Die EU-Kommission spart nicht mit Adjektiven: Historisch, ehrgeizig und wirtschaftlich bedeutend sei das jetzt abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien. In Zeiten von wirtschaftlichen Herausforderungen und geopolitischen Spannungen sieht die deutsche Wirtschaft – darunter auch die Logistik – Chancen für sich.
EU und Indien schaffen eine der größten Freihandelszonen
Laut der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen entstehe durch die Zusammenarbeit eine Freihandelszone mit zwei Milliarden Menschen, von der beide Seiten wirtschaftlich profitieren werden. Beide Seiten tauschen demnach bereits Waren und Dienstleistungen im Wert von über 180 Milliarden Euro pro Jahr aus. Mit dem Abkommen sollen die EU-Warenausfuhren nach Indien bis 2032 verdoppelt werden, indem die Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Warenausfuhren nach Indien abgeschafft oder gesenkt werden.
Automotive, Maschinenbau und Chemie profitieren besonders
Laut der Kommission wird Indien der EU Zollsenkungen gewähren, die kein anderen Handelspartner erhalten hat. So werden beispielsweise die Zölle auf Autos schrittweise von 110 Prozent auf bis zu 10 Prozent gesenkt, die für Autoteile sollen in fünf bis zehn Jahren vollständig abgeschafft werden. Zölle von bis zu 44 Prozent auf Maschinen, 22 Prozent auf Chemikalien und 11 Prozent auf Arzneimittel werden ebenfalls weitgehend abgeschafft. Durch das Abkommen werden laut Kommission auch die oft prohibitiven Zölle (im Durchschnitt über 36 Prozent) auf EU-Ausfuhren von Agrar- und Ernährungsgütern abgeschafft oder gesenkt. Für Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), ist das Abkommen ein wichtiger Schritt "für beide Regionen und insbesondere für das Exportland Deutschland sowie die Unternehmen der deutschen Automobilindustrie".
VDA: Zukunftsmarkt Indien
Indien sei für die deutsche Automobilindustrie ein zentraler Partner, ein wichtiger Produktionsstandort und wichtiger Zukunftsmarkt, nicht zuletzt, weil der drittgrößte Pkw-Einzelmarkt der Welt enormes Potenzial biete. Demnach wurden im Jahr 2025 auf dem indischen Pkw-Markt rund 4,5 Millionen Pkw verkauft, 2026 werde ein weiteres Wachstum von 4 Prozent erwartet. Gleichzeitig wuchs 2025 der indische Markt für schwere Nutzfahrzeuge über sechs Tonnen um acht 8 Prozent. "Es gibt Ziele der indischen Regierung, den Anteil der elektrischen Fahrzeuge bis 2030 für Pkw auf 30 Prozent, für Lkw und Busse auf 70 Prozent zu steigern. Auch dadurch ergeben sich Chancen für die deutschen Hersteller", so der VDA.
Logistikdienstleister sehen steigenden Bedarf an Transportlösungen
Auch Tobias Bartz, CEO und Vorstandssprecher der Rhenus Gruppe, lobt die geplante Vereinbarung: "Das EU-Indien-Freihandelsabkommen ist ein wichtiges Signal, weil es wirtschaftliche Ambition mit einem klaren Fokus auf Umsetzbarkeit verbindet. Entscheidend ist, dass solche Abkommen Planungssicherheit schaffen und in der Praxis Wirkung entfalten, denn genau darin liegt ihre strategische Bedeutung."
Rhenus hat 2.000 Mitarbeiter vor Ort
Die Rhenus Gruppe ist bereits seit Jahren in Indien tätig, an 70 Standorten arbeiten rund 2.000 Beschäftigte. Zum Leistungsportfolio gehören neben dem Straßengüterverkehr auch Luftfracht (40 Prozent Export- und 60 Prozent Importanteil) sowie Seefracht (60 Prozent Exporte ,40 Prozent Importe); außerdem Projektlogistik, Zolldienstleistungen, Warehousing sowie integrierte Supply-Chain-Lösungen. Branchenseitig betreut in Indien Rhenus nach eigenen Angaben insbesondere Kunden aus den Bereichen Automotive, Industrie und Maschinenbau, Erneuerbare Energien, Chemie und Petrochemie, Life Sciences & Healthcare sowie Konsumgüter, darunter FMCG und Elektronik.
Zentrale Rolle in globalen Lieferketten
"Als die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft spielt Indien eine zentrale Rolle in globalen Lieferketten – schon heute und mit Blick auf die kommenden Jahre noch stärker. Entscheidend ist, dass Handelsabkommen operativ anschlussfähig sind: an Infrastruktur, Transportnetzwerke und Prozesse", sagt Bartz. Gerade in Indien zeigte sich, wie wichtig dabei multimodale Ansätze sind – etwa über Häfen, Küstenverkehre und Binnenwasserstraßen. Das EU-Indien-Abkommen setzt dafür einen wichtigen Rahmen. "Jetzt geht es darum, dieses politische Framework zu nutzen, entschlossen zu investieren und Wachstum in Indien und global voranzutreiben – für uns als Rhenus ist Indien schon lange ein wichtiger Wachstumsmarkt und strategischer Fokus."
Auch mittelständische Logistikunternehmen bauen Indiengeschäft aus
Aber nicht nur Konzerne können sich in Indien engagieren: Das Unternehmen Mader aus Ansbach zählt sich mit seinen mehr als 400 Mitarbeitern zum Mittelstand und hat vor mehr als zwei Jahren mit dem indischen See- und Luftfracht-Unternehmen Fretlog eine Kooperation geschlossen. "Seitdem übernehmen wir am Mader Logistik Standort Nürnberg als deutscher Partner die Logistik für unsere gemeinsamen Kunden, insbesondere für mehrere Tier-2- und Tier-3- Automobilzulieferer zu einem weltweit agierenden Automobilherstellers", sagt Philipp Thiele, geschäftsführender Gesellschafter der Mader Gruppe.
Seit Beginn der Zusammenarbeit mit Fretlog konzentriere Mader sich auf den Import von Fertigteilen für die Automobilindustrie aus Indien nach Deutschland. "Dabei agieren wir als Empfänger, Zwischenlager und Ansprechpartner für mehrere spezialisierte Zulieferer und dem OEM-Endkunden. Neben dem Import und dem Umschlag waschen wir bei einigen Teilen auch den transportbedingen Korrosionsschutz ab und verpacken die Teile, wenn gewünscht, auch in die benötigten Mehrwegbehälter. So tragen wir maßgeblich zur Effizienzsteigerung der gesamten Lieferkette bei." Die Zusammenarbeit mit Fretlog verlaufe erfolgreich, konstatiert auch Thieles Kollege Jürgen Behr, Prokurist der Mader Gruppe und zuständig für das New Business: "Derzeit befinden sich weitere gemeinsame Projekte in der Pipeline, und wir planen, das Indiengeschäft künftig auch am Standort Heidelberg auszubauen. Im besten Fall kann der operative Betrieb eines Teils des Neugeschäfts noch in diesem Jahr starten." Zudem entwickele sich die Kooperation zunehmend international weiter. Da Fretlog Teil des türkischen Konzerns Arcas Logistics ist, werden derzeit Gespräche über eine mögliche Ausweitung des Geschäfts in die Türkei geführt.
Produktion verlagert sich – neue Chancen im Export
Neue Chancen in Indien sehen beide: "Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verlagerung der Produktion von Deutschland nach Indien eröffnet sich für uns auch im Export von Produkten eine vielversprechende Chance. Mit dem Konzept der ‚buyer’s consolidation‘ bündeln wir kleinere Sendungen verschiedener Lieferanten aus Deutschland und Europa an einem Mader-Standort zu vollständigen Containerladungen. So senken wir die Frachtkosten unserer Kunden erheblich und steigern die Effizienz ihrer Lieferketten", erklärt Thiele. Dank der engen Zusammenarbeit mit Fretlog sei Mader in der Lage, den gesamten indischen Markt zuverlässig zu bedienen. Für Ende Februar plane die Mader Geschäftsführung gemeinsam mit den indischen Partnern etwa den Besuch der Messe transport logistics India 2026, wo Gespräche mit potenziellen Kunden geführt werden sollen. "Wir sehen dieser Reise mit großer Erwartung entgegen, da sie uns die Möglichkeit bietet, bestehende Kooperationen zu vertiefen, neue Geschäftskontakte zu knüpfen und unsere Position im indischen Markt weiter auszubauen."
Gespräche auf Augenhöhe
Was aber auch bedacht werden will, ist demnach der so genannte Cultural Fit: "Das heißt, beide Partner vertreten die gleichen Werte und verstehen ihre Märkte und Geschäfte", sagt Jürgen Behr. Der Cultural Fit zeige sich in klaren Preis-Leistungs-Verhältnissen, gelebten schnellen Reaktionszeiten und Gesprächen auf Augenhöhe. Mader stehe hier für den inhabergeführten deutschen Mittelstand, geprägt von Verlässlichkeit, Innovationskraft und partnerschaftlichem Handeln. "Damit schaffen wir die Grundlage für nachhaltige und erfolgreiche Geschäftsbeziehungen", sagt Behr, der auch die indischen Partner lobt: "Unsere indischen Kollegen sind hervorragend ausgebildet und im täglichen Austausch bestens organisiert. Bürokratische Hürden spielen keine Rolle – stattdessen sorgt die hohe Verfügbarkeit motivierter Fachkräfte dafür, dass Aufgaben schnell und zuverlässig erledigt werden."
Indien gewinnt weiter an Bedeutung für globale Lieferketten
Auch Logistikdienstleister Rhenus hebt das schnelle Tempo hervor: "Der indische Logistikmarkt ist geprägt von hoher Dynamik, struktureller Vielfalt und einem außergewöhnlich schnellen Modernisierungstempo." Das zeige sich auch umfangreichen Investitionen in Straßen- und Schienennetze, dedizierte Güterverkehrskorridore sowie der Ausbau von Hafen- und Binnenwasserstraßenkapazitäten. Zugleich wachse die Bedeutung digitaler Lösungen spürbar, auch wenn der Digitalisierungsgrad noch nicht flächendeckend mit europäischen Standards vergleichbar ist. Aber laut Rhenus ist der Markt auch sehr komplex: "Regionale Unterschiede, regulatorische Anforderungen und teils fragmentierte Strukturen verlangen ein hohes Maß an Flexibilität", und auch fundierte lokale Marktkenntnisse. Nochmals der Rhenus-CEO Tobias Bartz: "Nicht Protektionismus, sondern globale Vernetzung und gezielte Partnerschaften treiben wirtschaftliches Wachstum – und sichern langfristigen Wohlstand. Das neue Abkommen bedeutet für global agierende Unternehmen vor allem verlässlichere Rahmenbedingungen und bessere Planbarkeit entlang der Lieferketten."
Key Facts: Indien aus Sicht der DIHK
- Handelsvolumen Deutschland–Indien 2024: 31 Milliarden Euro
- Deutsche Exporte nach Indien: 17 Milliarden Euro
- Importe aus Indien: 14 Milliarden Euro
- Deutsche Direktinvestitionen in Indien (2023): 27 Milliarden Euro
- Rund 2.000 deutsche Unternehmen sind in Indien aktiv
- Wichtigste Exportgüter: Maschinen, chemische Erzeugnisse, Fahrzeuge
- Wichtigste Importgüter: Pharmazeutika, Chemieprodukte, Maschinen, Bekleidung





