Werkstätten bauen Service aus

Reifenmarkt im Umbruch durch Kostendruck
Tire Cologne zeigt neue Serviceanforderungen

Werkstätten und Reifenhändler im Nutzfahrzeugbereich stehen unter Druck. Steigende Kosten, neue Nachhaltigkeitsvorgaben und wachsende Konkurrenz verändern das Geschäft spürbar. Beim Medientreffen der Tire Cologne zeigte sich, wie stark sich der Markt wandelt. Gleichzeitig erwarten Flotten mehr Service und geringere Standzeiten. Was Werkstätten jetzt konkret verändern müssen.

Tire Cologne
Foto: Adobe Stock - Charoen

Werkstätten und Reifenhändler stehen unter Druck. Steigende Kosten, neue Vorgaben für mehr Nachhaltigkeit und wachsende Konkurrenz verändern auch das Geschäft mit Nutzfahrzeugreifen. Gleichzeitig erwarten Flottenbetreiber mehr Service und kürzere Standzeiten. Beim Medientreffen der Tire Cologne in Köln zeigte sich, welche Themen die Branche derzeit besonders beschäftigen. „Wir verkaufen nicht mehr einfach nur Quadratmeter“, sagte Ingo Riedeberger, Director der Tire Cologne bei der Koelnmesse. Die Messe verstehe sich zunehmend als Plattform, auf der Hersteller, Handel, Werkstätten und Flottenbetreiber über aktuelle Entwicklungen diskutieren.

Nutzfahrzeugreifenmarkt unter wachsendem Druck

Im KölnSky standen vor allem Servicegeschäft, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft im Mittelpunkt. Gerade im Nutzfahrzeugbereich gewinnen diese Themen an Bedeutung, weil Werkstätten effizienter arbeiten und zusätzliche Leistungen anbieten müssen. Oliver Frese, Geschäftsführer der Koelnmesse, sieht darin auch veränderte Anforderungen an Fachmessen. Sie seien heute nicht mehr nur Handelsplätze, sondern Orte, an denen sich die Branche über neue Entwicklungen austauscht und orientiert. Wie stark sich der Markt derzeit verändert, machte Stefan Helm, Vorsitzender des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV), deutlich.

Servicegeschäft und Digitalisierung verändern das Reifengeschäft

Er verwies auf steigende Preise für Rohstoffe und Transporte, Konkurrenz aus Asien sowie neue Fahrzeugkonzepte. Gleichzeitig veränderten sich Kundenverhalten und Vertriebsstrukturen. Digitalisierung und Fachkräftemangel verschärften die Situation zusätzlich. Gerade im Nutzfahrzeugbereich gewinnen zusätzliche Dienstleistungen an Bedeutung. Werkstätten müssen Flotten heute stärker betreuen und schneller reagieren. Genau darauf zielt auch der neue „Walk of Services“ der Tire Cologne ab.

Werkstätten setzen stärker auf Flottenbetreuung

Dort sollen Serviceangebote, Werkstattlösungen und neue Geschäftsfelder stärker sichtbar werden. Die Messe will damit auch Flottenmanager und Transportexperten ansprechen. Christian Cloppenburg, Gründer des Branchenformats „Schrauberblog“, beschrieb den Wandel aus Sicht der Werkstätten. Reifen seien „nicht mehr das eigentliche Geschäft“, sagte er. Werkstätten müssten ihr Geschäft stärker um Flottenbetreuung, Serviceverträge und digitale Prozesse erweitern, um wirtschaftlich stabil zu bleiben. Im Truckgeschäft wird dieser Wandel besonders sichtbar.

Effiziente Abläufe werden zum Wettbewerbsfaktor

Werkstätten müssen schneller reagieren und Abläufe effizienter organisieren, während Flotten kurze Standzeiten und verlässliche Planung erwarten. Parallel dazu wächst der Druck, Reifen nachhaltiger zu entwickeln und Materialien stärker wiederzuverwenden. Dass dies technisch deutlich schwieriger ist, als politische Debatten oft vermuten lassen, zeigte der Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Giese, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Kautschuktechnologie. Giese erläuterte, dass Reifen aus komplexen Materialkombinationen bestehen.

Herausforderungen durch Nachhaltigkeit und Recycling

Unterschiedliche Gummimischungen, Verstärkungsmaterialien und chemische Zusätze erschwerten Recycling und Wiederverwertung erheblich. Hinzu komme das sogenannte „magische Dreieck“ der Reifenentwicklung: Rollwiderstand, Abrieb und Traktion ließen sich nie gleichzeitig optimal verbessern.Vor allem bei Lkw-Reifen spielt Kreislaufwirtschaft eine größere Rolle. Hohe Laufleistungen und große Materialmengen machen Lkw-Reifen wirtschaftlich besonders relevant. Entsprechend wächst das Interesse an Runderneuerung und längeren Laufzeiten.

Kreislaufwirtschaft gewinnt an Bedeutung

Gleichzeitig stößt die Branche technisch an Grenzen. Vulkanisierte Gummimaterialien lassen sich im Gegensatz zu Thermoplasten nicht einfach einschmelzen und erneut verarbeiten. Zwar gebe es Fortschritte bei Rezyklaten und alternativen Rohstoffen, vollständig nachhaltige Reifen blieben jedoch schwierig umzusetzen.Auch neue Vorgaben erhöhen den Druck auf Hersteller und Handel. Themen wie CO₂-Fußabdruck, Recyclingquoten und die europäische Entwaldungsverordnung EUDR beeinflussen inzwischen Entwicklung und Beschaffung. Vor allem Naturkautschuk steht dabei im Fokus.

Regulatorische Vorgaben erhöhen den Druck

Neben Nachhaltigkeit gehörte Künstliche Intelligenz zu den diskutierten Themen. Sanjay Sauldie, KI-Strategieentwickler und Digitalisierungsexperte, beschrieb KI vor allem als Werkzeug, um Zeit zu sparen und Abläufe effizienter zu organisieren. Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter stärker entlasten und Routinetätigkeiten automatisieren.Sauldie warnte zugleich davor, KI auf Chatbots oder einzelne Anwendungen zu reduzieren. In Werkstätten und Handel gehe es zunehmend um digitale Assistenzsysteme, automatisierte Prozesse und vernetzte Plattformen. Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter deshalb stärker für digitale Systeme qualifizieren.

Künstliche Intelligenz verändert Prozesse

Gerade Werkstätten und Servicebetriebe dürften sich dadurch verändern. Terminplanung, Qualitätskontrolle und andere Abläufe lassen sich zunehmend automatisieren.Auch in der Reifenproduktion spielt KI eine größere Rolle. Prof. Giese verwies auf Produktionsanlagen, die Prozesse kontinuierlich überwachen und automatisch anpassen. Ziel sind weniger Materialeinsatz, stabilere Qualität und geringerer Ausschuss. Vor allem im Flottengeschäft wächst deshalb das Interesse an digital unterstützten Prozessen. Hohe Reifenkosten, steigender Effizienzdruck und knappe Personalkapazitäten erhöhen die Bedeutung solcher Systeme.

Digitale Prozesse werden wichtiger im Flottengeschäft

Vor diesem Hintergrund baut die Tire Cologne Formate wie den „Walk of Services“ und das „Innovation Lab“ weiter aus. Die Messe will Werkstätten, Reifenhandel, Hersteller und Flottenbetreiber stärker zusammenbringen. Hinzu kommt der wachsende Kostendruck im Flottengeschäft. Reifen spielen bei Verbrauch, Laufleistung und Standzeiten eine wichtige Rolle. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Verfügbarkeit und Planbarkeit. Werkstätten und Reifenhandel müssen deshalb Prozesse enger mit den Abläufen der Transportunternehmen verzahnen. Helm betonte, dass sich Markt, Kunden und Vertriebsstrukturen derzeit gleichzeitig verändern. Gerade deshalb gewinne der persönliche Austausch innerhalb der Branche an Bedeutung.