Passfahrt Lkw-Oldtimer Volvo Scania Saurer Büssing 12 Bilder Zoom
Foto: Felix Jacoby

Alpenpässefahrt in der Schweiz

Mit Oldtimern über die Berge

Einige Freunde alter Lastwagen haben sich einen Traum erfüllt und drei schweizerische Alpenpässe an einem Tag bewältigt.

Historische Nutzfahrzeuge aus längst vergangenen Jahrzehnten sind Denkmäler der technischen Kulturgeschichte. Nur die allerwenigsten überleben hier und dürfen in Würde altern. Wer solche Stücke liebevoll restauriert und pflegt, will sich damit auch mal ein wenig auf der Straße bewegen. Neben Großereignissen der Lkw-Veteranenszene, wie der Historischen Deutschlandfahrt oder kultigen Treffen wie Wörnitz, erfreuen sich private Ausflüge im Freundeskreis zunehmender Beliebtheit. Die Verbindungen unter den Gleichgesinnten in Europa sind international. So konnte der Organisator der ersten Schweizer Passfahrt neben Teilnehmern aus dem eigenen Land weitere aus Deutschland, Österreich und Frankreich begrüßen.

Es ist ein privates Treffen ohne Formalitäten und Gebühren, das einzig nötige Papier ist der kopierte Streckenplan. Als Treffpunkt ist ein Rastplatz bei Giswil am Brünig genannt, dort versammeln sich Anfang Juli ein Dutzend Lastwagen, dazu ein zeitgenössischer Setra-Bus. Nach einem morgendlichen Café Crème und dem Gipfeli dazu werden die urtümlichen Selbstzünder nacheinander angelassen.

Handwerklich geschaltet setzt der Konvoi sich in Bewegung

Dank ihres Alters noch nicht dem Diktat der Lärmarmut unterworfen, dürfen die betagten Aggregate ihren charakteristischen Klang noch deutlich hörbar durch den Auspuff blasen. Wahrhaft handwerklich geschaltet, setzt sich der ehrwürdige Konvoi bald in Bewegung. Nur der 141er Scania von Baumann aus Lenzburg hatte wegen seiner Schwerlastaufgaben schon damals einen automatischen Drehmomentwandler. Ein Stück hinter dem Brünig zweigt Fridu Eggenberger mit seinem Scania-Tanker Baujahr 80 als Führungsfahrzeug Richtung Grimselpass ab, ihm ist das Projekt organisatorisch zu verdanken. "Ihr Europäer denkt bei Schweiz doch immer an Schoggi und Berge, das war die Grundidee für die Passfahrt", erklärt er schmunzelnd.

Seit Jahren veranstaltet der auf Luftfracht spezialisierte Chauffeur mit Freunden jährlich eine gemeinsame Schweizfahrt Ende April, aber da haben die Pässe noch Wintersperre. Der Frühsommer ist für die Tour in die Berge die perfekte Zeit. Der Grimselpass führt vom Berner Oberland ins Wallis auf 2.164 Meter über dem Meeresspiegel. Eröffnet wurde er als schmale Straße 1894, der Bau der Stauseen zur Wasserkraftgewinnung von 1920 bis 1950 sorgte für eine Verbreiterung der kurvigen Trasse. Ein Elfprozenter auf der Nordseite ist die stärkste Neigung. Den Chauffeuren der Lastwagen steht die Freude ins Gesicht geschrieben. Nicht oft bietet sich die Gelegenheit, mit ihren Maschinen Traumstraßen zu befahren.Kaum ist die Truppe im Tal angekommen, geht es nach wenigen Kilometern in den nächsten Berg, den Nufenenpass. Erst 1969 eröffnet, verbindet er den Kanton Wallis mit dem Tessin. Bei 2.478 Metern Höhe müssen die alten Lastwagen kräftig Luft holen, doch von vornherein stand fest, dass Auflieger und Anhänger diesmal zu Hause bleiben.

"Tolle Tour, aber viel zu fahren"

Ein bezaubernder See zwischen schmutzigem Sommerschnee entlohnt für die Mühen des Aufstiegs, eine schöne Pause für die knapp 30-köpfige Gruppe. Und die prachtvolle Bergkulisse ermöglicht nicht alltägliche Fotos. Auch Lothar Feig aus Neustadt in der Pfalz ist beeindruckt: "Tolle Tour, aber viel zu fahren. Zum Glück ist mein grüner Büssing BS 16.320 mit Unterflurmotor und Luftfederung sehr komfortabel. Wir haben ihn vier Jahre nach seiner Inbetriebnahme 1974 gekauft und fast 14 Jahre damit transportiert, ungefähr 2005 wieder in Schuss gebracht. Noch immer ist der erste Motor im Einsatz, mit rund 1,5 Millionen Kilometern. Nur die Laufbuchsen haben wir erneuert." Nach zwei Pässen haben sich alle eine Stärkung verdient. Die gibt es stilecht in Form von Raclette in einer Käserei in Airolo. Nebenbei entstehen in den Dieselgesprächen auch neue Kontakte und Freundschaften.

Die Pause gibt auch Möglichkeit, die einzelnen Fahrzeuge zu bestaunen. Faszinierend sind die beiden Volvos von Ottmar Halter mit N88 und Romeo Nüssli mit F89; zwei Nachbarn und Restaurierer mit Stilgefühl. Der Name Nüssli steht für das hoch angesehene Spezialunternehmen in Mellingen, wo handwerklicher Fahrzeugbau seit mehr als 50 Jahren betrieben wird. Genug pausiert, der Gotthardpass ruft! Diese Alpenquerung gehört zu den ältesten. Im 13. Jahrhundert schon als Kiesweg, 1826 mit der ersten Straße, die aber so lausig gebaut war, dass sie noch mal vier Jahre instand gesetzt werden musste.

Es soll nicht die letzte Pässetour gewesen sein

Dann war der Weg auch endlich frei für schwere Lastkutschen. In den frühen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts wurde eine Trasse aus Basaltsteinen mit gemauertem Mittelstreifen geschaffen, die bei Airolo teils noch parallel zur modernsten Ausbaustufe befahrbar ist. Kurz nach dem Losfahren erwischt es den Henschel F221 von Arie Spaansen aus Winkel. Der Bauunternehmer im Ruhestand bekam vor vielen Jahren von seinem Arzt die Empfehlung, sich ein Hobby zu suchen, doch Golf und Tennis langweilten ihn und so landete er beim Lkw restaurieren. Mittlerweile hat er eine einzigartige Sammlung und strahlt Kraft und Vitalität aus. Der Henschel ist auch ein Unikat, das Modell mit gelenkter und angetriebener Vorlaufachse gilt als das seltenste seiner Baureihe. Doch jetzt haben Schmutzpartikel aus dem Tank den Dieselfilter verstopft, ein nicht seltenes Problem, wenn alte Laster oft lange stehen. Arie Spaansen taucht unter seinen Lastwagen wie ein Junger, wechselt den Vorfilter, was aber nur kurz hilft.

Nebel kommt auf, deswegen schleppen die Kollegen ihn erst mal zur Passhöhe, ab da macht er wieder aus eigener Kraft weiter. Ein letztes Mal geht es nun bergab ins Tal. Vor Kurzem erst ist der sagenhafte Bahntunnel durch das Gotthardmassiv eingeweiht worden, und der 1980 eröffnete Straßentunnel kanalisiert die Touristenströme. Dass aber auch die Passstraße ihre Wertigkeit hat, zeigen mehrere Baustellen am Nordabstieg, damit wird auch der Gotthardpass auf den neuesten Stand gebracht. Der Alltag hat uns wieder, es beginnt zu regnen. Am Schluss, beim Kaffee im Gasthaus in Lauerz am Lauerzer See, herrscht Einigkeit, dass das nicht die letzte Pässetour gewesen sein sollte.

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Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 09/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

10. August 2016
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