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Altreifenlogistik mit Traumlastern: Runder Job

Der Dieselvirus war schuld, dass sich Kurz Karkassenhandel einen kleinen, aber feinen Scania-Fuhrpark zulegte.

Die Antwort kommt geradeheraus und ist erfrischend ehrlich. "Nein", lacht Hanna Schöberl, 28, seit fast drei Jahren Prokuristin bei Kurz Karkassenhandel in Wendlingen, "der Handel mit Altreifen war definitiv nicht mein Kindheitstraum. Schuld daran, dass ich hier gelandet bin, ist mein Opa. Er hat mich vor fünf Jahren gebeten, in seine Firma einzusteigen. Heute weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war."

Handelsunternehmen für Karkassen und Gebrauchtreifen

Der Opa, das ist Karl Kurz, der Ende letzten Jahres seinen 80. Geburtstag feierte, aber immer noch Geschäftsführer ist. Am 5.5.1955 gründete er in Leinfelden-Echterdingen nach eigenen Angaben Europas ältestes Handelsunternehmen für Karkassen und Gebrauchtreifen. Mit Niederlassungen in Europa und Afrika knüpfte er Verbindungen bis nach Nord-, Süd- und Mittelamerika sowie Asien. 1989 zog er nach Wendlingen um. 2001, nach der Auflösung von Gummi-Meyer, eröffnete er eine Niederlassung in Lan­dau. Schwerpunkt ist die Entsorgung von Altreifen und Gummiabfällen, heute etwa 30.000 Tonnen im Jahr. Dazu kommen weitere rund 10.000 Tonnen Produktionsreste aus diversen Industriebetrieben. Einen Umsatzrückgang durch die Konjunkturkrise sieht Schöberl nicht. "Auch wenn die Leute ihre Pkw jetzt vielleicht länger fahren, der Reifenverschleiß bleibt ja gleich."

Vor allem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland aber auch in Hessen und dem Südwesten Bayerns ist Kurz aktiv: Ein Teil der Altreifen wird als Sekundärbrennstoff der thermischen Verwertung zugeführt, also in Zementwerken auf Grund der hohen Temperaturen schadstofffrei verbrannt. Andere Reifen werden in den eigenen Anlagen sortiert. Die noch brauchbaren Karkassen, der Unterbau des Reifens ohne Felge, dienen als Werkstoff in der Runderneuerung. Als dritte Variante verkauft Kurz Altreifen an verschiedene Granulierbetriebe, wo sie zu feinem Granulat oder Gummimehlen zerkleinert werden. "Diese Erzeugnisse gehen beispielsweise in den Bau von Sportanlagen oder fließen als Füllmaterial in neue Produkte ein", so Schöberl.

Abrollcontainer mit einem Volumen von 36 bis 43 Kubikmetern

Kurz verfügt über 150 eigene Abrollcontainer mit einem Volumen von 36 bis 43 Kubikmetern und organisiert die Logistik. Die Touren selbst übernahmen in der Vergangenheit bis zu zehn Subunternehmer. Alles hätte so bleiben können. Bis 2010 – als sich auf einen Schlag alles änderte und Schöberl den Dieselvirus einfing: eine Krankheit, die immer mit der Anschaffung von Lkw endet. "An einem Donnerstag meldete unser Hausspediteur völlig überraschend Insolvenz an", erinnert sie sich. "Wir mussten über Nacht eine Lösung finden."

So übernahm Schöberl mit ausdrücklicher Unterstützung ihres Großvaters von Paccar kurzerhand zwei gemietete Lkw des Spediteurs, dazu zwei Fahrer sowie den damaligen Disponenten Andreas Weidemann. Jens ­Thaer, 32, aus Dettingen ist immer noch bei Kurz beschäftigt. Der zweite Fahrer ist heute nicht mehr dabei. Zwei Monate später kam dafür Sascha Knecht, 24, aus Echterdingen vom selben Unternehmer als dritter Mann neu ins Team. Im Rahmen der "Nachbarschaftshilfe" sprang später die Scania-Werkstatt Röhm aus Wendlingen in die Bresche. "Bis zum Sommer 2011 haben wir uns zunächst mit drei Mietautos an die neue Aufgabe herangetastet und dabei festgestellt, dass uns dieser Teil der Logistik sehr viel Spaß macht."

Scania R 480 mit Abrollcontaineraufbau

Schließlich machte Schöberl Nägel mit Köpfen: "Wir wollten einen eigenen Fuhrpark, mit dem wir unsere Fahrer dauerhaft zufrieden stellen können." Mittlerweile hatte auch Bernhard Kraiser, 25, aus Beuren zu Kurz gefunden. Er war zuvor nachts Linie mit Wechselbrücken gefahren. Er suchte einen neuen und, wie er es heute beschreibt, "stressfreien" Job. Und so entschloss sich Schöberl, für ihre Buben, wie sie das Fahrerteam längst nennt, über Scania in Möglingen drei R 480 (6x4) Topline mit Abrollcontaineraufbau von Hyvalift zu kaufen und über fünf Jahre zu finanzieren. Ausstattung: Opticruise und Standklimaanlage. Denn die Fahrer starten in der Regel Montagfrüh gegen fünf Uhr, pendeln die ganze Woche zwischen den Abholkunden, den Zementwerken oder den beiden eigenen Niederlassungen und kommen Freitagnachmittag zurück. Dann laden sie für die nächste Woche vor. "Einen besseren Job gibt es für mich nicht", sagt Jens Thaer.

Anfang 2012 wollte Schöberl es schließlich selber wissen, was es heißt, einen schweren Lkw zu fahren und machte für rund 8.000 Euro den Führerschein C/CE mit anschließender IHK-Prüfung nach der beschleunigten Grundqualifikation. "Ich bin dann anfänglich mit meinen Buben die eine oder andere Tour mitgefahren, auch um zu sehen, welche ihrer Vorschläge zur weiteren Ausstattung sinnvoll sind." Deutlich sichtbare Folgen dieser Praxiserfahrung sind die Zusatzscheinwerfer und Rundumleuchten. "Ich muss zugeben, dass ich mittlerweile selbst von der Optik unserer Lkw fasziniert bin. Auch von einigen Kunden weiß ich, dass unsere kleine Flotte sie durchaus beeindruckt." So ist es natürlich auch kein Wunder, dass Schöberl im vergangenen Sommer mit zum Truck-Grand-Prix an den Nürburgring fuhr und die drei Trucks einem breiten Publikum in der Müllenbachschleife präsentierte.

V8 Scania mit 500 PS

Nun ist es ausgerechnet Sascha Knecht, der im Herbst die Truppe wieder verlassen hat, um in seiner Heimat einen Silozug zu fahren. Familiäre Gründe gaben einerseits den Ausschlag für die Entscheidung, die er  ausdrücklich "mit viel Wehmut" getroffen hat. Es hängt aber wahrscheinlich auch damit zusammen, dass er nun einen V8 Scania mit 500 PS fahren darf und öfter daheim ist. Symbolisch übergab er den Schlüssel seines bislang so heiß geliebten "alten" Schweden an seinen Nachfolger.

Wolfgang Kraiser, 53, kommt aus Neuffen und ist – genau – der Vater von Bernhard. Auch er fuhr viele Jahre Wechselbrücken für einen Unternehmer aus Steinheim. Er zögerte nicht lange, als er von der freien Stelle hörte. Er fuhr einige Wochen bei seinem Sohn mit, um die Technik des für ihn neuen Abrollcontainerfahrzeuges einzuschleifen und die internen Abläufe in den Werken der Kunden kennenzulernen. "Das Familiäre eines Unternehmens ist mir sehr wichtig", sagt Wolfgang, "bei großen Firmen bist du nur einer von vielen." Das wiederum kann Bernhard nur unterstützen. "Es war anfänglich schon ein merkwürdiges Gefühl, seinem eigenen Vater etwas beizubringen. Aber wir haben uns gut verstanden. Jetzt finde ich es toll, dass er bei uns im Team ist."

Autor

Foto

Jan Bergrath

Datum

13. März 2013
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