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Bernhard Simon im Porträt: Der Genussläufer

Wer Höchstleistungen im Beruf erbringen will, sollte einen Ausgleich haben. Dachser-Chef Bernhard Simon hat diesen im Laufen gefunden. Die Sportschuhe sind auf jeder Reise dabei. trans aktuell hat ihn auf einer Runde begleitet.

Stacheldraht – zwei Reihen davon sind über die Holzbank gespannt und schneiden Läufern den Weg ab. Links und rechts setzt sich der Zaun fort, eine Lücke ist nicht auszumachen. Was tun? Bernhard Simon springt auf die Bank, von dort aus über den Stacheldraht und auf der anderen Seite wieder auf den Pfad. Weiter geht’s. "Das gehört dazu", sagt er. Ein Lauf durchs Allgäu hat eben ­seine eigenen Regeln.

Der Chef des Logistikdienstleisters Dachser weiß das nur zu gut: Er wurde in Kempten geboren und kennt die Berge von Kindesbeinen an. Das Allgäu ist für ihn die Heimat. Was aber nicht heißt, dass er dort ständig anzutreffen wäre. Bei einem weltweiten Netzwerk von 424 Niederlassungen gehören Dienstreisen unweigerlich dazu.

Der Sprung hat sich jedenfalls gelohnt: Hinter dem Stacheldraht eröffnet sich eine beeindruckende Moor- und Heidelandschaft, durchsetzt von gewaltigen Felsblöcken. Die rosa Blüte der Alpenrose wirft kontrastreiche Farbtupfer auf die grünen Hügel. Weiße Matten aus Wollgras, das ebenfalls in voller Blüte steht, komplettieren das Bild. "Das ist mein kleines Paradies", sagt Simon und lässt den Blick nach links und rechts schweifen. In solcher Pracht habe er das Wollgras noch nie erlebt, schwärmt er.

Laufen als Ausgleich

Das mag auch daran liegen, dass der 53-Jährige die Landschaft oft nur bei Dunkelheit erlebt – mit einer Stirnlampe und einem Rucksack mit Überlebenspaket als Begleiter. Simon lässt sich das Laufen als Ausgleich nicht nehmen, es hat für ihn hohen Stellenwert. Angesichts seines vollen Terminkalenders muss er dafür aber Zeitfenster finden, die sich mit Konferenzen, Kundenterminen, Präsentationen und Abstimmungen vertragen. »Ich agiere nach der Maxime: Ich bin immer für das Unternehmen da, aber eine Stunde am Tag brauche ich für mich« sagt der Sprecher der Dachser-Geschäftsführung. Diese Stunde ist ihm wichtig und er findet sie meist am frühen Morgen. "Das fast tägliche Laufen ist eine meiner ganz wesentlichen Energiequellen", sagt Simon.

Simon will nichts dem Zufall überlassen

Weil seine Laufstrecken kaum frequentiert sind, erst recht nicht bei Dunkelheit, hinterlässt er zu Hause immer eine Karte. Eine Rettungsdecke, eine Trillerpfeife und reichlich Wasser sind stets im Rucksack. Eine GPS-Uhr trägt er am Handgelenk. "Ich will nichts dem Zufall überlassen", sagt der Diplom-Kaufmann. Das hielte er gegenüber den rund 25.000 Mitarbeitern des Dachser-Netzwerks für unverantwortlich.

Angesichts der anspruchsvollen Topografie seiner Strecken, die steil ansteigen oder abfallen, teils über kaum erkennbare Pfade führen und nicht immer festen Boden haben, bleiben gewisse Überraschungen zwar nicht aus. "Doch man lernt durch ausgiebiges Training sowie die entsprechende Tritt- und Sprungsicherheit damit umzugehen", sagt Simon.

Simon wählt einen Lauf mit Perspektive

Mit Trailschuhen, Laufstöcken, 1,5-Liter-Wassertank auf dem Rücken und GPS-Uhr tritt Simon auch bei einem Lauf mit trans aktuell an. Der Dachser-Chef hat eine Strecke ausgewählt, die vom Gasthof Rohrmoos in Oberstdorf auf den 1.630 Meter hohen Piesenkopf führt – 800 Höhenmeter sind zu überwinden. Der Gipfel bietet eine phänomenale Fernsicht auf die Alpen und die umliegenden Berge wie die Unteren und Oberen Gottesackerwände. Es ist eine von mehreren Lieblingsstrecken des Unternehmers. Dort genießt er die Perspektiven, die sich ihm eröffnen.

Ideen kommen beim Laufen

Das gilt auch im übertragenen Sinne: "Beim Laufen kann ich meine Gedanken ordnen und meiner Kreativität freien Lauf lassen", berichtet Simon. Er könne Kraft für Verhandlungen oder Präsentationen schöpfen. Das kommt Simon selbst, aber auch dem Unternehmen zugute. "Die eine oder andere zündende Idee kam mir schon beim Laufen", sagt er. Der Enkel von Firmengründer Thomas Dachser versucht erst gar nicht, Gedanken rund um die Firma auszublenden. Er ist ein Verfechter einer ganzheitlichen Sichtweise:  "Unternehmen und Freizeit hängen zusammen – mit Blick auf meine Person in einem Körper und in einem Geist."

Der eine oder andere mag anders denken. Der eine mag den Tennisschläger den Laufschuhen vorziehen oder ein Hobby fern des Sports pflegen. Für Simon spielt das keine Rolle. Entscheidend sei, dass man eine Form des Ausgleichs findet. "Ich kann nur jedem dazu raten: Man braucht den Ausgleich", sagt Simon. Das sei ein Beitrag, um der Burn-out-Falle zu entgehen. Wer immer am Anschlag arbeite, ohne sich zu regenerieren oder Rücksicht auf seinen Körper zu nehmen, begebe sich in Gefahr. Oder, um es in den Worten von Simon auszudrücken: "Wer im Hamsterrad ­versucht, sich selbst zu überholen, wird rauskatapultiert."

Mit dem Lauftraining 2004 begonnen

Simon hat sich rechtzeitig gebremst. Raus in die Natur hat es den Allgäuer schon immer gezogen. Konsequent begonnen hat er mit dem Lauftraining aber erst im Februar 2004. "Da hat die Waage zum ersten Mal über 80 gezeigt." Der Unternehmer hat das als Warnschuss angesehen. Beim Treppensteigen begann die erste Kurzatmigkeit, die Cholesterin-Werte gaben Grund zum Nachdenken. "Das war für mich das Erwachen."

Zehn Paar Laufschuhe gehören zur Ausstattung

Seit diesem Schlüsselerlebnis trainiert der Unternehmer regelmäßig – und das nicht nur im Allgäu. So gesehen, haben die vielen Dienstreisen auch in sportlicher Hinsicht ihr Gutes. "Was als Erstes in den Koffer kommt, sind die Laufschuhe", erzählt Simon. Zehn Paar hat er davon, fügt er auf Nachfrage hinzu – und muss darüber selbst schmunzeln. Komplettiert wird die Ausrüstung mit der je nach Region und Jahreszeit angemessenen Funktionskleidung.

Gesunder Ehrgeiz

Der Dachser-Mann bezeichnet seinen Ehrgeiz als gesund. Er trainiere nicht verbissen. Trotzdem stellt er sich hin und wieder dem Wettkampf – seien es der Halbmarathon in Kempten (Bestzeit 1:36 Stunden) oder der Voralpenmarathon über
52 Kilometer (5:43 Stunden). Seine Prämisse ist, dass der Lauf Spaß macht, daher spricht er vom Genusslauf. Begleitet man ihn die 16 Kilometer lange Laufstrecke von Rohrmoos auf den Piesenkopf und zurück, kann man die Bedeutung des Wortes nachempfinden: Schroffe Felsen auf sanften Hügeln und Ausblicke weit hinunter bis in die Bregenzer Berge sind nicht nur für Simon eine Augenweide.

Doch jede Region hat ihre Reize: Von Australien abgesehen, war der Firmenchef schon auf jedem Kontinent laufen – auch auf Dienstreisen früh am Morgen wie im Allgäu. Das bringt nicht nur Kondition und Abwechslung, sondern auch Eindrücke von Land und Leuten. "Ich kann die Umgebung am besten erkunden, wenn ich laufe", sagt er. Nicht überall kennt sich der Manager so gut aus wie im Allgäu. Also läuft er meist aufs Geratewohl los und verlässt sich auf seine Orien­tierung und seine GPS-Uhr.

Im Kipper zur Konferenz

Fast schief gegangen wäre das nur einmal – auf der Bühler­höhe im Schwarzwald. "Kurz vor Beginn einer Konferenz habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich 17 Kilometer vom Tagungshotel entfernt bin", sagt Simon. Doch er wäre kein Logistiker, wenn er diese Distanz nicht fristgerecht überbrückt hätte. Ein Bauarbeiter hat ihn im Kipper mitgenommen – just in time konnte der Dachser-Chef ans Rednerpult.





RUNNER’S WORLD berichtet

"Ein Lauf mit" – unter dieser Rubrik veröffentlicht das Magazin Runner’s World in jeder Ausgabe ein Interview mit einem Prominenten, den ein Redakteur beim Laufen begleitet. Voraussichtlich in der November-Ausgabe wird der wie trans aktuell ebenfalls bei der Motor Presse Stuttgart erscheinende Titel ein Interview mit Dachser-Chef Bernhard Simon abdrucken.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

23. Juli 2013
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