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Aggression im Straßenverkehr: Achtung Ausraster

Aggression im Straßenverkehr ist vor allem für Berufskraftfahrer ein ernstes Problem. Auf drängelnde und rasende Autofahrer reagieren viele mit Stress – oder mit Hupen, Schimpfen und nahem Auffahren.

Löffingen: Am Dienstagabend haben sich ein Lkw-Fahrer und ein Autofahrer nach einem Überholvorgang auf der B 31 bei Löffingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) geprügelt." Meldungen wie diese finden sich in den Tätigkeits­berichten der lokalen und regionalen Polizeidienststellen zuhauf, ebenso wie in der Lokalpresse. Aggressivität im Straßenverkehr ist nichts Neues. Aber in einer Gesellschaft, die nach Ansicht vieler immer aggressiver wird, haben auch viele das Gefühl, dass die Umgangsformen auf der Straße immer rauer werden.

Keine wissenschaftlich fundierte Faktenlage

"Eine wissenschaftlich fundierte Faktenlage existiert nicht. Insofern kann man auch nicht seriös von einer Ab- oder Zunahme des Phänomens sprechen. Das gilt auch oder erst recht für den Lkw-Bereich", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).
Dass das Thema dennoch zumindest in der Wahrnehmung eine hohe Wichtigkeit hat, zeigt sich darin, dass sich auch der Deutsche Verkehrsgerichtstag mit dem Thema auseinandersetzt. Im vergangenen Jahr stand es auf der Tagesordnung und die Teilnehmer diskutierten juristische und psychologische Aspekte und Möglichkeiten, "die Straßen der Zukunft trotz steigender Mobilität sicherer zu machen", wie es im betreffenden Arbeitskreis hieß. Diskutiert wurden etwa "Maßnahmen für einen gleichmäßigen Verkehrsverlauf auf Autobahnen" und eine Verbesserung der Kontrolldichte. Auch neue Aspekte der Beweisgewinnung sowie die Anwendung strafrechtlicher Sanktionen standen auf der Agenda.

Unfallforscher Brockmann zählt die Delikte auf, die dabei im Vordergrund stehen: Rasen, Drängeln (vor allem mit Lichthupe), Rechtsüberholen auf der Autobahn, gefährliches Überholen auf Landstraßen, Spurspringen in Verbindung mit Schneiden im Stadtverkehr und Ausbremsen als "erziehe­rische Maßnahme". Der Unfall­experte schätzt, dass etwa ein Drittel aller Getöteten im ­Straßenverkehr auf solche Delikte entfallen.

Der anfangs geschilderte Fall hatte zum Glück keine Opfer zur Folge. Doch er liest sich typisch: Laut dem Polizeibericht wurde der Fahrer eines ungarischen Sattelzuges auf der Bundesstraße mehrfach von einem Autofahrer überholt und anschließend von diesem heruntergebremst. Der Mann ­wollte demnach den angeblich zu schnell fahrenden Lkw-Fahrer disziplinieren.

Situationen wie dieser sehen sich viele Lkw-Fahrer ausgesetzt, wie auch der Bericht "Auswirkungen von Belastungen und Stress auf das Verkehrsverhalten von Lkw-Fahrern" der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) aus dem Jahr 2009 zeigt.
"Wir haben die Lkw-Fahrer gefragt, wie stressreich sie bestimmte Sachverhalte ihrer Tätigkeit empfinden", sagt Dr. Claudia Evers, Regierungsdirektorin und Leiterin des Referats Verkehrspsychologie und Verkehrsmedizin der BASt in Bergisch-Gladbach. Dabei wurden insgesamt 39 Aspekte erfragt. "Das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer, die den Verkehr aufhalten, die sich aggressiv oder riskant verhalten, waren unter den Top Fünf der Stressfaktoren. Damit stellt das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer neben dem Parkplatzproblem den größten Stressfaktor dar."

Opfer von Aggressionen

Unterstützt wird das durch die Einschätzung des Unfallexperten Brockman vom UDV aus Berlin. "Ich habe das Gefühl, dass Berufskraftfahrer nicht ausgeprägt aggressiv anderen gegenüber sind – eher sind sie als empfundene Behinderung Opfer von Aggressionen."
So ähnlich hat es sich auch im bereits erwähnten Beispielfall zugetragen, der vom Polizeirevier Titisee-Neustadt bearbeitet wurde. Die Maß­regelung durch den Pkw-Fahrer
wollte sich der Lkw-Fahrer wohl nicht gefallen lassen: Als der Autofahrer schlussendlich die Bundesstraße verlassen wollte, wurde er noch auf der Abbiegespur von dem Sattelzug überholt, geschnitten und ausgebremst. Der Lkw-Fahrer stieg aus und ging auf den Pkw-Fahrer zu. Dieser soll daraufhin geschrien und den Lkw-Fahrer angegriffen haben.
Nicht jeder geht gleich gut mit Stress um. Charakteristische Muster im Umgang damit wirken sich auch unterschiedlich auf das Verkehrsverhalten aus, hat die Psychologin Evers herausgefunden. Die BASt-Wissenschaftlerin machte anhand der Befragungsergebnisse – 555 hauptberufliche Lkw-Fahrer, im Mittel 43,6 Jahre alt und seit 18,7 Jahren im Job tätig – insgesamt sechs Fahrertypen aus.

Draufgängertyp und gestresster Typ sind risikoreich

Risikoreich sind laut Evers insbesondere der Draufgängertyp und der gestresste Typ, da sie einen besonders ungünstigen Umgang mit Stress aufweisen. »Aggressiv-konfrontatives Stressbewältigungsverhalten« erkennt die Psychologin dabei oft: »Die Betroffenen tragen ihren Stress nach außen – Schimpfen, Hupen, direktes Auffahren sind dann ein typisches Verhalten.« Günstig verhält sich hingegen der ­sicherheitsbewusste Typ: Er fährt vorausschauend und konzentriert sich in stressreichen Situationen besonders auf mögliche Gefahren. Es gibt eben verschiedene Formen, auf Belastung und Stress zu reagieren.
Welchem Typus der Fahrer im bereits erwähnten Fall angehört, darüber lassen sich nur Mutmaßungen anstellen. Zumindest handelte er nicht etwa gleichgültig oder selbstkritisch: Der Lkw-Fahrer schlug den ­Autofahrer mit der Faust ins Gesicht, worauf dieser zu Boden ging.

Aggressives Verhalten gefährdet die Sicherheit

"Aggressive Verhaltensweisen im Straßenverkehr gefährden die Verkehrssicherheit", so lautet auch das Fazit in den Schlussempfehlungen des Deutschen Verkehrsgerichtstags. Seine Empfehlungen: mehr Verkehrsüberwachung mit entsprechenden präventiven Sanktionen, ein regelmäßiges Monitoring zu Umfang und Entwicklung der Aggression im Straßenverkehr, die Erstellung eines Deliktkatalogs im Rahmen des Fahreignungsverbots sowie "kommunikative, edukative und rehabilitative Maßnahmen zur Sensibilisierung von Verkehrsteilnehmern".

Pausen, Bewegung, gesunde Ernährung gegen Stress

Laut Dr. Claudia Evers sind für die Reduzierung von Stress für Lkw-Fahrer verschiedene Ansatzpunkte erforderlich: beispielsweise die Behandlung des Themas in der Aus- und Weiterbildung oder die Einbeziehung aller Akteure der gesamten ­Verantwortungskette, also auch Disponenten und Verlader, ebenso gezielte Straßenkon­trollen und die konsequente Umsetzung von Sozialvorschriften, Arbeit- und Gesundheitsschutz. Generell günstig gegen Stress seien zudem ausreichende Pausen, Bewegung, gesunde ­Ernährung.
Bei unserem gezeigten Beispiel kommt das zu spät: Der Autofahrer musste sich nach dem Faustschlag ambulant behandeln lassen. Sowohl er als auch der Lkw-Fahrer gelangten nach den Ermittlungen der ­Polizei zur Anzeige. Nur gut, dass weiter niemand sonst zu Schaden gekommen ist.

Ilona Jüngst

Autor

Foto

Carlos A. Oliveras

Datum

23. Mai 2014
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