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Alternative Antriebe: Deutschland bleibt Dieselland

Selbst KEP-Unternehmen zeigen sich beim Thema "alternative Antriebe" skeptisch und sind froh, dass die blaue Umweltplakette erst mal vom Tisch ist.

Ist der Diesel in der Krise oder gar tot? Nein, sagen Vertreter der KEP-Branche. Das hat eine Umfrage der Laderaum- und Frachtenbörse Couriernet vom 5. August ergeben. 86 Prozent sind überzeugt, dass der Dieselantrieb längst nicht ausgedient hat. Der Grund ist einfach: Es gibt bislang keine Alternative für ihre Zwecke. Und deshalb wird Deutschland vorerst Dieselland bleiben.

"Hierzulande haben sich Dieselfahrzeuge im gewerblichen Verkehr durchgesetzt, weil sie weniger Sprit verbrauchen und im Vergleich zu Benzinern robuster laufen", sagt Gerd Seber, beim Paketdienst DPD für Umweltthemen und Innovationen verantwortlich.

Bei Alex Kurier aus Bad Bodenteich in der Lüneburger Heide laufen die Transporter im Schnitt in zwei Jahren 600.000 bis 700.000 Kilometer. "Das würde ein Benzinmotor erfahrungsgemäß nie mitmachen", sagt Norbert Rogasch von Alex Kurier. "Dieselmotoren sind nicht tot – im Gegenteil für das Transportgewerbe sogar unersetzlich", fügt Friedhelm Kunst, Geschäftsführer Murgtalexpress aus Sinzheim bei Baden-Baden, hinzu. Gäbe es eine umweltfreundliche Lösung, würden die meisten Unternehmer nicht zögern, sie zumindest mal zu testen.

"Standzeiten kann ich mir nicht leisten"

"Die Entwicklung von Elektro- und Hybridantriebsarten macht zwar Fortschritte, aber diese Systeme sind in der Regel nur im regionalen Wirtschaftsverkehr einsetzbar und immer noch zu teuer", sagt Dagmar Wäscher, Vorsitzende des Bundesverbandes der Transportunternehmen (BVT). Und genau hier liegt das nächste Problem: Bei vielen kleineren Unternehmen fahren die Fahrzeuge am Tag zwischen 1.000 und 2.000 Kilometer. "Standzeiten kann ich mir nicht leisten", betont Manfred Bruns, Geschäftsführer des gleichnamigen Kurierdienstes aus Bremen, dessen Flotte rund um die Uhr unterwegs ist. Das heißt auch, dass für ihn – obwohl er viel in Innenstädte fährt – Elektrofahrzeuge keine Alternative darstellen, schließlich müssen diese bis zu acht Stunden Strom tanken. Die Förderung des Bundes für Elektrofahrzeuge von 4.000 Euro hält nicht nur Bruns für einen Witz, sondern 80 Prozent der von Couriernet befragten Unternehmer.

"Auch hier hat sich die Politik zu sehr am Individualverkehr orientiert", sagt Seber von DPD. So werden E-Fahrzeuge bis zu einem Preis von 60.000 Euro gefördert, ein Transporter wie Iveco Daily Electric sei für diesen Preis noch nicht zu haben. "Einigermaßen passende KEP-Modelle gehen in der Regel über diese Grenze hinaus", bestätigt Florian Gerster, Vorsitzender des Bundesverbandes Paket & Expresslogistik (BIEK). Dennoch sei die KEP-Branche für den Einsatz von Elektrofahrzeugen prädestiniert.

Vorläufiges Aus der blauen Umweltplakette

Gerster ist trotzdem überzeugt, dass im KEP-Markt auf Jahre hinaus noch Tausende Dieselfahrzeuge unterwegs sein werden. "Kleine Fuhrunternehmen sind wirtschaftlich gar nicht in der Lage, ihre Flotten schnell zu modernisieren", sagt er. Darum ist nicht nur Eckhard Wöllstein, selbstfahrender Unternehmer aus dem hessischen Rodgau-Hainhausen, froh, dass die blaue Umweltplakette erst mal vom Tisch ist, die Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kurzfristig einführen wollte, um die NOX-Emmissionen in den Städten schneller zu senken. Er hatte schon befürchtet, dass der deutsche Transportmarkt zusammenbrechen würde. "Es war schwer genug, als wir die Fahrzeuge mit Partikelfiltern ausrüsten mussten", erinnert er sich. Das habe vielen Unternehmen erhebliche Investitionen abgenötigt.

"Ich könnte es mir auch nicht leisten, die Umweltzonen immer zu umfahren", fügt er hinzu. Das koste Sprit, Zeit und sei zudem nicht gerade umweltfreundlich. Auch die Verbandsvertreter Wäscher und Gerster begrüßen das vorläufige Aus der Plakette. Sie zielte in Richtung "Aussperren", was jedoch keine Lösung sein könne. "Schließlich sind wir in den Städten sehr wichtige Versorger, sowohl des Handels als auch der Bewohner", sagt Gerster. Blaue Umweltzonen einzuführen, würde laut Frank Iden, Vorsitzender der Trans-o-flex-Geschäftsführung, nicht dazu führen, dass Unternehmen ihre gesamten Flotten austauschen würden. In jedem Fall würde eine neue Antriebsart nach dem derzeitigen Stand der Technik mit einem deutlichen Kostenschub verbunden sein, der auf jeden Fall an den Kunden weitergegeben werden müsste.

Wende nicht in Sicht

Der VW-Abgasskandal hat nach Ansicht der Unternehmer ebenso wenig bewirkt. "Ich denke nicht, dass es in nächster Zeit eine Wende geben wird", sagt Rogasch. In den USA werde VW wegen des Betrugs das Fell über die Ohren gezogen. "Deutsche Autokäufer dagegen bekommen einen Tritt in den Hintern", schimpft Bruns. Der ehemalige VW-Manager gehöre vor Gericht gezogen. "Stattdessen streicht er immer noch Millionen Euro ein", ärgert sich auch Tobias Reith, Inhaber der DTK-Service aus Lichtenau bei Rastatt. Würde Reith statt der erlaubten 1,2 Tonnen 1,5 Tonnen zuladen und dabei erwischt werden, müsste er eine hohe Strafe zahlen. Dennoch: Der Bedarf an alternativen Antrieben ist groß. Allen voran im 3,5-Tonnen-Segment, das die KEP-Dienste vor allem nutzen. Alleine Hermes setzt täglich bis zu 11.000 Transporter in der Zustellung ein – viele davon fahren in die Innenstädte. "Der Einsatz von E-Fahrzeugen kann auf bestimmten Touren und Gebieten sinnvoll sein", sagt daher Seber von DPD. Und die Unternehmen könnten damit einen großen Beitrag zur Entlastung der Umwelt leisten. "Ich weiß, dass viele der Autohersteller ihre Aktivitäten, Elektrofahrzeuge auf den Markt zu bringen, gerade verstärken", fügt er hinzu.

Auch die Städte kommen verstärkt auf die Unternehmen zu, um Alternativen zu entwickeln. Sie überlegen zunehmend, wie sie als Stadt den Umstieg auf umweltfreundliche Antriebe fördern können. Und natürlich testen die großen Paketdienste wie DPD, GLS, UPS, DHL oder Hermes seit vielen Jahren alternative Antriebe. "Die blaue Plakette ist zwar erst mal vom Tisch, wir sind als Unternehmen aber trotzdem gut beraten, beim Thema Elektromobilität in Vorleistung zu gehen", sagt Dirk Rahn, Hermes Operations-Geschäftsführer. Die Flottenstrategien der meisten Unternehmen basieren wohl aber auch in nächster Zukunft auf dem zuverlässigen Dieselantrieb – aus Mangel an Alternativen.

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Fotolia ilker canikligil

Datum

15. September 2016
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