Kreta Überfahrt 21 Bilder Zoom
Foto: Felix Jacoby

Abenteuer auf Kreta

Lebendige Inselwelt

Die Insel Kreta markiert so ziemlich das südlichste Ende der Europäischen Union. Lastwagen bewerkstelligen dort den kompletten Gütertransport.

"Güter gehören auf die Bahn" – dieses hierzulande oft naiv genutzte Motto sorgt auf der Insel Kreta höchstens für einen Lacher, denn Schienenwege gibt es da schlichtweg keine. Hier geht gar nichts ohne Lastwagen. Und so beginnt oder endet fast jeder Transport auf diesem rund 250 Kilometer langen und zwischen 12 und 60 Kilometer breiten Stück Land am Fährhafen von Heraklion, der Hauptstadt der Insel. Jeden Morgen legen zwei Großfähren an, die im Nachtsprung Menschen, Fahrzeuge und Waren vom Festland auf die Insel bringen. Obwohl in Heraklion nur rund ein Drittel der gut 600.000 Bewohner lebt, schafft es die kleine Stadt, zweimal am Tag ein ansehnliches Verkehrschaos auf die Räder zu stellen.

Das liegt an den vielen schmalen Straßen, die sich zwischen archäologischen Ausgrabungen und einer kilometerlangen Stadtmauer aus dem vorletzten Jahrtausend sowie dichtester Besiedlung hindurch zwängen. Und da, wo eine Fahrbahn mal breiter ist, machen sie die Kreter mit wildem Parken in der ersten, zweiten und dritten Spur einfach selber wieder schmal.

"Schon der Firmengründer hatte einen Rundhauber mit Stern!"

Nahe des Zentrums treffen wir Onkel Michailis und Neffe Kostas Zervos, die mit weiteren Verwandten einen Baustoffhandel betreiben. Das schwerste Stück der Flotte ist ein Mercedes-SK-Vierachser Typ 3348, ausgerüstet mit einem schweren Palfinger-Faltkran. "Schon der Vater und Firmengründer hatte einen Rundhauber mit Stern!", erzählen die beiden. Am Hafen sattelt Nikolasos Anthoulakis gerade seinen Tankauflieger ab: "Ich habe hochwertiges Olivenöl geladen, das ist eine angenehme und saubere Arbeit!" Das Straßennetz der Insel basiert im Wesentlichen auf einer West-Ost-Hauptachse, die entlang der ziemlich geraden Nordküste verläuft. Die ist in ganz passablem Zustand, vor allem seit es für die größeren Städte vierspurige Umfahrungen gibt. Aber alles landeinwärts wird dann schnell abenteuerlich. Und so wundert es nicht, dass man viele kurze Auflieger oder Vierachser ohne Anhänger sieht. An der Südküste gibt es einige Landstriche, in denen Obst und Gemüse in Gewächshäusern aus Folie gezogen werden.

Hier dröhnt im Winter die Luft vom Geratter der Kühlmaschinen, im Sommer dann wirken die gleichen Gewerbegebiete wie ausgestorben. Weitere Hauptexportartikel von Kreta sind Olivenöl und Weintrauben, Letztere entweder verflüssigt oder als Rosinen. Der malerische Anbau von Zitrusfrüchten ist von seinen Mengen her eher unbedeutend. Ziemlich veraltet ist der kretische Fahrzeugbestand. Im Nutzfahrzeugbereich sind alle Marken und Modelle vergangener Jahrzehnte zu entdecken, während die neuesten Generationen praktisch nicht vertreten sind. Euro 6 ist hier noch lange Zukunftsmusik. Für die Transporteure ist das doppelt hart, denn die älteren Motoren haben auf den kurvigen und steilen Straßen deutlich mehr Dieseldurst als ihre modernen Verwandten. Und ein Liter dieses Brennstoffs kostet auf Kreta 15 bis 20 Cent mehr als in Deutschland. Aber alles ist eine Frage des Blickwinkels, die meisten Fahrer in Kreta sind froh, einen soliden Job zu haben.

Unvorsichtige Fahrer auf Kreta

Selbst wenn ihre Maschine Kilometermillionär ist, beklagen sie sich meist nicht. Und ein alter, aber bezahlter Lastwagen bringt seinen Besitzer auch nicht gleich zur Verzweiflung, wenn mal weniger zu tun ist. Bei unserem Besuch im Januar gab es so ein unerwartetes Problem für den kretischen Straßentransport: Der erste Wintereinbruch mit Schnee machte das Straßennetz selbst auf Meereshöhe für ein bis zwei Tage unbefahrbar. Und wenn die Gefahr nicht von außen kommt, sorgen die Fahrzeuglenker selbst dafür: Trotz theoretisch saftiger Strafen halten sich die Kreter scheinbar ständig das Mobiltelefon ans Ohr, überholen trotz strengem Verbot und Gegenverkehr, ignorieren Stoppschilder und selbst an einer grünen Ampel sollte unerwarteter Querverkehr nie ausgeschlossen werden.

Die Polizei ist zwar mit permanentem Blaulicht präsent, bleibt am Geschehen aber merkwürdig unbeteiligt. Die wildere Fahrt auf der Hauptstrecke ist die nach Osten, in Richtung Sitia, wo die Ausläufer eines beträchtlichen Gebirges zu überqueren sind. Die höchsten Gipfel Kretas sind immerhin fast 2.500 Meter hoch. Permanent ist hier die Gefahr von Steinschlägen und Erdrutschen. Östlich von Sitia wirkt die Landschaft mit ihren vielen Palmen ziemlich orientalisch – kein Wunder, ins afrikanische Land Libyen sind es von hier nur noch rund 300 Kilometer. Verlässt man Heraklion dagegen Richtung Westen, geht es auch gleich durch ein Mittelgebirge mit kräftigen Steigungen und Gefällen. "Lärmarm" ist hier ebenso kein Kriterium für Lastwagen, deutlich hörbar sind einige schon, bevor sie um die Kurve kommen. Jetzt im Winter sind die Fernstraßen schön leer, von April bis Oktober sieht das anders aus. Dann wird die Insel von jährlich über zwei Millionen Touristen geflutet, und auf den Straßen geht es ziemlich wild zu.

Deutsche Lastwagen sind eine Rarität

Die Küstenstraße ist niemals langweilig, an ihr liegen auch die für kretische Verhältnisse größeren Städte Rethymno und Chania. Deutsche Lastwagen sind fast eine Rarität, aber im Hafen von Chania treffen wir Fritz Nicolas, der Schiffszubehör aus Deutschland geliefert hat. Jetzt steht ihm eine lange Heimreise bevor: Erst neun Stunden mit dem Schiff nach Piräus, von dort kurze Fahrt ein Stück westwärts nach Patras, von da aus noch mal 15 Stunden Fähre bis Bari und dann die gesamte Adriaküste heimwärts. Fast die weiteste Entfernung von Heraklion ist die schöne Kleinstadt Kissamos im Nordwesten. Wenn man Kreta außerhalb der Touristensaison besucht, haben die Insulaner mehr Zeit und Muße für eine großartige Tugend, ihre Gastfreundschaft.

Der schlichte Bauernsalat in den kleinen Tavernen ist schon köstlich, erst recht die vielerlei Grillgerichte und Beilagen dazu. Oft werden einem Menü noch raffinierte Nachspeisen ungebeten hinterhergeschoben. Und selbst der einfache heimische Tafelwein schmeckt zum Essen herrlich. Die kretischen Fahrer haben ein anderes, aber nicht zwingend ein schlechteres Leben, auf der Insel tief im Süden.

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Dieser Artikel stammt aus Heft FERNFAHRER 03/2017.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

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Datum

13. Februar 2017
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