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Berufsorientierung: Azubis berichten auf Augenhöhe

Betriebe in ganz Baden-Württemberg entsenden ihre Auszubildenden als Botschafter in Schulen. Eine Idee, die auch bei den Speditionen im Land gut ankommt.

Raus an die Schulen und für eine gute Ausbildung werben – das ist die Aufgabe der jungen Menschen, die als Botschafter ihres Berufs und Unternehmens zu Schülern in Baden-Württemberg unterwegs sind. Dort sollen sie in zwei Schulstunden lebensnah aus erster Hand von ihren Erfahrungen und dem Start ins Arbeitsleben berichten. Das Ziel ist eine Berufsorientierung auf Augenhöhe, in einer Sprache, die verstanden wird. "Wir machen Lust auf Ausbildung" lautet das Motto der Broschüre zum Thema – eine Selbstverpflichtung.

Die Ausbildung soll als lohnende Alternative, denn den Betrieben im Land fehlen Azubis. "Was tun, wenn sich Ihre Ausbildungsstellen nicht mit geeigneten Jugendlichen besetzen lassen?", fragt Christian Ramm, neuer Chef der Freiburger Arbeitsagentur die Personalchefs. Vielleicht einen ungelernten jungen Erwachsenen ausbilden oder eine Wiedereinsteigerin in Teilzeit anstellen, lautet seine Antwort.

Bildungschancen gerecht verteilen

Ein anderer Weg sind die Ausbildungsbotschafter. Im "Land der Ideen" sind solche Initiativen gerne gesehen und auszeichnungswürdig – gilt es doch, die Bildungschancen gerechter zu verteilen sowie dem demografischen Wandel und Fachkräftemangel den Zahn zu ziehen. Seit dem Start der Initiative 2011 wurden 4.500 Ausbildungsbotschafter geschult, die bei 2.800 Einsätzen mehr als 68.000 Schüler besucht haben. Derzeit sind rund 2.700 Botschafter aus 150 Berufen an Schulen unterwegs, bilanziert das geförderte Aktionsbündnis aus IHKs, Handwerk, Arbeitgebern und Gewerkschaften. Claudius Audick vom Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) ist Chef der Leitstelle und Ansprechpartner für 15 Koordinatoren. Sie bringen die Schulanfragen mit den Ausbildungsbetrieben zusammen, bereiten die Azubis auf den Besuch vor und begleiten sie dorthin.

Die Spedition Morof aus Althengstett bei Calw entsendet im zweiten Jahr einen angehenden Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistungen zur IHK-Schulung. Geschäftsführer Volker Günther weiß, wie wichtig ein enger Draht zu den Schulen für die Nachwuchsgewinnung ist: "Wir möchten so geeignete Bewerber auf uns aufmerksam machen", sagt der Spediteur des auf Spezialtransporte, Maschinenverlagerung und Bautätigkeiten fokussierten Unternehmens. Ein kleiner Erfolg: Ein Praktikant hat sich gemeldet. Die Präsentation vor der Klasse erarbeitet der Azubi selbst in einem Workshop und stellt sie vorab intern vor.

Die Spedition Brucker aus Aalen nimmt seit 2012 auf Einladung der IHK mit ein bis zwei Lehrlingen teil. Personalreferentin Christine Fischer ist rundum zufrieden mit dem Projekt: "Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. Unsere Auszubildenden lernen, Präsentationen vorzubereiten und vor Publikum zu sprechen. Wir als Unternehmen und unsere Ausbildungsberufe werden einem jungen Publikum nähergebracht und die Schüler können sich im Vorfeld entscheiden, über welchen Ausbildungsberuf sie informiert werden möchten."

Jugendliche zeigen großes Interesse

Wer offen für das Projekt sei, gerne auf Menschen zugehe und keine Angst habe, vor Publikum zu sprechen, sei als Ausbildungsbotschafter geeignet, fasst Fischer zusammen. Auch von Schülerseite hat sie viele positive Rückmeldungen erhalten: "Die Jugendlichen sind bei der Präsentation sehr interessiert und stellen viele Fragen zum jeweiligen Ausbildungsberuf."

Im Raum Freiburg sind mit Dachser, Dischinger und DB Schenker gleich drei große Logistiker am Start. Matthias Kempf, DB-Schenker-Ausbildungsleiter in Bad Krotzingen im Breisgau sieht in dem "interessanten Konzept" eine Möglichkeit, auf die Branche und ihre beruflichen Möglichkeiten aufmerksam zu machen – was auch bitter nötig sei. "Zurückgehende Schülerzahlen erschweren es uns, freie Ausbildungsstellen zu besetzen", sagt Kempf, der ein Verfechter der dualen Ausbildung ist, da sie drei Jahre Berufserfahrung ermögliche, während andere lediglich die Schulbank drücken.

30.000 Ausbildungsplätze unbesetzt

Laut der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai 2014 noch 30.000 Ausbildungsstellen im Südwesten unbesetzt. Von den Azubis mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag (77.467 im Jahre 2012) hatten laut Statistischem Landesamt zwei Prozent keinen Abschluss, 32 Prozent einen Hauptschulabschluss, 45 Prozent die Mittlere Reife und 21 Prozent eine Hochschul- bzw. Fachhochschulreife.

"Heute ist Erfahrung viel wert", sagt der DB-Schenker-Personalchef. Er fördere seine Mitarbeiter gezielt, damit sie auch ohne Abitur die Karriereleiter erklimmen können. Vier kaufmännische Botschafter aus allen Lehrgängen entsendet Kempf seit 2013 in die Schulen.  

Wer sich auf der Internetseite www.gut-ausgebildet.de umsieht, findet rund 60 Kurzfilme von Azubis, die ihre Ausbildung vorstellen. Auf Platz zwei mit 38.000 Klicks ist die angehende Berufskraftfahrerin Jasmin von der Spedition Schürle aus Neckarsulm. "Das ist sehr, sehr gut", staunt Projektleiter Audick. Jasmin ist zwar aufs Busfahren umgestiegen, doch das Projekt Ausbildungsbotschafter soll weiterlaufen. "Es ist simpel und sehr effektiv", wirbt Audick für das Konzept, das mittlerweile in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern Nachahmer findet. Künftig sollen die Eltern stärker ins Boot geholt werden und es kommen mehr Berufsbranchen hinzu. Sie gilt es zu überzeugen, dass eine Ausbildung ein guter Start ins Berufsleben ist – und auch die Karriereleiter nicht nur Gymnasiasten offensteht.

Die Initiative

Die Initiative "Ausbildungsbotschafter" wurde 2011 vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium gestartet. Im Jahr 2012 kam ein Internetportal (www.gut-ausgebildet.de) und eine Youtube-Plattform hinzu. Konkrete Fragen können auf
Facebook (www.facebook.com/gutausgebildet) gestellt werden. Ein Comic-Strip gehört auch dazu und wurde 2013 als bester Unternehmensfilm in Cannes ausgezeichnet (www.cannescorporate.com/de/winners2013.php 2013). Im selben Jahr lief die Initiative "Preisträger" bei "Ideen für die Bildungsrepublik" des Bundesbildungsministeriums.

Portrait

Autor

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BWIHK Kristina Vohrer

Datum

7. Juli 2014
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