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Sicherheit: Assistenzsysteme senken Unfallrisiko

Assistenzsysteme können die Unfallgefahr um bis zu ein Drittel senken. Das ist das Ergebnis einer groß angelegten Studie von BG Verkehr, BGL und Kravag-Versicherung.

Deutschlands Straßen können noch sicherer werden. Längst sind die Potenziale nicht ausgereizt. Ein Beitrag, um Unfälle zu verhindern, ist der Einsatz von Fahrerassistenzsystemen in Nutzfahrzeugen.

Lkw und Busse, die über Elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP), Abstandsregeltempomat (Adaptive Cruise Control, kurz ACC) und Spurassistent (Lane Departure Warner, kurz LDW) verfügen, sind deutlich seltener in Unfälle verwickelt als vergleichbare Fahrzeuge ohne diese Systeme.

Feldversuch dauerte vier Jahre

Je nachdem, welche Kennzahl man zugrunde legt, sind die mit ESP, ACC und LDW ausgestatteten Fahrzeuge um 26 bis 34 Prozent sicherer. Das ist eines der Ergebnisse eines über vier Jahre laufenden Feldversuchs mit Assistenzsystemen in Lkw und Bussen, den die Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr), der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) und die Kravag-Versicherung ins Leben gerufen hatten. Mehr als 370 Unternehmen mit anfangs knapp 2.000 Nutzfahrzeugen – überwiegend Lkw aus dem Bereich Fernverkehr – hatten sich an dem Projekt beteiligt. Der Startschuss für die Studie mit der Überschrift "Fahrerassistenzsysteme – Sicher, für dich, für mich" war im Mai 2008 im Beisein des damaligen EU-Industriekommissars Günter Verheugen in Berlin gefallen.

"Assistenzsysteme haben eine präventive Wirkung und reduzieren das Risiko, an einem Unfall beteiligt zu sein, signifikant", sagte Prof. Dr. Heinz Hautzinger, ehemals Leiter des Instituts für angewandte Verkehrs- und Touristikforschung (IVT) an der Hochschule Heilbronn, bei der Präsentation der Studienergebnisse in Hamburg. Das IVT hat zusammen mit dem Institut für Nachhaltigkeit in Verkehr und Logistik (INVL), das ebenfalls an der Hochschule Heilbronn angesiedelt ist, die wissenschaftliche Begleitung der Studie übernommen.

Streckenbezogene Betrachtung der Sicherheit

Dass die auf Sicherheit getrimmten Lkw um 34 Prozent sicherer als konventionelle Lkw sind, ist das Ergebnis der streckenbezogenen Betrachtung. Zwar waren die 715 Lkw mit Fahrerassistenzsystemen (FAS) an 106 Unfällen beteiligt, während ihre 535 Vergleichsfahrzeuge nur in 104 Crashs verwickelt waren. Doch spulten die FAS-Lkw 205,2 Millionen Kilometer ab, während es die Vergleichs-Lkw gerade mal auf 132,6 Millionen Kilometer brachten. Bezogen auf diese höhere Laufleistung sind die FAS-Fahrzeuge also die deutlich sichereren.

Schaut man nicht auf die zurückgelegte Strecke, sondern auf den Faktor Zeit, schneiden die Sicherheitsfahrzeuge ebenfalls deutlich besser ab. Das relative Risiko, wie es Wissenschaftler Hautzinger nennt, liegt bei 0,69. Soll heißen: Die Unfallgefahr der FAS-Lkw liegt um 31 Prozent unter denen der Vergleichsfahrzeuge. Bleibt die absolute Betrachtung des Lkw pro Unfallgeschehen: Auch hier sind die FAS-Lkw die Gewinner. Sie schneiden um 27 Prozent besser ab als ihre Vergleichsfahrzeuge.

Elektronische Helfer stören Fahrer nicht

Doch sind die Systeme in der Kabine überhaupt erwünscht? Fahrer müssen immer mehr Geräte bedienen können und fühlen sich durch die Vielzahl an erhobenen Daten zunehmend überwacht – sei es durch Mautgeräte, Digitaler Tachograf oder Telematik. Wider Erwarten empfinden sie die elektronischen Helferlein aber nicht als störend – auch nicht ihre Chefs. "In beiden Gruppen ist die Akzeptanz der Systeme erstaunlich hoch", bilanzierte INVL-Leiter Prof. Dr. Dirk Lohre.

Die Unternehmer teilen nicht die Sorge, dass der Fahrer bevormundet oder überwacht wird. Sie sehen eher den Vorteil, dass die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit entlastet werden und sich stärker auf ihre Fahrtätigkeit konzentrieren können. Auch glauben sie, dass die Systeme dadurch zur Motivation beitragen. Das unterschreiben im Prinzip auch die Fahrer. Acht von zehn stimmen der Aussage zu, dass sie sich dank ESP, ACC und LDW besser ihrer eigentlichen Tätigkeit widmen können. Als Motivationsspritze empfinden die Fahrer die Assistenten aber nur bedingt.

Spurwächter bei Fahrern am wenigsten beliebt

Jedes der drei Systeme bringt nach Ansicht der Befragten einen hohen Nutzen. Müssten sie aber auf eines der Systeme verzichten, würden sowohl Fahrer als auch Spediteure den elektronischen Spurwächter auswählen. Während drei Viertel der befragten Chefs den Schleuderverhinderer ESP und den Abstandsradar ACC für sehr wichtig halten, liegt die ungeteilte Zustimmung für das Spurhaltesystem LDW gerade mal bei 45 Prozent. Fahrern missfallen vor allem die häufigen Fehlmeldungen. Die treten etwa an Baustellen auf, wenn sich das System gleich an mehreren Fahrbahnmarkierungen orientieren muss.

Nicht selten schalten Fahrer das System dann aus. Das birgt Gefahren – denn manch ein Chauffeur denkt später nicht mehr daran, das System wieder zu aktivieren. "Wir plädieren deshalb dafür, dass sich die Systeme nach einem bestimmten Zeitraum wieder automatisch zuschalten", sagte BGL-Präsident Hermann Grewer. In die falsche Richtung gehen seiner Ansicht nach Bestrebungen der EU, wonach ausgeschaltete Systeme erst nach einem Neustart des Fahrzeugs wieder aktiviert werden sollen. Der Spediteur aus Gelsenkirchen appellierte an Flottenbetreiber, frühzeitig in diese lebensrettenden Systeme zu investieren. "Wir sollten nicht erst warten, bis uns der Gesetzgeber dazu zwingt", sagte er. Das ist auch das Credo von Bernd Melcher, Vorstand der Kravag-Versicherungen. "Besser aus Überzeugung als aus Zwang handeln", sagte er.

Keine Pflicht zur Nachrüstung

Zwar schreibt die EU den Einbau dieser Systeme in neue Schwer-Lkw ab 2014 gesetzlich vor, eine Pflicht zur Nachrüstung der Bestandsfahrzeuge gibt es aber nicht. Daher ermunterte Dr. Jörg Hedtmann, Leiter des Geschäftsbereichs Prävention bei der BG Verkehr, die Hersteller dazu, an entsprechenden Lösungen zur Nachrüstung zu arbeiten. Denn die BG Verkehr ist überzeugt, dass Sicherheit verpflichtet – und zwar alle am Transportgeschehen Beteiligten.

Die Studie

Die Teilnehmer: Bundesweit mehr als 370 Unternehmen mit anfangs etwa 2.000 Fahrzeugen haben sich an dem Feldversuch von BG Verkehr, BGL und Kravag beteiligt. Ihren Angaben nach handelt es sich um die europaweit größte Studie dieser Art. Durch Ausfälle infolge der Krise – sei es durch Fahrzeugstilllegungen oder Insolvenzen – sank die Zahl der untersuchten Fahrzeuge zum Schluss auf 1.332. Insgesamt 767 davon waren mit den drei genannten Sicherheitssystemen ausgestattet (darunter 725 Lkw), weitere 565 (darunter 452 Lkw) dienten als Vergleichsfahrzeuge. Dabei haben die Initiatoren der Studie darauf geachtet, dass die Vergleichsfahrzeuge gleich eingesetzt werden und ähnliche Laufleistungen erbringen.

Die Förderung: Die BG Verkehr hat den Erwerb eines auf Sicherheit getrimmten Lkw mit 2.000 Euro bezuschusst, was in der Summe ein Betrag zwei Millionen Euro ergab. Die Kravag-Versicherung steuerte je weitere 500 Euro bei, sofern das Fahrzeug bei ihr versichert war. Zusätzlich gewährten einige Hersteller besondere Rabatte auf ihre Sicherheitspakete. Der BGL wiederum machte 28.000 Euro für das Projekt locker – unter anderem auch, um die Studie mit zu finanzieren.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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Matthias Rathmann

Datum

3. April 2012
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