Unfall Unfälle Auffahr Stau Stauende Überholverbot überholen Autobahn gefährlich Lkw-Unfall Übermüdung 5 Bilder Zoom

Auffahrunfälle häufen sich: Verkehrsministerium reagiert mit Plakaten

Das Verkehrsministerium in Niedersachsen reagiert mit Plakaten auf eine aktuelle Serie von Lkw-Unfällen auf Deutschlands wichtigster Transitautobahn. Die Unfallursachen sind vielschichtig.

Das Bild einer Plakatwand auf der Raststätte Lehrter See an der A 2 bei Hannover zeigt ungeschönt, was passiert, wenn ein 40 Tonnen schwerer Lkw mit rund 85 km/h ungebremst in das Heck eines bereits stehenden Lastwagens kracht. Auf einen Schlag entlädt sich seine Zerstörungskraft mit dem bis zu 80-Fachen seines Eigengewichts. Vom Fahrerhaus bleibt nur ein Knäuel Blech übrig. Wenn der Fahrer sehr viel Glück hat, schneidet ihn die Feuerwehr mit Spezialgerät leicht oder schwer verletzt aus dem Trümmerhaufen. Wenn er Pech hat, dann war vielleicht der Aufdruck auf dem Heckportal des Lkw vor ihm das Letzte, was er in seinem Leben gesehen hat.

Die A 2 ist nach lokalen Unfallmeldungen längst eine der gefährlichsten Autobahnen Europas. Erst am 6. Juli verstarb ein Lastwagenfahrer aus Polen in Ostrichtung vor Berlin an einem Stauende, zwei Fahrer wurden in Westrichtung hinter Hannover leicht verletzt.

Kontinuierlicher Anstieg der Unfälle mit Lkw-Beteiligung

Nach Angaben des Verkehrsministeriums in Niedersachsen sind auf der A 2 bei Hannover im Mittel täglich 20.000 Lkw unterwegs, zu manchen Tageszeiten sogar bis zu 30.000. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Lkw-Anteil dort um 4,2 Prozent erhöht. Eine konkrete Aussage zu den Nationalitäten der Lkw trifft das Verkehrsministerium nicht. Laut der Mautstatistik des BAG ist der Anteil der deutschen Lkw bundesweit auf 58,7 Prozent gesunken, der Anteil polnischer Lkw dagegen auf 14,6 Prozent gestiegen. Auf der A 2, der "Warschauer Allee", längst die bedeutendste Transitstrecke Europas, dürfte er wahrscheinlich noch weitaus höher sein. Seit 2011 verzeichnet das Innenministerium in Niedersachen auf der A 2 einen kontinuierlichen Anstieg der Unfälle mit Lkw-Beteiligung von 1.272 auf 1.659 (2015). Auf allen Autobahnen in Niedersachsen kamen 2015 16 Lkw-Fahrer ums Leben, 2011 waren es 13. Die Zahl der schwer verletzten Fahrer ist auf hohem Niveau (2011: 84/2015: 74) leicht schwankend, die der leicht verletzten stieg von 809 (2011) auf 870 (2015).

Für 2016 liegen noch keine Zahlen vor, doch die Polizei spricht für das erste Halbjahr von einer dramatischen Unfallserie auf der A 2. Im April und Mai krachte es gleich mehrmals im Stau vor Baustellen. Für die Polizei stehen die häufigsten Gründe fest: zu dichtes Auffahren, zu hohe Geschwindigkeit und nun zunehmend noch die Ablenkung. Die These, dass es vor allem die Fahrer aus Osteuropa sind, die zu geringen Abstand einhalten, kann das Verkehrsministerium aber nicht entkräften, denn bei der Statistik der Abstandskontrollen wird nicht nach Nationen unterschieden. Auch zu den Unfallbeteiligten gibt es keine Aussage. Nach einem "Runden Tisch A 2" mit Innenminister Boris Pistorius entschied sich Verkehrsminister Olaf Lies zunächst für ein Tempolimit von 60 km/h im Bereich der Baustellen, vor denen es zu Staus kommt.

"Unser Ziel sind weniger schwere Lkw-Unfälle auf der A 2"

Insgesamt haben sich allein auf der A 2 zwischen Hämelerwald und Garbsen seit dem 1. April, dem Beginn der ersten von bisher drei Baustellen, acht schwere Lkw-Unfälle ereignet, davon sechs Auffahrunfälle. "Unser Ziel sind weniger schwere Lkw-Unfälle auf der A 2", beschwört Lies, der sich mit der Landesverkehrswacht und der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr für dreisprachige Plakatmotive entschieden hat. Doch viele Fahrer sehen eine komplexe Verkettung von Umständen als Unfallursachen. Die meisten beklagen die Hetze vieler Kollegen und sehen lange Überholverbote nicht als eine Lösung, sondern eher als eine Ursache. Zu den weiteren Maßnahmen gehören: die Modernisierung der bestehenden Streckenbeeinflussungsanlage, um eine intelligentere Schaltung zu ermöglichen; der achtstreifige Ausbau der A 2 im Bereich Hannover sowie eine spürbare Erhöhung der Bußgelder insbesondere für Abstandsverstöße von Lkw sowie eine Verfolgbarkeit der Verstöße auch im Ausland nach der Enforcement-Richtlinie. Ebenso fordert Lies eine schnellere Durchdringung der Fahrzeugflotten mit Fahrerassistenzsystemen, insbesondere dem Notbremsassistenten, und eine bessere Qualität der Systeme.

Das ist nicht so einfach: Zwar ist seit November 2015 der Notbremsassistent für alle Neufahrzeuge vorgeschrieben, doch nachrüsten lässt er sich nicht, und viele Fahrer schalten ihn nach wie vor einfach aus – was durch das Wiener Abkommen möglich ist. Eine Nutzungsverpflichtung, wie Lies es fordert, ist heute kaum realisierbar. Und so kommt ein neues Problem hinzu: Noch über viele Jahre werden Lkw mit völlig unterschiedlichem Stand der Technik beim Notbremsassistenten unterwegs sein.

Die komplexen Ursachen bei Lkw-Unfällen am Stauende

Fehlender Abstand

Besonders im Überholverbot fahren Lkw oft viel zu dicht auf und der Sicherheitsabstand (50 Meter) schrumpft auf 15 oder teils fünf Meter zusammen. Eine Statistik über die Verteilung Nationen liegt nicht vor.

Ablenkung

Immer mehr Fahrer sind im Lkw abgelenkt – beginnend bei der Tasse Kaffee, gefolgt vom regelmäßigen Blick auf Bordcomputer, Navigationsgeräte und Smartphone bis hin zum Schauen von Videos beim Fahren. In Österreich beinhaltet das Handyverbot jetzt auch das Internetsurfen sowie das Schreiben und das Lesen von SMS und E-Mails beim Fahren.

Eintönigkeit

Die Arbeit hinterm Lkw-Steuer wird immer eintöniger. Automatik, Tempomat, öde Autobahnen und Kolonnenfahrten im Überholverbot führen bei langen Strecken unweigerlich zu Müdigkeit, schlechter Konzentration und dem Wunsch nach Ablenkung. Fahrerassistenzsysteme sollen helfen.

Tourenstress

Viele Lkw, besonders auf nächtlichen Linienverkehren, sind nach wie vor deutlich zu schnell unterwegs. Ein Grund ist, so klagen Fahrer, dass viele Touren zwischen den Depots oder Begegnungsverkehre viel zu knapp getaktet sind, ein anderer Druck entsteht durch Zeitfenster. Selbst auf der dritten Spur überholen gehetzte Fahrer zuweilen. Der Tacho wird manipuliert. Die Polizei Dortmund erwischte jetzt zwei Fahrer von Paketdiensten, die ohne Fahrerkarte unterwegs waren. 

Verstöße gegen die Lenk- und Ruhezeiten

Nach der letzten Kontrollstatistik des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG, 2014) wurden 201.032 deutsche und 304.797 ausländische Lkw kontrolliert. Gegen das Fahrpersonalrecht verstoßen haben 83,2 Prozent der Fahrer deutscher Unternehmen und 61,8 Prozent der ausländischen. Oftmals sind es kleinere Verstöße. Viele Fahrer stellen jedoch beim Abladen den Tacho nach wie vor auf Pause und arbeiten so, unerkannt von Polizei und BAG, weitaus länger, als erlaubt ist.

Risiko bei Kolonnenfahrt

Überlastete Autobahnen bei gleichzeitigem Überholverbot führen zu Kolonnenfahrten mit deutlich zu geringem Abstand. Immer wieder entstehen dieselben Gefahren, wenn plötzlich ein Hindernis oder ein Stau auftaucht. Da es das sogenannte Platooning vorerst noch nicht im Realeinsatz gibt, kann daher nur der erste Fahrer rechtzeitig bremsen, der zweite oft gerade noch ausweichen und der dritte kracht ins Stauende oder in ein Fahrzeug der Straßenverkehrsmeisterei. Notbremsassistenten sind oft deaktiviert.

Übermüdung

Immer wieder berichten Medien über Fahrer, die 20 Stunden oder länger ohne Pause am Steuer saßen. Ein Fehler: Die Kontrollsoftware von Polizei oder BAG wertet etwa eine Pause des Fahrers von acht Stunden (statt neun) nicht und zieht beide Lenkzeiten zusammen. Weitaus größer ist die Gefahr eines Schlafdefizits, wenn Fahrer im überhitzen Fahrerhaus ohne Standklimaanlage nach einer nächtlichen Tour tagsüber nicht zur Ruhe kommen und schläfrig auf Tour fahren. Der verpflichtende Einbau von Standklimaanlage ist aber derzeit in der EU nicht vorgesehen.

Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 09/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Axel Flaake

Datum

17. August 2016
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Rechtsanwalt Matthias Pfitzenmaier Matthias Pfitzenmaier Fachanwalt für Verkehrsrecht
Rechtsanwalt Matthias Pfitzenmaier ist Fachanwalt für Verkehrsrecht. Seit 1997 arbeitet er im… Profil anzeigen Frage stellen
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Arbeitsrecht
Ich bin Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Ich vertrete Arbeitnehmer und Arbeitgeber… Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.