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ACE-Chef Stefan Heimlich im Interview: Bautätigkeiten besser abstimmen

Der Auto Club Europa (ACE) macht sich für ein besseres Baustellenmanagement stark. Der ACE-Vorsitzende Stefan Heimlich hält Baustellen für unverzichtbar, um die Straßen in Schuss zu halten. Die Bautätigkeit müsse aber besser aufeinander abgestimmt sein, damit sich der Ärger für die Kraftfahrer in Grenzen hält und der Verkehr flüssig bleibt.

trans aktuell: Herr Heimlich, haben Sie in letzter Zeit häufiger Bekanntschaft mit Baustellen gemacht oder warum hat der ACE einen Forderungskatalog für ein besseres Baustellenmanagement erstellt? 

Natürlich fällt mir die Baustellendichte auf, wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin. Beispielsweise auf der A45, auf der inzwischen jede Brücke eine Baustelle ist. Und ja, es ärgert mich, wenn ich deswegen mein Ziel später erreiche. Allerdings muss uns Autofahrern auch klar sein, dass es wichtig ist, dass die Straßen in Deutschland in einem verkehrssicheren und benutzungsfähigen Zustand sind. Immerhin liegen wir im Zentrum Europas, das bringt gewisse Verbindungs- und Erschließungsaufgaben mit sich. Die Bundesregierung muss deshalb ihre Hausaufgaben erledigen und die Mobilität von Wirtschaft und Gesellschaft langfristig sichern. Dazu zählt auch, dass viele Straßen im Moment vor einer Grundinstandsetzung stehen. Damit das so reibungslos wie möglich funktioniert, ist es nach Ansicht des ACE sehr wichtig, das Baustellenmanagement zu verbessern. Nur, wenn die Projekte gut aufeinander abgestimmt sind, neue Ingenieur- und Behördenkapazitäten in den Ländern und Kommunen geschaffen werden und Anwohner und Verkehrsteilnehmer mit ins Boot geholt werden, wird die deutsche Dauerbaustelle nicht zum Alptraum.

Gibt es eine Baustelle, über die Sie sich selbst in den vergangenen Jahren ganz besonders geärgert haben – weil sie mit ständigen Staus verbunden waren oder sie vielleicht zu viel Zeit beansprucht hatte?

Stuttgart ist eine einzige Katastrophe: Überall gibt es Baustellen, die im Zusammenhang mit Stuttgart 21 eingerichtet werden. Und man hat beim besten Willen nicht den Eindruck, dass diese aufeinander abgestimmt sind. Innerhalb Stuttgarts fahre ich deshalb grundsätzlich nur noch mit Bussen und Bahnen, da bin ich schneller und zuverlässiger unterwegs. 

Sie haben das Papier nicht ohne Grund im Umfeld des neuen Bundesverkehrswegeplans veröffentlicht. Warum war Ihnen diese Anbindung wichtig?

Der Bund will bis 2030 mehr als 260 Milliarden Euro in neue Straßen, Schienen und Wasserwege investieren. Das ist grundsätzlich begrüßenswert, darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es hier nur um Neu- und Ausbau geht. Ich habe bereits erwähnt, wie wichtig der Erhalt des bestehenden Straßennetzes ist und dass der Bund hier in Verzug geraten ist. Der Umfang der Neu- und Ausbaupläne und die anstehenden Maßnahmen zum Erhalt des Straßennetzes werden über kurz oder lang dazu führen, dass Deutschland sich in eine große Baustelle verwandelt. Die Veröffentlichung des BVWP 2030 und das Thema Baustellenmanagement stehen also in einem unmittelbaren Zusammenhang. Wenn es eines guten Konzeptes bedarf, dann jetzt. 

Was ärgert Kraftfahrer bei Baustellen am meisten: der Zeitverlust, die Stau- und Unfallgefahr oder die erhöhte Konzentration zum Beispiel aufgrund enger Spurführungen?

Natürlich ist der Autofahrer innerhalb von Baustellen besonders gefordert. Er muss auf engstem Raum extrem aufmerksam sein. Aber ich bin mir sicher, dass der Ärger über die Baustelle und den entstehenden Zeitverlust sich in Grenzen hält, solange der Autofahrer sicher durch die Baustelle fahren kann und dabei sieht, dass etwas passiert. Doch auch die Planer der Baustellen sind gefragt. Damit die Verkehrsteilnehmer ihre Geschwindigkeit und ihr Fahrverhalten anpassen können, müssen Fahrbahnverlauf und Veränderungen der Verkehrsführung deutlich erkennbar sein. Wir haben hierzu eine Reihe von Forderungen formuliert – zu den wichtigsten gehört sicherlich, dass die in der Baustelle vorgeschriebene Regelgeschwindigkeit auf die Breite der Fahrspuren angepasst wird. Können die vorgegebenen Mindestbreiten nicht eingehalten werden, kann in der Baustelle eben nur 60km/h gefahren werden. 

Grundsätzlich müssen Baustellen ohne ein erhöhtes Unfallrisiko passiert werden können. Uns ist natürlich bewusst, dass es hier ein Spannungsverhältnis gibt: Auf der einen Seite steht die Notwendigkeit, Leben und Gesundheit der Bauarbeiter zu schützen – das verursacht einen zusätzlichen Platzbedarf; auf der anderen Seite steht das Ziel, die Verkehrsbeeinträchtigungen und Kosten so gering wie möglich zu halten. 

Die Akzeptanz der Baustellen ist oft deshalb so gering, weil teilweise niemand darauf zu sehen ist. Sehen Sie hier den größten Handlungsbedarf?

Das ist eigentlich gar nicht so schwer! Natürlich muss auf jeder Baustelle erkennbar sein, dass dort gearbeitet wird. Auf Hinweistafeln müssen Informationen gegeben werden, in welchem Stadium die Bauaktivitäten sich aktuell befinden und wann sie beendet sein werden. Wenn also wegen Aushärtezeiten die Baustelle unbesetzt ist, muss dies auch so an die Autofahrer kommuniziert werden. Sobald man so vorgeht, ist doch auch niemand mehr verärgert darüber, wenn er an einer unbemannten Baustelle vorbei fährt. Wichtig ist darüber hinaus natürlich auch, dass bei Arbeitsunterbrechungen (z.B. am Wochenende) die Absperreinrichtungen auf das notwendige Mindestmaß reduziert und eine Anpassung der Verkehrsregelung vorgenommen wird. Zudem fordern wir ausdrücklich, die Möglichkeiten und Instrumente zur Bauzeitverkürzung besser auszuschöpfen. Offenbar ist die Ausnutzung der Tageshelligkeit und die Samstagsarbeit noch immer keine Selbstverständlichkeit bei der Bauausführung geworden. Würde man aber in den Monaten April bis Oktober an sechs Arbeitstagen/Woche die Tageshelligkeit vollständig ausnutzen, stünden in diesem Zeitraum durchschnittlich 80 Wochenarbeitsstunden zur Verfügung. Dann wären Baustellen ohne Bauarbeiter auch ein eher seltener Anblick.

Was müsste konkret passieren, um die Bautätigkeit effizienter abzuwickeln und das Ganze koordinierter umzusetzen? Oft hat man ja den Eindruck, dass überall gleichzeitig gebaut wird.

Auch hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle: Zum einen bedarf es einer Abstimmung der baulichen Maßnahmen zwischen den einzelnen Bundesländern, damit es an den Landesgrenzen nicht zu einem Verkehrschaos kommt oder gleichzeitig an potenziellen Ausweichstrecken gebaut wird. Auch kommunale Baulastträger sollten miteinander sprechen, um gegebenenfalls Gemeinschaftsmaßnahmen zu identifizieren. Zeitgleiche Baustellen auf parallel verlaufenden Autobahnen darf es selbstverständlich nicht geben und es sollte bei der Planung auch immer darauf geachtet werden, dass Hauptreiserouten und Pendlerstrecken eher dann betroffen sind, wenn nicht gerade deren Hauptverkehrszeit ist. 

Ein weiterer Aspekt ist allerdings auch die Planung und Vorbereitung. Sowohl auf Auftraggeber- als auch auf Auftragnehmerseite ist eine gründliche, transparente, vorausschauende und realistische Planung Grundvoraussetzung für die reibungslose Abwicklung des Bauvorhabens. Hierzu finden Sie in unserem Papier einige konkrete Forderungen.

Grundsätzlich – und auch hier komme ich wieder zu unserer Forderung, dem Erhalt der Straßen oberste Priorität einzuräumen – muss der Bund die nötigen Mittel zur Hand nehmen, um Straßen, die grundsaniert werden müssen, qualitativ hochwertig und nachhaltig zu sanieren. Andernfalls werden ständig einfach nur neue Schlaglöcher repariert. Diese ewige Flickschusterei wird auf Dauer nur noch mehr Baustellen erzeugen. 

Was müsste geschehen, damit Kraftfahrer besser in Echtzeit über die Baustellenaktivitäten informiert und ebenfalls in Echtzeit zum Beispiel mit Umfahrungen darauf reagieren können?

Für uns wäre es selbstverständlich, dass, sobald die Entscheidung zur Durchführung einer Baustelle getroffen wurde, dies über alle erdenklichen Kanäle kommuniziert wird. Dazu gehören für uns natürlich sämtliche Internetangebote auf Bundes-, Landes- und auf kommunaler Ebene, lokale Presse und Rundfunk und definitiv eine straßenseitige Beschilderung und LED-Vorwarntafeln, auf denen dann auch kommuniziert wird, wie lang die Baustelle noch ist.

Würden Sie bei bestimmten Ausbauprojekten auf hoch belasteten Straßen der Politik gleich Bauarbeiten rund um die Uhr oder sogar eine komplette Streckensperrung anbieten? Oder wäre das sozusagen erst die Ultima Ratio?

Durchaus! Bauarbeiten rund um die Uhr sind gerade auf stauanfälligen Abschnitten sinnvoll, die zu jeder Tageszeit hoch frequentiert sind, auf denen auch der Lkw-Anteil hoch und die nicht in Ballungsräumen liegen. Denn dadurch wird die Bauzeit deutlich verkürzt und der Zeitraum der Verkehrsbeeinträchtigung verringert. Allerdings ist hier die Unfallgefahr für Verkehrsteilnehmer und Baustellenpersonal hoch. Alle Möglichkeiten zur Unfallvermeidung müssen deshalb ausgeschöpft werden.

Wir finden auch, dass bauen unter Vollsperrung für stark frequentierte Strecken eine ernst zu nehmende Option ist. Allerdings nur, wenn genügend Alternativrouten verfügbar sind. Die Bauzeit kann dadurch extrem verkürzt und die Baukosten reduziert werden. Die Unfallgefahr ist gering und die Arbeitssicherheit hoch. Doch muss hier in besonderem Maße – beispielsweise über Bonus-Malus-Regelungen – sichergestellt werden, dass es nicht zu Bauzeitverlängerungen kommt. Und natürlich müssen die Verkehrsteilnehmer über Vollsperrungen sehr früh informiert werden.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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ACE

Datum

26. April 2016
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