Der Mercedes-Benz GenH2 Truck im Logistikalltag

Praxistest von Daimler Truck und Reber Logistik
Der Mercedes-Benz GenH2 Truck im Logistikalltag

Leise und dezent auf der Autobahn: Reber Logistik setzt den Mercedes-Benz GenH2 Truck in der Inbound-Logistik von Daimler Truck ein – trans aktuell begleitet Fahrer und Fahrzeug einen Tag lang.

Reber Logistik setzt den Mercedes-Benz GenH2 Truck in der Inbound-Logistik von Daimler Truck ein – trans aktuell begleitet Fahrer und Fahrzeug einen Tag lang.
Foto: Daimler Truck

Wasserdampf steigt über dem Mercedes-Benz GenH2 Truck auf, als er an einem kalten Wintermorgen am Daimler Truck-Standort in Wörth ankommt. Er hat Achsen an Bord, die er am Vortag am Standort Kassel geladen hat. Michael Rühle, Berufskraftfahrer bei dem Logistikdienstleister Reber Logistik, hilft bei der Entladung und gerät ins Schwärmen: „Es macht richtig Spaß, den Wasserstoff-Lkw zu fahren.“

Achstransporte zwischen Kassel und Wörth

Der Lkw stand über Nacht am Reber-Hauptsitz in Germersheim und legte am frühen Morgen die kurze Strecke nach Wörth zurück. Bis zu 2.500 Achsen verlassen täglich den Daimler Truck-Standort Kassel. Seit Anfang Februar transportiert erstmals ein Wasserstoff-Lkw Achsen des Lkw-Herstellers von Kassel nach Wörth. Die Zuladung beträgt 23 Tonnen.

Von Wörth nach Kassel wiederum transportiert der Lkw leere Gestelle. Ein klassischer Rundlauf in der Inbound-Logistik, den Reber Logistik übernimmt. Reber ist eines von fünf Unternehmen, die den Mercedes-Benz GenH2 Truck erproben. Der Startschuss für den zweiten Praxistest fiel im November 2025. Der erste Praxistest endete im Sommer 2025 (siehe Kasten).

Öffentliche Tankstelle für Flüssigwasserstoff

Die Entladung in Wörth dauert rund 45 Minuten. Anschließend fährt der Wasserstoff-Lkw mit Reber-Branding zur Tankstelle, die sich öffentlich zugänglich vor den Toren des Entwicklungs- und Versuchszentrum von Daimler Truck befindet. Die Tankstelle für Flüssigwasserstoff (sLH2 Betankungsstandard) ist seit zwei Jahren in Betrieb. Daimler Truck konzipierte sie gemeinsam mit dem Industriegaskonzern Linde, der Flüssigwasserstoff in Deutschland herstellt.

Lieferkette für grünen Flüssigwasserstoff nach Deutschland

Daneben bezieht Daimler Truck auch Flüssigwasserstoff (LH2) des französischen Gasproduzenten Air Liquide sowie des amerikanischen Unternehmens Air Products. Außerdem baut der Konzern gemeinsam mit der Hamburger Hafen und Logistik (HHLA) und Kawasaki Heavy Industries eine Lieferkette für grünen Flüssigwasserstoff nach Deutschland auf. „Wenn es schwer wird, brauchen wir Wasserstoff in flüssiger Form“, sagt Roland Dold, Leiter der Vorentwicklung Mercedes-Benz Trucks, gegenüber trans aktuell.

Nutzfahrzeuge seien für den minus 253 Grad kalten LH2 daher ideal. Die Außentemperatur spielt für den Zustand des Wasserstoffs keine Rolle, er muss nicht zusätzlich gekühlt werden. Das gilt auch während der Fahrt: Anders als bei rein batterieelektrischen Lkw hat die Außentemperatur laut Dold keinen Einfluss auf die Leistung.

Der Tankvorgang dauert rund 15 Minuten

Die Reber-Fahrer betanken den GenH2 Truck selbst. Sie füllen rund 52 Kilogramm Flüssigwasserstoff in die beiden Tanks des Fahrzeugs. Reber Logistik hat sein Fahrpersonal dafür extra geschult. „Die Angst wurde uns genommen“, sagt Fahrer Rühle. Der Tankvorgang dauert mit rund 15 Minuten genauso lange wie bei Diesel-Lkw. Anschließend verfügt das Fahrzeug über eine Reichweite von 1.000 Kilometern und mehr. Die hohe Reichweite gilt als Vorteil gegenüber gasförmigem Wasserstoff und batterieelektrischen-Lkw. Hier reicht eine Tankfüllung beziehungsweise Ladung in der Regel für rund 600 Kilometer.

Daimler Truck kann sich ein öffentliches Netzwerk mit flüssigem Wasserstoff vorstellen. „Tankstellen für unsere Kunden sollen künftig öffentlich sein“, sagt Dold. Aktuell tanken die Teilnehmer der kundennahen Erprobungen in Duisburg und an der Daimler Truck-eigenen Tankstelle in Wörth.

Reber setzt erstmals einen Wasserstoff-Lkw im Fernverkehr ein

Nach dem Tankvorgang startet der GenH2 Truck in Richtung Norden. 350 bis 400 Kilometer beträgt die Strecke nach Kassel. Reber Logistik setzt damit erstmals einen Wasserstoff-Lkw im Fernverkehr und in der Inbound-Logistik ein. Der GenH2 Truck transportierte seit November 2025 in Elsdorf bei Köln Baumarktzubehör im Nahverkehr und tankte in Duisburg. Den Rundlauf Kassel–Wörth testet Reber laut Geschäftsführer Mirko Kauffeldt ein halbes Jahr lang werktäglich, anschließend werde ein weiteres Einsatzgebiet erprobt.

„Wir wollen bis 2035 klimaneutral werden“, sagt Kauffeldt. Daher setzt Reber Logistik neben Elektro-Lkw nun auch auf Wasserstoff. Wobei es bei Wasserstoff hinsichtlich der Nachhaltigkeit eine Einschränkung gibt: Nur grüner Wasserstoff, der mithilfe von Elektrolyse entsteht, ist wirklich klimaneutral.

Bisher überzeugt der H2-Lkw bei Reber Logistik. Allerdings muss es laut Kauffeldt mehr Tankstellen geben und der Wasserstoff-Preis muss sinken.

Brennstoffzelle von Cellcentric liefert 300 kW Leistung

Reber testet einen GenH2 Truck der ersten Generation. Cellcentric – ein Joint Venture von Daimler Truck und der Volvo Group – entwickelte die Brennstoffzelle, die mit 300 kW Leistung den elektrischen Antrieb des Fahrzeugs versorgt und dabei von einer Pufferbatterie ergänzt wird, sodass auch beim Bremsen erzeugter Strom rekuperiert und erneut für den Antrieb genutzt werden kann. Somit fällt die Batterieladung selten unter 70 Prozent. Lkw-Fahrer Michael Rühle fühlt sich damit sicher – auch bei Stau oder Kälte.

635 Kilometer könnte der Lkw noch zurücklegen

Nach rund fünf Stunden kommt der Wasserstoff-Lkw in Kassel an. Während der Fahrt war tatsächlich nur der Wind zu hören. Das Fahrzeug erregt wenig Aufmerksamkeit, die Tour lief unaufgeregt und ohne Zwischenfall. 635 Kilometer könnte der Lkw noch zurücklegen. Das reicht locker für die Fahrt zurück nach Wörth – wieder beladen mit Achsen. Für Rühle geht es mit dem eigenen Pkw weiter nach Nordrhein-Westfalen, sein Kollege übernimmt das Fahrzeug und der nächste Rundlauf beginnt.

Daimler Truck elektrifiziert seine Werkslogistik

Einen Rundlauf, den Daimler Truck auch mit Elektro-Lkw darstellt. Der Hersteller will in den kommenden Jahren die Zulieferlogistik der Werke Wörth am Rhein, Gaggenau, Kassel und Mannheim vollständig elektrifizieren. Anfang 2023 startete das Projekt „Electrify Inbound Logistics“ mit der ersten Modellgeneration des Mercedes-Benz eActros. Seit Juli 2025 setzen erstmals zahlreiche Spediteure auch den eActros 600 in der Zulieferlogistik ein und transportieren unter anderem Dieselmotoren emissionsfrei. Auf knapp einem Drittel aller Routen in der Werksbelieferung für den Standort Wörth fährt momentan laut Oliver Berger, Leiter Transportnetzwerk Europa bei Daimler Truck, ein batterieelektrischer Lkw.

Ein eActros 600 und der GenH2 Truck werden gleichzeitig entladen

Inwieweit Wasserstoff-Lkw bei der emissionsfreien Inbound-Logistik künftig eine Rolle spielen werden, bleibt abzuwarten. Berger ist dahingehend optimistisch. Wasserstoff-Fahrzeuge könnten auf geeigneten Fernverkehrsrouten genauso wirtschaftlich sein wie Elektro-Lkw – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. In Wörth jedenfalls werden an besagtem Wintermorgen ein eActros 600 von Logistik Schmitt und der GenH2 Truck, den Reber Logistik testet, gleichzeitig entladen. 16 Ladesäulen stehen am Standort Wörth und eine Wasserstofftankstelle: Beide Technologien sind dort schon Realität.

Das Unternehmen

  • Reber Logistik ist für die Möbelindustrie sowie die Branchen Automotive, FMCG (Fast Moving Consumer Goods), Baustoffe und Lebensmittel tätig und bietet Leistungen in der Transport-, Lager-, Produktions- und Intralogistik an. Weitere Logistikservices und Supply Chain Management gehören ebenfalls zum Portfolio.
  • Sitz in Germersheim (Rheinland-Pfalz).
  • Geschäftsführer: Mirko Kauffeldt.
  • Rund 800 Mitarbeitende an elf Standorten in Deutschland und Österreich.
  • Jahresumsatz 2025: mehr als 135 Millionen Euro.
  • Zum Fuhrpark gehören mehr als 300 Fahrzeuge, darunter LNG-Lkw, Lang-Lkw und bis Ende 2026 auch zwölf Elektro-Lkw. Den Mercedes-Benz GenH2 Truck testet Reber bis Ende des Jahres.

Die Praxistests mit Mercedes-Benz GenH2 Trucks

  • Die erste kundennahe Erprobung von fünf Mercedes-Benz GenH2 Trucks startete im Juli 2024. Die beteiligten Unternehmen waren das US-amerikanische Gasunternehmen Air Products, der Online-Versandhändler Amazon, das Baustoffunternehmen Holcim (Schweiz), das Chemieunternehmen Ineos mit Sitz in London sowie der Logistikdienstleister Wiedmann & Winz.
  • Die H2-Lkw haben in einem Jahr mehr als 225.000 Kilometer zurückgelegt. Über die Gesamtlaufleistung hinweg verbrauchten sie durchschnittlich je nach Einsatz zwischen 5,6 kg/100 km und 8 kg/100 km Wasserstoff. Das durchschnittliche Gesamtzuggewicht lag zwischen 16 und 34 Tonnen.
  • Der zweite Praxistest soll ebenfalls ein Jahr dauern und ist im November 2025 gestartet. Die beteiligten Unternehmen sind die Logistikdienstleister DHL Supply Chain, Rhenus und Reber Logistik, die Pharmaunternehmen Teva Deutschland und Ratiopharm sowie die Baumarktkette Hornbach.
  • Mit der Kleinserie des Mercedes-Benz NextGenH2 Truck, die Ende 2026 startet, plant der Lkw-Hersteller ebenfalls eine Testphase mit Unternehmen.