30 Jahre Polizeiarbeit Zoom

30 Jahre Polizeiarbeit: Tangermann erzählt

Die Arbeit der Autobahnpolizei hat sich verändert. Sie kontrolliert zwar weiterhin den Schwerverkehr, setzt aber verstärkt auf Prävention.

Wasser marsch! Es kommt eher selten vor, dass die Autobahnpolizei höchstselbst anordnet, das C-Rohr der Feuerwehr auf Schaulustige zu richten. Im Sommer 1988, wenige Hundert Meter vor der Rodenkirchener Brücke auf der A  4 bei Köln, sah Autobahnpolizist Michael Tangermann jedoch keine andere Chance, um Mundraub zu verhindern. Ein Kühlzug eines Fruchthandelsunternehmens vom Kölner Großmarkt war spektakulär verunglückt. "Der Fahrer kam mit Äpfeln aus Tirol", erinnert sich der heute 56-jährige Polizeihauptkommissar, "kurz vor dem Ziel ist ein Reifen geplatzt, aber der Fahrer hat es irgendwie geschafft, noch abzuspringen, bevor sich der Lkw komplett zerlegt hat. Ein echter Haudegen seiner Zeit. Er war nonstop leer nach Österreich gefahren und kam beladen wieder zurück. Die Scheiben konnte er nicht mehr verschwinden lassen. Aber er hat, wie wir später herausgefunden haben, nicht auf den korrekten Luftdruck geachtet. Dumm gelaufen. Und als die vielen Schaulustigen irgendwann anfingen, die Äpfel auf der Fahrbahn einzusammeln, musste ich handeln." Also durfte die Kölner Feuerwehr dem Apfelklau Einhalt gebieten.

Unzählige Anekdoten zu erzählen

Es sind unzählige Anekdoten, die Tangermann erzählt, sie könnten ein ganzes Heft alleine füllen: Geschichten von den holländischen Blumenfahrern, die er pünktlich jeden Freitag auf die Raststätte Siegburg lotste. Das Bargeld für die Geschwindigkeitsüberschreitung hatten die rasenden Holländer immer schon bereitliegen. Oder Geschichten von den irrsinnigen Transporter-Fahrern, die mit der Nachtausgabe der FAZ die Flieger in Paris erreichen mussten und bei Frechen mit 160 Stundenkilometern selber abhoben. Und vom Sattelzug, der auf der A  3 komplett im Graben landete, weil sich eine tonnenschwere Stahlplatte verschoben hatte. "Mit der Einführung des Curtainsiders Anfang der 90er-Jahre fing das ganze Dilemma der schlechten Ladungssicherung an. Im Kreuz Köln-West luden die Lkw für die Ford-Werke regelmäßig ihre Gitterboxen ab." Das Thema Geschwindigkeit erweist sich dank Einführung der Begrenzer mittlerweile als sekundär, aber eines hat sich in den letzten 30 Jahren offenbar immer noch nicht geändert – die schlampige Abfahrtskontrolle. "Nach wie vor passieren viele Lkw-Unfälle, weil der Reifendruck nicht korrekt ist."

Eines Tages stand der Einstellungsberater vor der Tür

Als eines Tages der Einstellungsberater bei dem gebürtigen Westerwälder mit dem schönen Spitznamen "Tango" vor der Tür stand, hatte Tangermann keinen großen Plan für seine berufliche Zukunft. Warum also nicht zur Polizei? 1979 begann er seine Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei in Brühl und kam 1983 zur Autobahnpolizei an der A  3 bei Köln-Dellbrück. Fortan patrouillierte er mit einem Porsche 924 über den Kölner Autobahnring und kontrollierte regelmäßig Lkw-Fahrer. "Das Verhältnis zu den Fahrern war oft entspannter als heute, natürlich wurde in der Sache korrekt kontrolliert, aber es wurde viel geflachst. Und es gab immer clevere Fahrer, die im sportlichen Zwiegespräch genau ausloteten, wie weit sie gehen konnten, wenn sie irgendetwas zu verbergen hatten. Oder die um jede Tachoscheibe pokerten, bis wir doch herausgefunden haben, dass die entscheidende Aufzeichnung fehlt. Und dennoch war unser menschlicher Ermessenspielraum viel größer, als es heute mit dem digitalen Tacho möglich ist. Ich habe am Freitagabend nie einen Fahrer festgehalten, dessen Lenkzeit abgelaufen war,  der aber nur noch eine halbe Stunde bis nach Hause hatte."

Polizei sieht den Druck, unter dem die Fahrer stehen

In den 1980er-Jahren patrouillierte die Polizei weitgehend alleine, das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) war noch lange nicht so präsent. "Die Fahrer stehen heute deutlich mehr unter Druck als früher. Sie sind auf Grund fehlender Parkplätze gezwungen, im Bereich der Raststätten in den Einfahrten stehen zu bleiben oder sogar auf dem Standstreifen, wenn die Lenkzeit abgelaufen ist." Was Tangermann richtig ärgert: "Es gibt immer noch viel zu viele Fahrer, die gegen die Lenk- und Ruhezeiten verstoßen müssen und sich in ihrer Not selbst anzeigen. In solchen Fällen wäre eine generelle Straffreiheit für die Fahrer wirklich hilfreich, damit sich das Amt für Arbeitsschutz die Betriebe vornehmen kann."

Nicht ganz Freund, aber immerhin Helfer

Über die Jahre hat die Autobahnpolizei Köln ihre Taktik geändert. Seit 1999 ist Tangermann im Rahmen der sogenannten Ordnungspartnerschaft Verkehrssicherheitsberater. Nicht ganz Freund, aber immerhin Helfer. Prävention hat deutlich mehr Gewicht bekommen. Er besucht zusammen mit dem Kollegen Tom Fiala Transportunternehmen, bespricht mit den Fahrern die Lenk- und Ruhezeiten. Er diskutiert mit den BKF-Azubis der Berufsschule Simmerath und richtet jedes Jahr auf dem SVG-Autohof Eifeltor die Ladungssicherheitstage mit aus. Heute sieht sich Tangermann, der nur noch gelegentlich bei Großkontrollen mit dabei ist, mehr als Moderator. Im Gegensatz zum Landestrend  ist die Zahl der Lkw-Unfälle leicht gesunken. Seit 2000 veranstaltet die Autobahnpolizei Köln in der Raststätte Aachener Land Süd den Fernfahrerstammtisch. Aktuelle Themen aus der Branche werden dort unter Leitung von Fiala und Tangermann jeden ersten Mittwoch im Monat besprochen. Im Juni findet das lockere Gespräch zwischen Fahrern und Fahndern bereits zum 150. Mal statt. "Darauf sind wir mächtig stolz."

Autor

Foto

© Jan Bergrath, Autobahnpolizei Köln; Montage: Grobosch

Datum

2. Juli 2013
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