Europa startet mit scheinbar stabilen Transportmärkten in das Jahr 2026 – doch unter der Oberfläche wächst der strukturelle Druck. Das ist die zentrale Einschätzung von Roel Steigerwald, Vice President of Europe Global Forwarding des 3PL C.H. Robinson. Steigende Kosten, verschobene Warenströme und neue regulatorische Anforderungen würden Luft-, See- und Straßentransport in Europa weiter prägen. Deutschland spiele dabei als logistischer Knotenpunkt eine Schlüsselrolle – und müsse Transparenz, Flexibilität und Digitalisierung stärker priorisieren.
Luftfracht: Asien-Nachfrage bleibt hoch und Verlader setzen auf Multimodalität
In der Luftfracht sieht C.H. Robinson weiterhin eine starke Nachfrage aus Asien, unter anderem getrieben durch E-Commerce und eine veränderte Kapazitätsverteilung der Airlines. Der Markt sei dennoch relativ ausgeglichen, weil Fluggesellschaften Kapazitäten auf europäische Korridore umgelenkt hätten. Gleichzeitig beeinflussen regulatorische Anpassungen in Europa den Transport von Waren mit niedrigem Wert – Verlader reagierten darauf zunehmend mit flexiblen multimodalen Strategien.
Seefracht: Stabil, aber Suez-Routen könnten die Preisbalance verändern
Auch die Seefracht wirkt auf den ersten Blick stabil. Doch laut Steigerwald könnten sich die Marktbedingungen schnell drehen, falls sich die Routen durch den Suezkanal normalisieren: Dann käme zusätzliche Kapazität in den Markt, was Preisdruck nach unten auslösen könnte. Reedereien müssten in diesem Fall ihre Flotten- oder Leerlaufstrategien anpassen, um die Balance zu halten.
Straßentransport: Kostenwelle trifft Deutschland – Margendruck nimmt zu
Den größten Umbruch erwartet C.H. Robinson im Straßengüterverkehr, insbesondere in Deutschland. Höhere Arbeits-, Kraftstoff-, Versicherungs- und Mautkosten veränderten die Kalkulationen, während der Wettbewerb zugleich die Möglichkeit begrenze, Mehrkosten an Kunden weiterzugeben. Die Folge: Margendruck in der Branche. Einige Unternehmen würden bereits Lkw stilllegen oder sich ganz aus dem Markt zurückziehen.
Hinzu kommen strukturelle Ungleichgewichte im Warenfluss, etwa Ost/West, Nord/Süd sowie Großbritannien/EU, die die Netzwerkplanung erschweren. Trotz anhaltendem Fahrermangel sei die Gesamtkapazität derzeit noch ausreichend, um die Preise vergleichsweise niedrig zu halten. Das erzeugt laut C.H. Robinson eine anhaltende Spannung zwischen Kostendruck und Preisniveau.
Lieferketten werden diverser: ETS erhöht Komplexität und Kosten
Parallel diversifizieren Unternehmen ihre Lieferketten stärker: Statt Abhängigkeiten von einzelnen Regionen aufzubauen, entstünden mehrstufige Lieferantennetzwerke in Südostasien, Indien sowie Nearshore-Regionen. Zusätzliche Komplexität bringt nach Einschätzung des Unternehmens die Ausweitung des EU-Emissionshandelssystems (ETS): Transportunternehmen, die EU- und EWR-Häfen anlaufen, müssten 100 Prozent ihrer Treibhausgasemissionen überwachen und überprüfen. Das wirke sich auf Kostenstrukturen und Routenentscheidungen aus.
Geopolitik: Ukraine-Wiederaufbau könnte Logistiknachfrage verschieben
Geopolitische Unsicherheiten, etwa der Krieg in der Ukraine und Konflikte im Nahen Osten, hätten die wichtigsten europäischen Handelsströme bislang nicht „ernsthaft gestört“, so die Einschätzung. In den kommenden Jahren könnten jedoch Wiederaufbauprogramme und neue Wirtschaftskorridore zu einer Verschiebung der Nachfrage führen. Der Wiederaufbau der Ukraine könnte langfristig Bedarf an Materialien, Maschinen und maritimer Projektlogistik erzeugen. Zudem entstünden neue Korridore zwischen Indien, Nahost und Europa, die alternative Beschaffungs- und Routingoptionen eröffnen.
Digitalisierung: Echtzeit-Transparenz und KI werden zur Pflicht
Als entscheidenden Hebel für 2026 bezeichnet C.H. Robinson die digitale Transformation in Logistiknetzwerken. Verlader, die Echtzeit-Transparenz, Automatisierung und KI-gestützte Planung integrieren, etwa über Tools wie den „Always-On Logistics Planner“, reduzierten manuelle Arbeit, verbesserten Entscheidungen und erhielten mehr Kontrolle über Beschaffungszyklen. In einem Kosten-getriebenen, unvorhersehbaren Umfeld werde Technologie „eher zur Notwendigkeit als zur Option“.
Vier Prioritäten für 2026
C.H. Robinson leitet daraus vier Handlungsfelder für Verlader in Europa ab:- Modale Flexibilität, um je nach Marktlage zwischen Luft-, See- und Straßentransport zu wechseln.
- Diversifizierte Beschaffung, um Risiken regionaler Störungen zu reduzieren.
- Technologieeinführung, um Prozesse zu beschleunigen und Gesamtkosten zu senken.
- Risikokartierung, um geopolitische, klimatische oder infrastrukturelle Risiken zu managen.
In Kürze: die Key Facts
- Sprecher: Roel Steigerwald, Vice President Europe Global Forwarding (C.H. Robinson)
- Zeitraum: Ausblick auf 2026
- Region: Europa; Fokus: Deutschland als logistischer Knotenpunkt
- Kernaussage: Märkte wirken stabil, aber struktureller Druck durch Kosten, Handelsmuster und Regulierung nimmt zu
- Luftfracht: Hohe Nachfrage aus Asien; Airlines verlagern Kapazitäten auf Europa-Korridore; mehr multimodale Strategien
- Seefracht: Stabil; Normalisierung am Suezkanal könnte Kapazität erhöhen und Preise unter Druck setzen
- Straßengüterverkehr (DE): Steigende Arbeits-, Kraftstoff-, Versicherungs- und Mautkosten; Margendruck; vereinzelt Stilllegungen/Marktaustritte
- Strukturelle Ungleichgewichte: Ost/West, Nord/Süd sowie UK/EU erschweren Netzwerkplanung
- Lieferketten-Trend: Diversifizierung (Südostasien, Indien, Nearshore-Regionen)
- Regulierung: EU-ETS-Ausweitung erhöht Monitoring-/Verifizierungspflichten und beeinflusst Kosten & Routen
- Geopolitik: Ukraine-Wiederaufbau könnte langfristig Nachfrage (Materialien, Maschinen, Projektlogistik) erzeugen; Korridor Indien–Nahost–Europa gewinnt an Bedeutung
- Digitalisierung: Echtzeit-Transparenz, Automatisierung und KI-Planung (z. B. „Always-On Logistics Planner“) werden zum Wettbewerbsfaktor
- Prioritäten 2026: modale Flexibilität; diversifizierte Beschaffung; Technologieeinführung; umfassende Risikokartierung






