Jans Blog: Ablenkung 4 Bilder Zoom

Ablenkung im Straßenverkehr: Wenn Blicke töten

Wieder wurde ein Lkw-Fahrer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er war mutmaßlich abgelenkt, als er auf der Autobahn einen schweren Unfall verursachte. Diese Gefahr nimmt dramatisch zu. 

Eigentlich müsste man das fürchterliche Bild veröffentlichen. So wie die Krebswarnung auf den Zigarettenschachteln. Etwa in die Windschutzscheibe kleben. Oder auf die Fahrertür. Vielleicht würde es manche Leute endlich zur Vernunft bringen. Doch das geht nicht. Es ist zu brutal. Es zeigt den Fahrer eines polnischen Lkw. Im September letzten Jahres ist er auf der A 4 vor dem Autobahnkreuz Aachen am Ende eines Staus von Köln kommend nahezu ungebremst auf das Heck eines spanischen Lasters geprallt. Der Filmbeitrag aus der Unfallmeldung der Aachener Zeitung zeigt nur annähernd die Zerstörungskraft des Aufpralls. Achsen und Felgen, die Ladung des Lkw, liegen neben dem Fahrzeug. Die weiße Zugmaschine ist bis zur Unkenntlichkeit zerdrückt. Das Foto, das wir hier zeigen dürfen, deckt den Fahrer ab. Er war sofort tot. Er war 36 Jahre alt und verheiratet.

Ich habe das Bild gesehen. Achim Schulze-Schwanebrügger, 60, Leiter des Unfallanalyse-Teams der Autobahnpolizei Köln hat es mir im Polizeipräsidium an seinem Rechner gezeigt. Ein Arm des Fahrers hängt neben der A-Säule aus dem Fenster. Der Kopf des Fahrers ist nicht zu sehen. Er steckt hinter dem Laptop, der praktisch noch am Glas klebt. "Nach unseren Ermittlungen ist der Laptop dem Fahrer mit der Hand, in der er ihn gehalten hat, beim Aufprall auf den anderen Lkw ins Gesicht geschlagen", so Schulze-Schwanebrügger. Und er zeigt mir die kaum vorhandenen Bremsspuren, die sein Team markiert hat. Schulze-Schwanebrügger hat in seinem langen Berufsleben viele Unfälle aufgenommen. "Es gibt immer mehr Lkw-Unfälle am Stauende, bei denen wir vermuten, dass der Fahrer durch einen Blick auf ein Smartphone oder einen Laptop abgelenkt war. Ich selbst kenne aber nur diesen einen Unfall, bei dem der Beweis dafür so offensichtlich ist."

Schockvideo der Polizei

Eine aktuelle Untersuchung belegt: Immer mehr Autofahrer fummeln unterwegs am Handy. Wenn ich manchmal daheim bei Facebook etwas poste, dann bin ich ziemlich überrascht, wie viele Fahrer mir auf der Stelle antworten. Entweder warten sie an irgendeiner Ladestelle – oder sie sind unterwegs und spielen mit ihrem Leben. Schon 2012 habe ich im FERNFAHRER unter der Überschrift "Wenn Blicke töten" eine Reportage über die zunehmende Gefahr der Ablenkung am Steuer veröffentlicht, siehe PDF am Ende des Artikels. Er ist aktueller denn je. Auch weise ich noch einmal auf das Schockvideo der Autobahnpolizei aus dem Heidekreis an der A 7 aus dem Jahr 2014 hin – Videokameras zeigen einen solchen Auffahrunfall, der in einem Flammenmeer aufgeht. Grund war eine Dauerbaustelle, die zu Staus geführt hat. 

Das Problem der Stauendeunfälle hat sich nun zur A 2 bei Hannover verlagert. Dort herrscht jetzt zwar seit Mitte April für Lkw ein Tempolimit von 60 Stundenkilometern. Diese Maßnahme wird unter Fahrern allerdings heftig diskutiert. Nun ist bei Facebook ein Video aus einer Daschcam eines Abschleppunternehmens aufgetaucht. Am 13. April zeigt es zufällig, wie ein Lkw mit voller Fahrt ungebremst in ein Stauende rast. Der Fahrer wurde lebensgefährlich verletzt.

Aktuelles Urteil gegen Lkw-Fahrer  

Die Zahl der schweren Lkw-Unfälle nimmt weiter zu. Ich bekomme täglich die Meldungen. Es ist schlimm genug, wenn Lkw-Fahrer ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Tragisch wird es, wenn andere Menschen dabei zu Schaden kommen. So wie vor einem halben Jahr auf der A 31 bei Schermbeck. Ein LKW-Fahrer hatte ein Auto gerammt, das gerade auf dem Seitenstreifen stand, berichtet ein lokaler Radiosender online. "Jetzt hat das Dorstener Amtsgericht den Fahrer aus den Niederlanden verurteilt: Er bekam ein Jahr und drei Monate Haft auf Bewährung. Der LKW-Fahrer war vermutlich abgelenkt und hatte den Kleinwagen deshalb nicht bemerkt. Das Auto hatte eine Panne. In dem Fahrzeug saßen drei junge Männer. Ein 18-jähriger, der auf der Rückbank saß, wurde eingeklemmt und durch den Aufprall so schwer verletzt, dass er noch vor Ort starb. Die beiden anderen Insassen kamen mit schweren Verletzungen davon. Der LKW-Fahrer wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er bekam nicht nur eine Haftstrafe - er darf auch ein halbes Jahr lang in Deutschland nicht mehr fahren. Und er muss 3.600 Euro Strafe zahlen - das Geld bekommt das Kinderhospiz in Recklinghausen."

Dramatisch steigende Unfallzahlen im Bereich der Autobahnpolizei Köln

Etwa 600 Autobahnkilometer gehören zum Bereich der Autobahnpolizei Köln. Die Unfallzahlen für das Jahr 2015 sind alarmierend: Bei insgesamt 10.868 Unfällen wurden 1.892 Menschen verletzt, 379 schwer. 17 Menschen sind gestorben, darunter vier Lkw-Fahrer. Unfallanalytiker Schulze-Schwanebrügger ist deshalb zutiefst besorgt. Die Entwicklung der Unfallzahlen für das Jahr 2016 ist dramatisch. "Schon bis Ende April haben bereits 16 Menschen im Bereich der Autobahnpolizei Köln ihr Leben gelassen."

Terminhinweis

Am 18. Juni von 10 bis 16 Uhr veranstaltet die Autobahnpolizei Köln auf der Raststätte Frechen-Süd der A 4 einen Tag der Verkehrssicherheit zum Schwerpunkthema Ablenkung am Steuer. Geladen sind unter anderem Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, DVR, und von Dekra. 

Download
Kostenlos herunterladen Reportage aus FERNFAHRER 8/2012 (PDF)

Autor

Foto

Autobahnpolizei Köln

Datum

28. April 2016
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Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
Von 1980 bis 2013 Betriebsprüfer Arbeitsschutz in Aachen auf dem Gebiet Sozialvorschriften für… Profil anzeigen Frage stellen
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Jan Bergrath beobachtet und beschreibt seit über 25 Jahren als freier Fachjournalist die… Profil anzeigen Frage stellen
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