Zum 100-jährigen Jubiläum der internationalen Grünen Woche sorgt eine ungewöhnliche Aktion bundesweit für Aufmerksamkeit: Gemeinsam mit der Suchmaschine Ecosia und der Berliner Morgenpost werden rund 4.000 Tonnen Kartoffeln verschenkt. Was auf den ersten Blick wie eine PR-Aktion wirkt, ist aus logistischer Sicht ein komplexes Großprojekt der Lebensmittel- und Transportlogistik – mit klaren Parallelen zu saisonalen Sonderverkehren, Food-Rescue-Konzepten und urbaner Distribution.
Massenware unter Zeitdruck: Transportlogistik im Fokus
Die zu verteilenden Kartoffeln stammen aus einer Ernte südlich von Leipzig, die aufgrund eines Preisverfalls nicht regulär vermarktet werden konnte. Statt in der Verwertung zu landen, wird die Ware innerhalb weniger Tage nach Berlin transportiert und dort dezentral verteilt. Zum Einsatz kommen klassische 25-Tonnen-Lkw, wie sie im Agrar- und Lebensmitteltransport üblich sind. Hochgerechnet bedeutet das: mehr als 150 Lkw-Fahrten, die innerhalb eines eng definierten Zeitfensters disponiert, abgewickelt und koordiniert werden müssen. Anders als bei langfristig geplanten Lieferketten erfolgt der Transport hier Ereignis-getrieben, mit hohem Zeitdruck und begrenzten Zwischenlagerkapazitäten. Für Speditionen und Logistikdienstleister ist das ein vertrautes Szenario – vergleichbar mit Ernteverkehren, Aktionsware im Handel oder der Versorgung von Großveranstaltungen.
Von der Rampe in die Stadt: Herausforderung letzte Meile
Besonders anspruchsvoll ist die Distribution in der Hauptstadt. Die Kartoffeln werden nicht an wenige Großkunden geliefert, sondern an hunderte dezentrale Abnahmestellen: Schulen, Kitas, soziale Einrichtungen, Kirchengemeinden und Vereine. Viele davon übernehmen jeweils rund eine Tonne Ware. Voraussetzung für die Belieferung ist eine Lkw-taugliche Zufahrt, Zeitfensterkoordination und teilweise die Zusammenarbeit mit bestehenden Netzwerken wie der Berliner Tafel. Hier zeigt sich exemplarisch, wie wichtig funktionierende urbane Logistikkonzepte sind – gerade bei sperriger, unverpackter Massenware. Die Aktion verdeutlicht damit ein strukturelles Thema der Branche:Während die Fernverkehre vergleichsweise standardisiert ablaufen, entscheidet die letzte Meile über Effizienz, Kosten und Durchführbarkeit.
Food-Rescue statt Entsorgung: Logistik als Schlüsselrolle
Aus logistischer Perspektive ist das Projekt auch ein Beispiel für Ressourcenlogistik: Überschussware wird nicht entsorgt, sondern durch schnelle Transport- und Verteilprozesse einer sinnvollen Nutzung zugeführt. Solche Modelle gewinnen an Bedeutung – nicht nur im Lebensmittelbereich, sondern auch in Industrie und Handel.
Für Logistikunternehmen entstehen daraus neue Anforderungen:
- flexible Disposition statt langfristiger Linienverkehre
- temporäre Lager- und Umschlaglösungen
- hohe Abstimmung mit öffentlichen und sozialen Akteuren
- transparente Kommunikation entlang der Lieferkette
Die Aktion zeigt, dass Logistik nicht nur Kostenfaktor, sondern ermöglichende Infrastruktur für gesellschaftliche und wirtschaftliche Ziele ist.
Ein Praxisbeispiel für Sonderlogistik
Für die Transport- und Logistikbranche ist die Kartoffelaktion zur Grünen Woche kein Kuriosum, sondern ein realer Anwendungsfall für:
- kurzfristige Massenverkehre
- urbane Verteilkonzepte
- saisonale Spitzenlasten
- Cross-Sector-Kooperationen zwischen Wirtschaft, NGOs und Medien
Sie macht sichtbar, was im Alltag oft im Hintergrund bleibt: Ohne funktionierende Transportketten lassen sich selbst gut gemeinte Initiativen nicht umsetzen.
Fazit: Logistik als stiller Taktgeber
Ob Agrarprodukte, Aktionsware oder Hilfsgüter, die Aktion rund um die Grüne Woche zeigt eindrücklich, dass Transport und Logistik der entscheidende Hebel sind, um große Volumina unter Zeitdruck dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Für die Branche ist das weniger eine PR-Geschichte als ein Lehrstück über operative Realität: Planung, Kapazität, Infrastruktur und letzte Meile entscheiden über Erfolg oder Scheitern.






