Sendung Kassensturz vom 14. Februar 2017 aber höchst brisant. Es geht um einen von den Reportern des namhaften Wirtschaftsmagazins scheinbar aufgedeckten Skandal: Massenhafter Betrug von vor allem osteuropäischen Lkw-Fahrern mit den sogenannten Adblue-Killern führe nicht nur zu einem millionenfachen Mautbetrug, in der Schweiz leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) genannt, sondern auch zu massiven Umweltschäden. Das TV-Team ist unterwegs mit dem bekannten Umweltphysiker Denis Pöhler aus Mainz, der mit seinem Transporter und einer innen verbauten Messapparatur auf der A2 Richtung Gotthard hinter einigen Lkw herfährt und aus deren Abgasfahne den Stickoxydanteil analysieren will. Seine Behauptung: die von ihm hochgerechneten Schweizer Lkw seien alle sauber, bei rund 25 Prozent der Lkw aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa, habe er jedoch deutlich erhöhte Werte gemessen. Es folgt das Fazit der Sendung: Durch den Einbau von sogenannten Emulatoren sparen sich betrügerische Firmen den für den SCR-Katalysator benötigten Harnstoff Adblue. Sie hätten somit bis zu 2.000 Euro im Jahr geringere Kosten und würden den Wettbewerb verzerren. Ein Skandal ungeahnten Ausmaßes.

Messungen ohne Gegenkontrolle

Im Schweizer Filmbeitrag kommt auch Stefan Simmen zu Wort, Abteilungsleiter des Schwerlastzentrums der Kantonspolizei Uri in Erstfeld an der A2, der einzigen Autobahn zum Gotthard. Er und seine Mitarbeiter wurden von dem Vorwurf und dem bald einsetzenden Druck vor allem der Umweltverbände und der Politik kalt erwischt. Bislang war das Problem des möglichen Betrugs mit Emulatoren in der Schweiz schlicht kein Thema, ebenso wenig wie in Deutschland, wo zwei Wochen zuvor ebenfalls eine Reportage im ZDF für Aufsehen sorgte. Ebenfalls mit Denis Pöhler und seinem Messverfahren. Sein Gutachten spricht von 23 Prozent auffälligen Lkw, nahezu alle aus Osteuropa. In meinen Blog habe ich den Filmbeitrag damals kritisiert. Ein Punkt hat mich dabei besonders geärgert: Weder in Deutschland noch in der Schweiz haben sich Pöhler und die Autoren der Beiträge an die zuständigen Kontrollorgane gewandt, um die Behauptungen noch während ihrer Messungen zu verifizieren.

Erstaunliche Zahlen aus der Schweiz

Ein gutes halbes Jahr später treffe ich Stefan Simmen von der Kantonspolizei und einen seiner Mitarbeiter, Feldwebel Othmar Arnold, im Schwerlastzentrum Erstfeld. 786.333 Lkw haben 2016 die Alpen auf der Gotthardroute durchquert, die Zahlen sind leicht rückgängig. Der Anteil der Transit-Lkw aus Osteuropa liegt mittlerweile bei 65 Prozent. "Jeder Lkw Richtung Italien muss hier bei uns durch", sagt Simmen. "Es wäre für uns ein leichtes gewesen, auffällig gemessene Lkw sofort auf den Verdacht der Adblue-Manipulation zu kontrollieren. Man hätte uns einfach nur fragen müssen." Das ist unterblieben, in Deutschland bis heute ebenso. Mittlerweile ist das Team seiner Mitarbeiter bestens geschult: Feldwebel Arnold hat soeben eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema verfasst und als Nebenprodukt noch eine kleine Fibel für die Kollegen geschrieben, wie man Emulatoren im Lkw findet. "Wir kennen mittlerweile jede Stelle, wo sie verbaut sein könnten", sagt Arnold. Und Simmen verrät die letzten Kontrollzahlen vom 24. August. Seit dem Filmbeitrag hat seine Mannschaft genau 9.000 Lkw nach ersten Verdachtsmomenten anlässlich der normalen Kontrollen in genauen Augenschein genommen. "Bei 89 Lkw haben wir einen Emulator entdeckt."

Ein ungewöhnlicher Spitzenreiter

Das entspricht einem Prozent. Die genaue Auswertung der Zahlen ergibt Überraschungen: Führend beim Einsatz von Lkw sind zunächst Fahrzeughalter aus Rumänien (25), vor Italien (21), Bulgarien (13), Polen (12) und Litauen (6). Nahezu jedes Land aus Osteuropa ist bei der Schummelei mit einem Fahrzeug vertreten, auch Deutschland bekommt in der unrühmlichen Euro-Rangliste diesmal einen Punkt. 95 Prozent der enttarnten Fahrzeuge haben Euro-5-Motoren, fünf Prozent Euro 4. Allesamt sind sie von überwiegend kleineren Firmen, die Lkw haben eine sehr hohe Laufleistung. In der Kategorie beliebtestes Fahrzeug gibt es dagegen einen eindeutigen Spitzenreiter: DAF. Genau 62 Mal wird ein DAF erwischt, weit vor Volvo (9), Renault (6), Iveco und MAN (je 5) sowie als Schlusslichter Scania und Mercedes-Benz mit je einem gefunden Emulator. 

Abgleich mit Deutschland

"Bei uns wird dann eine Anzeige wegen eines Fahrzeuges in nicht vorschriftsgemäßem Zustand an die Staatsanwaltschaft geschrieben", so Simmen. "Die Kaution für die Buße selbst beträgt 500 Schweizer Franken, dazu kommen 400 Franken für die Kosten." Zudem erfolgt eine Meldung an die Oberzolldirektion auf Grund des Missbrauchs der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA). In der Regel wird der Emulator noch vor Ort entfernt und einbehalten. "Das Fahrzeug wird polizeilich sichergestellt, bis es wiederum vorschriftsgemäß in einer Werkstatt hergestellt wurde und wir dies in einer Nachkontrolle überprüfen konnten."

Ein schneller Abgleich mit den zuständigen Behörden in Deutschland, dem Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und der Polizei bringt dabei eine erstaunliche Erkenntnis zu Tage. Zwar gibt das BAG keine konkreten Zahlen zu den Kontrollen heraus, sie lägen aber, so deutet es Bernd Krekeler, der für Lkw-Kontrollen zuständige neue Referatsleiter in Köln, vorsichtig an, deutlich unter den Schweizer Zahlen. Und zwar, bei gezielten Kontrollen der unter Verdacht stehenden osteuropäischen Lkw, deutlich unter den vermuteten 23 Prozent aus den Messungen. Es ist mit diesen prozentualen Anteilen bei Emulatoren dabei ähnlich wie beim Thema der manipulierten Tachos. Bei Sonderkontrollen durch das BAG festgestellte 25 Prozent Verstöße bedeuten nicht, wie es immer wieder gerne von den Medien falsch kolportiert wird, dass auch 25 Prozent aller Lkw auf deutschen Autobahnen manipuliert sind.

Am Ende ist der Grund meist ganz banal

Die Polizei, etwa in Rheinland-Pfalz, findet im Rahmen ihrer Kontrollen immer wieder Lkw mit Emulatoren. Auch hier: alte Fahrzeuge mit einer sehr hohen Laufleistung, der DAF wieder ganz vorne mit dabei. Sven Kilian, Experte des Polizeipräsidiums Koblenz für Manipulation an Lkw, der bereits Anfang des Jahres zusammen mit dem BAG bei einer Kontrolle auf der A 3 eine erste Stichprobe durchführte, hat mittlerweile genug Rückmeldungen aus den Kontrolltrupps bekommen, um ein erstes Fazit zu wagen. "Ging man bei uns zu Anfang im allgemeinen davon aus, dass durch diese Eingriffe Adblue-Kosten gespart werden sollen", sagt er auf meine Anfrage, "so zeigen die aufgedeckten Fälle überwiegend, dass die Motivation in der Einsparung von Wartungs- und Reparaturkosten liegt."

Kein Wunder: Eine Abgasanlage unterliegt Verschleiß. Nötige Reparaturen sind sehr teuer. Der Austausch einer kompletten SCR-Anlage liegt, je nach Hersteller, zwischen drei – und viertausend Euro. Seine Erklärung für das Phänomen Adblue-Betrug ist am Ende irgendwie banal im Vergleich zum angeblichen Skandal. "Entweder wird im Vorgriff die Adblue-Zufuhr unterbunden, um die Anlage zu schonen. Oder bereits defekte Anlagen werden einfach nicht mehr repariert und daraus resultierende und vorgeschriebene Störungsmeldungen sowie Notlaufprogramme durch Adblue-Emulatoren unterdrückt. In einem aktuellen Fall unserer Dienststelle wurde vom Halter fast die komplette Anlage ausgebaut. In der Werkstatt musste diese vor Weiterfahrt komplett erneuert werden, was mehrere Tausend Euro kostet." Das ist alles verwerflich, und es gibt mit Sicherheit immer noch eine Grauzone im blauen Dunst. Aber von einem Mautskandal kann keine Rede sein. Die beim Einsatz von Emulatoren unterwegs eingesparte Maut, so sieht es auch Bernd Krekeler vom BAG, sei lediglich der Mitnahmeeffekt. 

Das sagt Rob Appels, Kommunikationschef von DAF zu den Ergebnissen:

"Wir möchten gerne damit anfangen zu betonen, dass wir diese Praktiken der Anwendung von Adblue-Emulatoren durch Speditionen oder Fahrer natürlich absolut verurteilen.  

Dabei verstehen wir die Gründe auch nicht. Durch die Montage eines Emulators kann ein Unternehmer oder Fahrer sich pro Jahr vielleicht 500 bis 600 Euro Adblue Kosten ersparen. Aber das mutwillige Verletzen der Gesetzgebung ist ein Akt, wofür sehr hohe Geldstrafen anfallen und Lizenzen gefordert werden können.

Es ist für uns kaum zu glauben, dass Unternehmer oder Fahrer für diese relativ niedrigen Geldbeträge solch große Risiken eingehen wollen.

Wir sehen nicht, warum Emulatoren einfacher bei DAF Fahrzeuge verwendet werden können und nach unserer Meinung spielen auch die Preise der Anlagen zur Abgasnachbehandlung hier gar keine Rolle. 

Deshalb können wir deine Erfahrungen im Moment nicht anders als erklären, als dadurch, dass es noch immer so viele DAF Euro 5 Fahrzeuge - oft mit sehr hohen Laufleistungen - auf den Straßen gibt. Sehr gute Zuverlässigkeit in Kombination mit hohem Fahrerkomfort und sehr gutem Preis-Qualitäts-Verhältnis machen unsere Euro 5 Fahrzeuge noch immer sehr populär, insbesondere in Osteuropa."

Autor

Datum

30. August 2017
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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Jan Bergrath beobachtet und beschreibt seit über 25 Jahren als freier Fachjournalist die… Profil anzeigen Frage stellen
Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
Von 1980 bis 2013 Betriebsprüfer Arbeitsschutz in Aachen auf dem Gebiet Sozialvorschriften für… Profil anzeigen Frage stellen
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