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Baja Saxonia 2010: Spitzentreffen

Es war ein Gipfeltreffen der ganz besonderen Art: Fast alle Topteams aus der Breslau-Szene treffen Top Teams der Rallye Dakar. Ort: Die Baja Saxonia - größte Off Road Veranstaltung in diesem Jahr in Europa. Und die bot die ganze Bandbreite motorsportlicher Wechselbäder.

Schon die nackten Zahlen lassen ein besonderes Ereignis vermuten: 328 Teams aus 14 Nationen - Motorräder, Quads, Geländewagen und Trucks - treffen sich am Vatertagswochenende „in der Braunkohle“ südlich von Leipzig.  Die Baja ist damit ein erstes großes Kräftemessen auf europäischem Boden in diesem Jahr. Erstmals dabei: einige der schnellen niederländischen Dakar-Trucker, angeführt vom erfahrenen DAF-Piloten Hans Bekx und seinem Team.

Mit Spannung erwarten die Fans des schnellen Geländefahrens, wie Wüsten-Spezis wie Bekx, Elfrink & Co. mit den „rasenden Rallye Breslau-Erdferkeln“ á la Hellgeth (Absage), Heidenreich (fehlt am Start) und Süptitz umgehen. Das Duell heißt deshalb nicht nur Wüste gegen Schlammloch, high tech versus Standard-Lastesel und FIA-Reglement trifft Lizenzfreie. Die beiden Rallye-Welten vertreten unterschiedliche Off Road-Philosophien.

Vorteil „Breslau“

Und dann das Wetter: „Das ist ja wie auf der Breslau“ stellt ein erfahrener Zuschauer treffend fest. Jede Menge Wasser von oben verwandeln den Untergrund rasch in Schlamm und Schmierseife.

Der Prolog am Himmelfahrtstag gestattet noch Staubwolken. Die 16 km-Piste ist sauschnell. Der Niederländer Marty van den Oever lässt seinen nagelneuen und blitzsauberen MAN TGS fliegen und legt bei den Trucks eine Fabelzeit vor. Startplatz eins ist ihm für WP 1 am Folgetag sicher. Gemischt mit den Geländewagen ins Rennen gehend bedeutet das Gesamt-Startplatz 16 - starke Leistung. Aber leider sinnlos. Der TGS hat die kurze heftige Belastung nicht vertragen und scheidet am ersten Wettkampftag schon gleich zu Beginn mit Motorschaden aus. Damit bleibt der Oranje-Crew vermutlich Schlimmeres erspart. Denn schon bald kommt der große Regen. Während die Unimog-Piloten jubeln - „jetzt geht’s erst richtig los“ - eiern die eher rennmäßig angasenden Trucker mehr und mehr traktionslos über die 40 km-Schleife.

Unfälle etwa zur Rennmitte lassen die roten Flaggen hochschnellen. Crash eins: Teun Stam hat den zweiten Finstral-Axor in einer langen rutschigen Abfahrt nicht mehr halten können und liegt quer an deren Fuß. Schlimmer Unfall Nummer zwo, bei dem ein Truck (Wollenberg, MAN KAT) den aussteigenden Beifahrer eines havarierten Geländewagens anfährt. Das Medical-Team um Dr. Hopf ist blitzschnell zur Stelle. Leistet perfekte Erstversorgung. Schon nach zehn Minuten ist der Verunglückte mit dem Hubschrauber in der Luft Richtung Uniklinik Halle, von wo noch am Abend Entwarnung kommt. Der Pechvogel hat zwar schwere, aber keine lebensbedrohlichen Verletzungen, wurde sofort an diversen Knochenbrüchen operiert.

Die Rennleitung entscheidet: Abbruch! Große Teile der Strecke waren schlichtweg nicht mehr befahrbar. Gewertet werden zwei der fünf geplanten Runden. Die Titel-verteidigenden Brüder Svoboda aus Tschechien und der Pole Ostaszewski, beide Favoriten auf den Baja-Sieg bei den großen Trucks, haben sich bis hierhin weit nach vorne gefahren. Schließlich mussten sie von ganz hinten starten, weil sie am Vortag nicht korrekt bei der elektronischen Zeitmessung ausgecheckt hatten.

Hektik hinter den Kulissen. Die Strecke muss für den kommenden Wettbewerbstag in weiten Teilen umgestellt werden. Die Veränderungen können schon bei der Fahrerbesprechung am gleichen Abend kundgetan werden. Verkürzung von ursprünglich 41 auf jetzt nur noch 28 Kilometer, dafür aber sechs statt fünf Runden, alle Steilfahrten raus - das sind die wesentlichen Änderungen. Und es regnet weiter....

Die Streckenänderung tut dem Wettkampf gut. Gab es bei den zuvor gestarteten Bikern noch einen weiteren Hubschrauber-Einsatz, so haben die mehrspurigen Fahrzeuge jetzt kaum Probleme. Aber zu kämpfen - und das ist gut so. Es entwickelt sich ein munteres Blasen mit vielen Führungswechseln und starken Kämpfen um die folgenden Plätze. Mit vorne dabei ist der grüne Axor des Team Kotterer, rundenlang ungesund bläuende Wolken aus dem Heckaufbau ausstoßend. In der letzten Runde erwischt es Ostaszewski. Der nagelneue Zetros liegt auf der Seite. Ende Gelände! Ganz vorne prügeln sich zwei orangefarbene Trucks: Der Svoboda-Tatra und der Bekx-DAF. Das sagt aber nichts über die gefahrenen Zeiten - und schon gar nichts über Sieg oder Niederlage. Das Endergebnis ergibt sich schließlich aus der Addition beider Wertungsprüfungen. Vergleichbar die Positionskämpfe bei den kleinen Trucks, wo Ralf und Claudia Finkel ihren von den Hellgeht-Brüdern präparierten Mog richtig fliegen lassen.

Dem zweitägigen Schlammbad folgt für die Trucker zur Siegerehrung ein Wechselbad der Gefühle. Denn gerade gehen die Siegesfeiern in die zweite Runde, muss Orga-Chef Karsten Mahlo einen fetten Faux Pas einräumen: Er hat zuvor statt des Gesamtergebnisses die Wertung von WP 2 als Endergebnis verkündet. Besonders hart für Michael Kotterer und seine junge Besatzung. Die Abteilung „Jugend forsch“ rutschte von Platz eins auf drei, beweist aber echte sportsmännische Größe. Der lange Schlacks Kotterer schnappt sich die Trophäe, enterte erneut die Bühne und überreichte sie mit einer dicken Gratulation den Svobodas. Auf Platz zwei Dakar-Größe Bekx. Die Party dauert noch lang. Nicht nur, weil Orga-Chef Mahlow mit „Freibier für Alle“ erfolgreich Abbitte tut!

Das Duell „Breslauer vs. Dakaristi“ entscheiden im Tagebau Profen bei Leipzig klar die Abenteuer-Rallyefahrer für sich. Spannend wäre eine Revanche bei Trockenheit. Die Bajas Saxonia jedenfalls ist ein passender Rahmen dafür.

Foto

Klaus-Peter Keßler, Lisa Bahr, Hristomir Nikolov, marathonrally.com

Datum

28. Mai 2010
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