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Assistenzsysteme: Sicherheit ist kein Selbstläufer

Firmen müssen Fahrer im Umgang mit Assistenzsystemen schulen – Riskmanagement zahlt sich aus und geht alle an.

Sicherheit geht vor. Speditionen und Werkverkehre, die schwere Lkw ordern, bekommen nur noch Fahrzeuge ausgeliefert, die mit modernen Sicherheitssystemen ausgestattet sind. Konkret: mit Spurhaltesystemen und Notbremsassistenten. Der Gesetzgeber schreibt diese Systeme seit November EU-weit vor. Die Fahrdynamikregelung ESP muss bereits seit November vorigen Jahres an Bord sein. Die Regierungen erhoffen sich vom Einbau dieser Systeme positive Effekte bei der Verkehrssicherheit – also weniger Unfälle mit Lkw-Beteiligung.

Zwar stimmt der Trend: Die Zahl der Toten und Schwerverletzten geht bei Unfällen auf der Straße seit Jahren zurück, erst recht im Verhältnis zur Entwicklung der Verkehrsleistung. Trotzdem bleibt Luft nach oben. Denn Sicherheit ist kein Selbstläufer. Soll heißen: Allein der Verbau der Systeme schützt vor Unfällen nicht. So lautete auch eine Erkenntnis eines Workshops zum Thema Riskmanagement, den die Allianz Versicherung als Gastgeber zusammen mit der Prüforganisation Dekra und trans aktuell im Allianz Zentrum für Technik (AZT) in München abgehalten hatten.

"Viele Bemühungen, die Sicherheit zu erhöhen, laufen ins Leere, wenn die Systeme an Bord sind, aber der Umgang mit ihnen nicht geschult wird", sagte Ralph Feldbauer, Leiter des Bereichs Riskmanagement für Flottenkunden bei der Allianz Versicherung und ausgewiesener Experte, an die Adresse der Teilnehmer. Letztere bildeten fast einen repräsentativen Branchenquerschnitt: Von der kleinen Kraftwagenspedition über den Getränkelogistiker bis zum Großflottenbetreiber war alles vertreten.

"Schulungen müssen sein"

Reinhard Buchsdrücker, Ausbilder und Kraftverkehrsmeister bei Dekra, schlug in dieselbe Kerbe: "Schulungen und Einweisungen müssen sein", betonte er – und zwar solche, die nicht im Seminarraum, sondern im Fahrzeug  stattfinden. Leider sei dieses Verständnis nicht verbreitet, was sich nach schweren Lkw-Unfällen oft zeige. „Die Fahrer sind tot, weil ihnen keiner erklärt hat, wie man die Systeme bedient“, beklagte der Dekra-Trainer.
Um zu demonstrieren, mit welchen Gefahren ihre Fahrer täglich konfrontiert werden, lud Buchsdrücker die Fuhrparkleiter und Geschäftsführer zu Live-Eindrücken in den Dekra-Fahrsimulator ein, den er auf dem Hof des AZT geparkt hatte. Er wertete es als positiv, dass die Chefs alle mitmachten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ihre Fahrer zum Beispiel beim Rangieren oder Abbiegen erleben. Der Dekra-Ausbilder stellte seinen Schülern hinterher ein positives Zeugnis aus. "Zwar wurde die eine oder andere Tür mitgenommen, doch haben die Chefs die Übungen insgesamt gut gemeistert", lobte er.
Besonderes Augenmerk legten die Referenten auf das Thema Abbiegeunfälle. Diese haben für Radfahrer oder Fußgänger meist gravierende Folgen. Umso wichtiger ist es, dass Fahrer entsprechend vorsichtig agieren und ein maximal mögliches Sichtfeld haben. Wimpel oder Gardinen hätten im Fahrerhaus nichts verloren – jedenfalls nicht während der Fahrt, erklärte Günter Heider von der Regionalabteilung Prävention der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr).

Heider erläuterte, wie Fahrer mit einfachen Tricks den idealen Überblick bekommen: Zum Beispiel könnten sie Markierungen nutzen, wie sie Dekra zum Beispiel auf Rasthöfen angebracht hat, und danach ihre Spiegel ausrichten. Wer keinen Rasthof mit Spiegelschablonen vorfindet, kann auf andere Werkzeuge zurückgreifen. Heider rät, Dinge einzusetzen, die ohnehin an Bord sind. Soll heißen, dass sie mit Leitern, Unterlegkeilen und Paletten arbeiten können, um Anfahr- und Frontspiegel sowie die rechten Haupt- und Weitwinkelspiegel richtig einzustellen. Die BG Verkehr bietet dazu eine Unterweisungskarte mit Anleitung an. Wer von alldem nichts im Lkw mitführt, dem empfiehlt Heider: "Lassen Sie Ihre Fantasie spielen und nutzen Sie andere Gegenstände."
Die BG Verkehr selbst geht, was die Fantasie angeht, mit gutem Beispiel voran: Sie hat farbige Planen entwickelt, die Fahrer rund um ihr Fahrzeug auslegen und danach ihre Spiegel ausrichten können. So lassen sich die Sichtmöglichkeiten bei einem Training eindrucksvoll zeigen. Einen Prototypen dieses Planenensembles hat die BG Verkehr schon produzieren lassen, eine Herstellung in größerer Zahl schließt sie nicht aus.

Unfälle belasten Fahrer

Dass sich der gesetzliche Unfallversicherungsträger hier besonders engagiert, kommt nicht von ungefähr: Er hat den Auftrag, Prävention zu betreiben und mögliche Unfallopfer zu rehabilitieren. Was oft vergessen wird: Auch die Fahrer stecken Abbiegeunfälle nicht so einfach weg: "Viele posttraumatische Belastungsstörungen gehen auf Abbiegeunfälle zurück", berichtete Heider. Eine Therapie sei oft langwierig, eine Rückkehr in den Beruf mitunter unmöglich.

Abseits von den körperlichen und seelischen Folgen haben schwere Lkw-Unfälle häufig auch erhebliche wirtschaftliche und rechtliche Konsequenzen. Heider und Feldbauer berichteten davon, dass sich die Besuche von Polizei und Staatsanwaltschaft nach solchen Unfällen bei den Speditionen mehren. Die Behörden gehen dann der Frage nach, ob der Fuhrparkleiter oder Unternehmer genug getan hat, um Gefahren im Rahmen seiner Halterhaftung auszuschließen.

Manch einer sieht dann alt aus. Routinier Feldbauer empfiehlt daher, sich frühzeitig und konsequent mit dem Thema Schadenpräven­tion zu beschäftigen. Als langjähriger Experte auf diesem Gebiet ist er überzeugt: "Riskmanagement ist alternativlos." Allerdings müssten die Unternehmen dem Thema auch die nötige Aufmerksamkeit einräumen, Verantwortlichkeiten festlegen und alle Bereiche einbeziehen: Geschäftsleitung, Personalabteilung, Disponenten, Fuhrparkleiter und Fahrer. Wer das nicht wahrhaben wolle, könne Riskmanagement sein lassen. "Halbherzig gelebt bringt es gar nichts."
Die Allianz hat unter Leitung von Feldbauer ein sechsstufiges Konzept aufgesetzt, das als Richtschnur bei der Einführung eines Riskmanagement-Programms dienen kann. Riskmanagement bringt aber nicht nur Transparenz und einen Beleg für durchgeführte Schulungen und Unterweisungen im Rahmen der Halterhaftung. Programme zur Schadenprävention haben einen weiteren Vorteil: Sie steigern deutlich die Profitabilität der Firma.

Weniger Crashs bedeuten weniger Ärger und Ausfälle – und damit bares Geld. Mit einem einfachen Rechenexempel machte Feldbauer das deutlich: Eine Spedition macht pro gefahrenem Kilometer einen Euro Umsatz. Die beispielhafte Umsatzrendite liegt bei zwei Prozent. Die Lkw laufen 150.000 Kilometer im Jahr. Verursacht einer der Lkw einen Schaden, der nicht versicherte Folgekosten von 2.000 Euro nach sich zieht, ist er 100.000 Kilometer umsonst gefahren – oder nur, um für den Schaden aufzukommen. Zwei Drittel der Fahrleistung im Jahr waren für die Katz.

Und bei 2.000 Euro Schadenaufwand haben Fahrer und Unternehmer noch Glück: Die durchschnittlichen nicht versicherten Schadenkosten liegen nach aktuellen Erhebungen eher bei 3.000 als bei 2.000 Euro. Das zeigt eindrucksvoll: Jeder Euro, der in die Sicherheit und zur Schadenpräven­tion investiert wird, ist gut angelegt.





SECHS STUFEN ZU MEHR SICHERHEIT

Der Riskmanagement-Ansatz der Allianz Versicherung
Stufe 1: Erfassung der schadenbedingten Fuhrparkkosten
Stufe 2: Analyse der Schadendaten und Entwicklung eines Schadenradars
Stufe 3: Identifizieren von Schadenschwerpunkten
Stufe 4: Empfehlung, Ausarbeitung von Maßnahmen zur Schadenverhütung in Abstimmung mit den Firmenverantwortlichen
Stufe 5: Begleitung bei der Umsetzung entwickelter Maßnahmen
Stufe 6: Begleitung der Nachhaltigkeit im Unternehmen

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Matthias Rathmann

Datum

22. Dezember 2015
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