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Ärztliche Hilfe an der Autobahn: Einmal Vorsorge, bitte!

Die medizinische Versorgung von Lkw-Fahrern wird gerne verdrängt, oft genug von den Betroffenen selbst. Spezielle Gesundheitszentren könnten helfen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Das Bonmot des ehemaligen Bundeskanzlers und heutigen Raucheridols Helmut Schmidt gilt als Paradebeispiel politischer Nüchternheit und wird auch heute noch gerne ins Spiel gebracht, um ein eigentlich sinnvolles Projekt von vornherein als Hirngespinst abzutun. So gibt es natürlich viele Kritiker, die das geplante erste deutsche Gesundheitszentrum für Lkw-Fahrer an der A 7 bei Kassel als völlig unpraktikabel und fehl am Platz einschätzen. Diese Bremser wird es immer geben, Vorkämpfer für neue Ideen ­dagegen werden auch in Zukunft jede Hürde, die man ihnen vorsorglich in den Weg legt, einzeln wegräumen müssen. Zu ihnen zählen derzeit Prof. Albrecht Goeschel, 67, Experte für Gesundheitsversorgung und Sozialsicherung am Institut für Sozialsicherung in Verona, und Manuel Sauer, 38, Fachsekretär Logistik bei Verdi in Kassel, der sich bei den Spe­ditionen in Nordhessen nicht nur Freunde gemacht hat. Beide haben eine ­Vision: Sie wollen erreichen, dass Lkw-Fahrer in Zukunft problemlos an der Autobahn zum Arzt gehen können.

Männer gehen seltener zur Vorsorgeuntersuchung

Doch wenn es um die eigene Gesundheit geht, sind viele Männer schwierige Fälle. Erst am 29. Januar stellte das Robert-Koch-­Institut auf dem ersten Männergesundheits­kongress in Berlin die traurigen Fakten vor: Männer sterben früher, sie haben mehr Verkehrsunfälle, nehmen sich häufiger das Leben, rauchen und trinken mehr als Frauen. Vor allem aber gehen sie viel seltener zur Vorsorgeuntersuchung und, falls sie Beschwerden haben, suchen auch viel seltener einen Arzt auf. Bei Lkw-Fahrern ist die Lage noch extremer, wie Prof. Goeschel ­wenige Tage zuvor auf dem Fachkongress "Logistik und Gesundheit" in Kassel vor rund 30 Teilnehmern referiert: "Die ärztliche Bedarfs­planung orientiert sich in Deutschland ­ausschließlich an der ortsansässigen Bevölkerung", so Goeschel. "Lkw-Fahrer, die ja die meiste Zeit unterwegs sind, werden dabei nicht berücksichtigt. Sie brauchen deshalb eine eigene Infrastruktur für die ­ärztliche ­Versorgung."

Sein Institut hat einen Atlas zur Gesundheitsversorgung in Deutschland erarbeitet. Auf einer Karte über die "Ärzte­erreichbarkeit in Hessen" zeigt sich, dass die meisten ­Praxen – wenig überraschend – meilenweit von den Autobahnen entfernt sind. Für einen Fernverkehrsfahrer ist der Arztbesuch kaum machbar. Das hat die Initiative DocStop bereits 2007 erkannt und genau dort angesetzt, den Weg vom Fahrerhaus zum Mediziner zu erleichtern.

Gesundheitszentren sollen medizinischen Check-up vornehmen

Doch Goeschel will einen Schritt weiter gehen. In einem sozialen Europa schweben ihm für die nahe Zukunft komplett einge­richtete Gesundheitszentren an den großen transeuropäischen Verkehrsadern (TEN) vor. Sie sollen sich an den Lenkzeitpausen der Fernfahrer orientieren, um einen medizinischen Check-up vorzunehmen oder akute Probleme zu behandeln.

Ein Schlaflabor soll zudem das neue ­große Problem vieler Fahrer angehen: die Schlafapnoe, die vor allem bei Schnarchern festgestellt wird. Unbehandelt führt sie zu Tagesschläfrigkeit und birgt damit ein ge­wisses Unfallrisiko. "Immer öfter", so verrät Andrea Reichl, Personalleiterin der Spedition Diebel in Kassel, "verlangen Arbeitsmediziner und Betriebsärzte bei der alle fünf Jahre fälligen Führerscheinverlängerung eine Untersuchung im Schlaflabor. Doch Termine sind kurzfristig kaum zu bekommen. Deswegen raten wir unseren Fahrern immer wieder, den Besuch beim Arzt nicht auf die lange Bank zu schieben. Denn sonst droht der Verlust des Führerscheins."

"Ein richtiger Trucker fährt sich unter der Woche wieder gesund."

Es ist ein unbequemes Thema und Treibstoff auf die Motoren aller ungekrönten Helden der Landstraße, die sich selbst als jederzeit zuverlässig, leistungsfähig und belastbar begreifen. Auf diesen Aspekten, so der Psychologe Dr. Michael Knoll von der TU Chemnitz, beruhe nämlich die Berufsidentität vieler Lkw-Fahrer, deren eigentliche Arbeit, das Fahren eines schweren Lkw, immer leichter geworden sei, die von Navigationsgeräten ans Ziel geführt und von einer GPS-gesteuerten Automatik am Berg auch noch den wirtschaftlichsten Gang vorgegeben bekämen. Diese faktische Austauschbarkeit am Arbeitsplatz führe dazu, so Knoll, dass Fahrer lieber krank auf Tour gehen, als eine Schwäche einzugestehen und den Arzt aufzusuchen. Manche Arbeitgeber aus der Logistikkette würden diesen Berufsethos der Fahrer schlicht ausnutzen: "Ein richtiger Trucker fährt sich lieber unter der Woche wieder gesund", moniert Knoll. Doch falsche Selbstmedikation endet immer öfter damit, dass die Fahrer dann doch die Notrufhotline von DocStop anrufen.

Viele Kernaussagen der Experten sind FERNFAHRER-Lesern längst bekannt: Lkw-Fahrer arbeiten mit 56 Stunden im Wochenmittel deutlich zu lang und sie liegen in fast allen Ausfallstatistiken der Krankenkassen an erster Stelle. Deswegen, so argumentiert Goeschel, müssten die Krankenkassen, die Rentenversicherungsträger und die Berufsgenossenschaft an einer besseren Gesundheitsversorgung großes Interesse haben. Geld dazu, so hat Goeschel errechnet, ist wohl da: Etwa neun Milliarden Euro würden die rund 1,6 Millionen mobilen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der deutschen Logistik- und Transportbranche pro Jahr als Beiträge an die Krankenkassen bezahlen – aus diesem Topf müsste die Versorgung an der Autobahn zu finanzieren sein.

Bedarf an einem Gesundheitszentrum ist vorhanden

Natürlich bleiben praktische Fragen offen – ob sich so ein Zentrum wirtschaftlich rechnet und ob die Fahrer es nutzen. Eher unwahrscheinlich ist es, dass jemand freiwillig auf der Tour ein Schlaflabor aufsucht. Statt Hilfe durch Behandlung und Schutz vor ­Unfällen, fürchten Betroffene eher den Verlust des Führerscheins. Auch die Idee, dass Ärzte der Kasseler Kliniken kranke Patienten frisch von der Autobahn in ihre Betten
holen, während der Lkw mit der Fracht auf dem Autohof stehen bleibt, ist noch nicht
zu Ende gedacht.

Dennoch ist der Bedarf an einem Gesundheitszentrum in der Logistikregion Nordhessen vorhanden. "Wir haben Interesse daran, dass unsere Fahrer regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen", so Reichl, "aber wir wissen auch, dass wir schlicht und einfach Anreize setzen müssen. Eine Idee wäre, für einen Check-up beim Arzt einen Tag Urlaub bereitzustellen."

Ein bis zwei Millionen Euro Kosten für den Bau und Ausstattung

Normalerweise enden derartige Kongresse mit einer Absichtserklärung – und dann findet sich niemand, der sich um das Projekt kümmert und die Feinarbeit macht. Doch Sauer hat, auch mit Hilfe der Gesundheitsexperten von Verdi und des hessischen DGB, einige regionale Entscheider wie Holger Schach, den Geschäftsführer des Regionalmanagement Nordhessen, an den Tisch gebracht, die das Projekt weiter vorantreiben wollen. Allen voran der Spediteur Eugen Jung, der noch am gleichen Tag in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der SVG-Hessen eine 600 Quadratmeter große Fläche am Lohfeldener Rüssel zur Nutzung in Aussicht stellt. Und kurze Zeit später gründet sich unter Federführung von Goeschel und Sauer bereits der Verein "Zentrum für Kraftfahrer-Gesundheit Kassel (ZKK)". Goeschel rechnet mit Kosten von ein bis zwei Millionen Euro für den Bau und die Aus­stattung. Der Betrieb selbst könnte über die Krankenkassen aus dem Topf der neun Milliarden Euro finanziert werden. Mittlerweile, so Jung, laufen bereits die Gespräche mit den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung. Auch das Rote Kreuz habe seine Mitarbeit signalisiert. "Viele Ampeln", so Jung, "stehen bereits auf Grün."

Funktionierendes Netz

Visionäre Ideen für eine bessere Gesundheitsversorgung der Lkw-Fahrer sind eine feine Sache, ein bereits funktionierendes Netzwerk ist vorerst unschlagbar: Schon 2007 wurde der Verein DocStop für Europäer e. V. zur besseren medizinischen Unterwegsversorgung für Berufskraftfahrer auf den transeuropäischen Verkehrswegen gegründet.

Heute gibt es über 320 medizinische Partner (Kliniken, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte) von DocStop entlang der wichtigsten deutschen Autobahnen, einer davon ist der ADAC Truck Service mit der DocStop-Hotline 018 05/11 20 24. Die Mitarbeiter können dort zum jeweiligen Standort des Anrufers sofort den nächstgelegenen DocStop-Mediziner und dessen Rufnummer benennen. Die aktuellen Zahlen belegen, wie nötig eine ärztliche Hilfe entlang der Fernstraßen tatsächlich ist. Monatlich wird sie von bis zu 180 Bus- und Berufskraftfahrern genutzt, die meistgenannten Krankheits-
symptome sind: Zahn- und Rückenschmerzen sowie Magenprobleme.

Autor

Foto

© Jan Bergrath

Datum

16. Mai 2013
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