Transcoop09-Kongress in Neu-Ulm

Transcoop09-Kongress in Neu-Ulm
Lösungsansätze für E-Lkw und Infrastruktur

Der Transcoop09-Kongress in Neu-Ulm zeigt den aktuellen Stand in der Elektromobilität. Wie lassen sich E-Lkw-Flotten effizient betreiben?

Transcoop09-Vorstand Josef Perisa
Foto: Franziska Nieß

Der Kongress der Speditionskooperation Transcoop09 hat sich in diesem Jahr zwei der drängendsten Themen der Logistikbranche gewidmet: Elektromobilität und Künstliche Intelligenz (KI). „Transportbranche unter Strom“, lautete der Titel der Veranstaltung, die in der Oldtimerfabrik Classic in Neu-Ulm stattfand. „Viele Transportunternehmer stehen unter Strom, weil sie eine neue Infrastruktur aufbauen müssen“, sagte Transcoop09-Vorstand Josef Perisa zur Begrüßung (siehe Interview). Und zum Thema KI: „Eine maßgeschneiderte Lösung, die mit uns lebt und sich ständig weiterentwickelt, ist alternativlos.“

Die Stromrechnung drücken

Das Freiburger Unternehmen NovaSES bietet Energiesysteme für Industrie und Gewerbe – und hilft Logistikdienstleistern wie Ralf Reyser Transporte & Logistik aus Remshalden bei einem ganzheitlichen Energiekonzept für Elektromobilität. Im Februar 2025 startete die Umsetzung, nach einem halben Jahr war die Photovoltaikanlage modernisiert, sowie drei Ladesäulen, eine Trafostation, Batteriespeicher und Schaltschrank installiert.

Bei der Stromrechnung gibt es laut Johannes Dörflinger, Geschäftsführer bei NovaSES, „Gestaltungsfreiheit“. Er zeigte den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern anhand einer Beispielrechnung, wie sich die Stromrechnung mittels Lastenverschiebung drücken lässt.

Effizienz als Leitmotiv der Elektromobilität

Das Thema Effizienz stand auch in den Vorträgen von Michael Hubschneider, Senior Product Manager bei PTV Logistics aus Karlsruhe, und Dr. Martin Ufert, Strategie- und Transferbeauftragter beim Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI mit Sitz in Dresden, im Mittelpunkt. Hubschneider skizzierte eine neue Situation, die sich durch den Einsatz von E-Lkw ergebe. Hersteller, Anbieter von Ladeinfrastruktur und Logistiker müssten nun zusammenarbeiten. Er stehe mit PTV Logistics auf der Seite der Logistik. „Wie schaffen wir es, E-Lkw richtig zu betreiben?“, laute dabei die maßgebliche Fragestellung.

Einsatz von 450 bis 470 Elektro-Lkw simulieren

PTV Logistics hat daher den PTV EV Truck Route Planner entwickelt, der 2024 mit dem Eco Performance Award ausgezeichnet wurde. Das Tool kann laut Hubschneider den Einsatz von 450 bis 470 Elektro-Lkw simulieren und daraus wichtige Erkenntnisse ziehen. Die Nutzer können ein konkretes Fahrzeugmodell inklusive Batterievariante auswählen, die Strecke einstellen und zum Beispiel noch einen Megatrailer ankoppeln. Das Planungstool zeigt nun unter anderem die verbleibende Batteriekapazität am Ende der Tour. Der Vorgang ist für viele Szenarien, zum Beispiel mit abweichender Route, verschiedenen Jahreszeiten und für ganze Flotten möglich.

Kostenfallen beim Laden erkennen und vermeiden

Die Lösung von PTV Logistics simuliert den Einsatz von E-Lkw, das Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme IVI analysiert die Realität. Die Fahrzeuge liefern eine Datenbasis, aus der sich konkrete Empfehlungen ableiten lassen. Eine Erkenntnis: Zu viele externe Nachladungen erhöhen den Strompreis enorm. „Diese Kostenfallen liegen auf vielen Touren der Fahrer“, sagte Ufert. Die Lkw-Fahrer müssten dafür sensibilisiert werden. Andererseits stehen laut Ufert viele Fahrzeuge mit vollgeladener Batterie zu lange auf dem Speditionshof. Das mache die Batterie kaputt und sollte vermieden werden. Ufert riet: „Erst laden, wenn es wirklich wieder notwendig ist.“

Depotladen kompensiert teures öffentliches Laden

Weitere Erfolgsfaktoren für die Elektromobilität lieferte die gleichnamige Podiumsdiskussion, moderiert von Matthias Rathmann. Andreas Diez, Geschäftsführer der Spedition Diez aus Dettingen/Teck, geht mit fünf Mercedes-Benz eActros und eigenem Ladepark den „optimalen Weg“. Vom Depotladen ist auch André Wessels, Geschäftsführer bei Wessels Logistik (Rhede), überzeugt. Damit könne das teure öffentliche Laden kompensiert werden.

Ein weiterer Knackpunkt ist laut Wessels die Achse der Elektro-Lkw, sie sei zu schwer. „Wir haben daher Leicht-Auflieger gekauft. Wir wollen aber nicht den gesamten Trailerpark austauschen, um Elektromobilität möglich zu machen“, sagte Wessels. Die Spedition Diez setzt laut Andreas Diez seit rund zehn Jahren auf leichte Auflieger. „Man muss ein bisschen um die Ecke denken, dann funktioniert’s“, sagte Diez.

Freie Ladestationen könnten Mangelware sein

Die Remondis-Gruppe setzt bereits seit rund sieben Jahren auf Elektromobilität. „2019 sind wir noch ausgelacht worden“, sagte Sascha Hähnke, Geschäftsführer bei dem Entsorgungsunternehmen Remondis Sustainable Services aus Lünen. Obwohl die Elektro-Lkw überzeugen, nannte Hähnke auch einen kritischen Punkt: Freie Ladestationen könnten künftig Mangelware sein. „Es werden Märchen suggeriert“, so Hähnke. Darum sei Remondis „vollkommen technologieoffen“ und setzt auch auf HVO 100, Bio-CNG und Wasserstoff.

Kooperation als Schlüssel für den Ausbau

Für die Ladeinfrastruktur sprachen in der Diskussionsrunde Sascha Strähle, Manager Semi Public Charging bei Daimler Truck, und Dr. Carl Phillip Tüllmann-de Lima, Head of Commercial Vehicle and Fleet Charging bei GP Joule Connect. „Wir wünschen uns mutige Spediteure, die anderen ihre Ladeinfrastruktur zur Verfügung stellen“, sagte Strähle. Der Lkw-Hersteller ist darauf angewiesen. Denn unter der Marke TruckCharge bietet Daimler Truck ein halböffentliches Ladenetzwerk an. Die Spedition Diez und Wessels Logistik zählen zu den Pilotkunden.

„Wir begrüßen gerade viele Neulinge als Kunden“, sagte Tüllmann-de Lima von GP Joule. Bei Pionieren wie Logistik Schmitt und Remondis laufe es, nun müssten neue Kunden wieder bei null abgeholt werden. Zudem stelle sich die Frage nach günstigeren Strompreisen. „Wir öffnen momentan vielen Stadtwerken die Augen, was Logistikparks mit Ladeleistung angeht“, so Tüllmann-de Lima. Dort sei viel Potenzial vorhanden. Die Zusammenarbeit sollte konstruktiver werden – nicht destruktiver.

3 Fragen an Transcoop09-Vorstand Josef Perisa

Eurotransport.de: Herr Perisa,was sind aktuell die Herausforderungen und Trends, die die Mitgliedsunternehmen von Transcoop09 beschäftigen?

Josef Perisa: Das sind die explodierenden Dieselpreise sowie die Herausforderungen in Zusammenhang mit der Antriebswende und beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Angesichts der geringen Spielräume vieler Unternehmen ist eine vollständige Weitergabe der gestiegenen Kraftstoffpreise unerlässlich. Doch selbst bei monatlichen Floatern erfolgt die Regulierung deutlich später, sodass unsere Unternehmen in Vorleistung treten müssen und hohen Liquiditätsrisiken ausgesetzt sind.

Wie viele Mitgliedsunternehmen haben schon Lkw mit alternativen Antrieben im Fuhrpark?

Nicht alle Mitgliedsunternehmen verfügen über eigene Fuhrparks. Mindestens eine Handvoll hat schon umfangreiche Erfahrungen gesammelt. Zu nennen sind zum Beispiel die Spedition Diez oder Wessels Logistik, die mit ihren Ladeparks ja auch Pilotstandorte des halböffentlichen Ladenetzwerks von Daimler Truck sind. Auch Häberle Logistik und die Denkinger Spedition zählen zu den E-Pionieren in unserem Netzwerk.

Was wird 2026 das Highlight in der Kooperation?

Ein Highlight ist sicherlich der Bezug unserer neuen Immobilie in Senden. Der Umzug von Neu-Ulm nach Senden fand bereits im vergangenen Jahr statt. Doch in diesem Jahr möchten wir nach und nach die Möglichkeiten und Potenziale nutzen, die die neue Immobilie bietet – beispielsweise eine Lagerhalle mit 3.000 Quadratmetern Logistikfläche, die über Kranbahnen verfügt und für Schwer- und Langgut geeignet ist.