Strombedarf höher als Stahl und Chemie: Logistik wird Großverbraucher

Strombedarf höher als Stahl und Chemie
Logistik wird Großverbraucher

Eine Studie der RWTH Aachen im Auftrag des DSLV zeigt: Bis 2045 wird die Logistikbranche zum größten Stromverbraucher der deutschen Wirtschaft. Netzkapazitäten, Strompreise und Ladeinfrastruktur werden damit zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.

Ladesäule Ladeinfrastruktur Lkw E-Lkw 2024 Aral
Foto: Julian Hoffmann

Strombedarf steigt auf 186 Terawattstunden

Die Dekarbonisierung von Transport und Logistik wird den Strombedarf der Branche massiv erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Whitepaper des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) der RWTH Aachen, das im Auftrag des Bundesverbands Spedition und Logistik (DSLV) erstellt wurde.

Demnach steigt der jährliche Strombedarf des Logistiksektors bis 2045 auf 186 Terawattstunden (TWh). Damit würde die Branche mehr elektrische Energie benötigen als die deutsche Stahl- und Chemieindustrie zusammen.

„Die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten ist ein wesentlicher Baustein für die Dekarbonisierung des Güterverkehrs. Gleichzeitig erreicht der Strombedarf bis 2045 etwa das Achtfache des heutigen Niveaus“, sagt Institutsleiter Prof. Dr. Lutz Eckstein.

Straßengüterverkehr wird größter Verbraucher

Den größten Anteil am künftigen Energiebedarf hat der Straßengüterverkehr. Nach dem Basisszenario der Studie entfallen 2045 rund 155,8 TWh beziehungsweise knapp 84 Prozent des Gesamtbedarfs auf Lkw-Verkehre.

Grundlage der Berechnung ist die Annahme, dass ab 2040 rund 90 Prozent aller neu zugelassenen Lkw lokal emissionsfrei unterwegs sein werden.

Weitere 22,3 TWh entfallen auf Logistikimmobilien wie Distributionszentren, Fulfillment-Center, Cross-Docks, Kühlhäuser und Lagerstandorte. Der Schienengüterverkehr benötigt zusätzlich 7,8 TWh.

Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des DSLV Bundesverband Spedition und Logistik, resümiert:

"Die Ergebnisse der RWTH-Studie machen den politischen Handlungsbedarf unübersehbar", sagt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des DSLV. "Der Logistiksektor wird immer stromintensiver. Die Transformation des Güterverkehrs ist nicht nur eine verkehrspolitische, sondern in erster Linie eine energiewirtschaftliche Herausforderung. Ohne den Ausbau der Stromerzeugungskapazitäten, leistungsfähige Netze, wettbewerbsfähige Strompreise und planbare Investitionsbedingungen wird die Energie- und Antriebswende nicht gelingen. Der Logistiksektor muss in der Energiepolitik gleichrangig zu industriellen Großverbrauchern behandelt werden."

Logistik konkurriert mit Industrie um Energie

Bereits im Jahr 2035 wird die Logistik laut Studie 109,6 TWh Strom benötigen. Damit läge der Bedarf deutlich über dem der Stahlindustrie und rund 60 Prozent über dem Niveau der Chemieindustrie.

Die Wissenschaftler sehen deshalb einen zunehmenden Wettbewerb um Netzkapazitäten und bezahlbare Energie. Insgesamt könnte der Logistiksektor im Jahr 2045 rund 14 Prozent des deutschen Stromverbrauchs auf sich vereinen.

Lastspitzen werden zur Herausforderung

Neben dem steigenden Energiebedarf rücken auch die Leistungsspitzen in den Fokus: Wenn E-Lkw-Flotten in den Abendstunden gleichzeitig laden, Logistikgebäude hohe Lasten aufweisen und zusätzlich Bahnstrom benötigt wird, könnten laut Studie Spitzenlasten von mehr als 57 Gigawatt entstehen. Das entspricht rund 70 Prozent der heutigen deutschen Systemspitze.

Photovoltaik allein reicht nicht aus

Viele Logistikunternehmen investieren bereits in Photovoltaikanlagen auf Lager- und Hallendächern. Das Potenzial bleibt jedoch begrenzt.

Bis 2045 könnte die installierte PV-Leistung auf Logistikimmobilien auf 22,6 Gigawatt Peak steigen und jährlich rund 20,5 TWh Strom erzeugen. Dennoch sinkt der Anteil des selbst erzeugten Stroms am Gesamtbedarf von heute 24 auf künftig nur noch 11 Prozent. Der Grund: Der Energiebedarf der elektrifizierten Lkw-Flotten wächst deutlich schneller als die Eigenerzeugung.

DSLV fordert Netzausbau und günstigeren Strom

Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse fordert der DSLV eine politische Energieagenda für die Logistik.

Im Mittelpunkt stehen drei Handlungsfelder:

  • Beschleunigter Ausbau der Stromnetze auf allen Spannungsebenen
  • Wettbewerbsfähige Strompreise für Logistikunternehmen
  • Förderung von Logistikstandorten als Energie-Hubs mit Photovoltaik, Batteriespeichern und intelligentem Energiemanagement

Logistikzentren werden Energie-Hubs

Nach Ansicht des DSLV entwickeln sich moderne Logistikstandorte künftig zu integrierten Energie- und Infrastrukturknoten. Photovoltaik, Batteriespeicher und intelligente Laststeuerung könnten Lastspitzen reduzieren und die Versorgungssicherheit erhöhen. Gleichzeitig fordert der Verband den Abbau regulatorischer Hürden, damit selbst erzeugter Strom einfacher an Transportpartner und andere Nutzer weitergegeben werden kann.