Die extrem niedrigen Wasserstände an Rhein und Donau belasten zunehmend die Binnenschifffahrt. Nach Angaben der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung soll der Pegel bei Kaub am Mittelrhein im Laufe der Woche unter die Marke von 25 Zentimetern fallen, die während des historischen Niedrigwassers 2018 gemessen wurde. Ab der zweiten Wochenhälfte werden weniger als 20 Zentimeter erwartet. Auch an den Rheinpegeln Köln und Duisburg-Ruhrort wurden bereits historische Tiefstände registriert. Für die Güterschifffahrt ist Kaub allerdings besonders kritisch: Im Mittelrheinabschnitt zwischen Budenheim bei Mainz und St. Goar ist die freigegebene Fahrrinnentiefe mit 1,90 Metern rund 20 Zentimeter geringer als in den angrenzenden Bereichen.
Schiffe fahren teils mit weniger als einem Viertel der Ladung
Die niedrigen Pegel bedeuten nicht automatisch, dass der Rhein nicht mehr befahrbar ist. Sie reduzieren jedoch den möglichen Tiefgang und damit die Ladungsmenge der Schiffe erheblich. Je nach Schiff, Ladung und Fahrtgebiet seien Fahrzeuge derzeit mit weniger als einem Viertel ihrer üblichen Zuladung unterwegs, erklärt der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt. Um dieselbe Gütermenge zu bewegen, werden dadurch zusätzliche Schiffe und Fahrten benötigt. Das erhöht Transportaufwand und Kosten. Besonders abhängig von der Binnenschifffahrt sind laut BDB die Stahl-, Baustoff-, Mineralöl- und Chemieindustrie sowie die Land- und Forstwirtschaft. Gefahren werde so lange, wie die Sicherheit gewährleistet sei.
Versorgung mit Kraftstoffen und Rohstoffen könnte schwieriger werden
Bleiben ergiebige Niederschläge aus, könnten einzelne Fahrtgebiete nach Einschätzung des Verbands bald nicht mehr sicher bedient werden. Eine länger anhaltende Einschränkung der Schifffahrt könnte Industrieunternehmen bei der Versorgung mit Rohstoffen treffen und das ohnehin geringe Wirtschaftswachstum zusätzlich belasten. Auch Verbraucher könnten Folgen spüren. Als mögliches Szenario nennt der BDB Engpässe und Preissteigerungen bei Kraftstoffen, insbesondere im Süden Deutschlands. Mineralölprodukte werden dort zu einem erheblichen Teil über den Rhein und seine Nebenflüsse transportiert. Mehrere Tage kräftiger Regen im Süden Deutschlands könnten die Pegel allerdings vergleichsweise schnell wieder steigen lassen.
BDB fordert schnelleren Ausbau der Fahrrinne
Der Branchenverband nimmt das aktuelle Niedrigwasser zum Anlass, erneut eine schnellere Vertiefung der Fahrrinne am Mittelrhein zu fordern. Die Engstelle zwischen Budenheim und St. Goar müsse mit höchster Priorität entschärft werden. „Bei Niedrigwasser bleiben die Schiffe hier als erstes hängen“, sagt BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen. Die Maßnahme sei bereits im Bundesverkehrswegeplan von 1992 als vordringlicher Bedarf eingestuft worden. Dennoch sei das Projekt auch 34 Jahre später nicht umgesetzt. Kritik übt der Verband zudem an den geplanten Personaleinsparungen bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung. Diese stünden im Widerspruch zum politischen Ziel, Planung und Bau von Infrastrukturprojekten zu beschleunigen.
Prognosen sind heute besser als im Jahr 2018
Das monatelange Niedrigwasser von 2018 hatte erhebliche Auswirkungen auf Industrieproduktion und Lieferketten. Seitdem wurden nach Angaben des BDB verschiedene Vorsorgemaßnahmen verbessert. Pegelprognosen für Rhein, Elbe und Donau reichen heute teilweise bis zu sechs Wochen in die Zukunft. Unternehmen können dadurch Lieferungen vorziehen, Lagerbestände erhöhen und Transporte früher umplanen. Auch der Austausch zwischen Schifffahrt und Industrie wurde intensiviert. Zudem arbeiten Reedereien und Schiffbauer an Fahrzeugen, die bei niedrigem Wasserstand mit geringerem Tiefgang mehr Ladung transportieren können.
Niedrigwasser wird zur dauerhaften Infrastrukturfrage
Verbesserte Prognosen und angepasste Logistikketten können die Folgen extremer Wasserstände abmildern, das grundlegende Problem jedoch nicht lösen. Der BDB fordert deshalb neben dem Ausbau der Fahrrinne auch eine Debatte über Wasserrückhaltesysteme und weitere Maßnahmen zur Regulierung des Rheins. Dabei gehe es nicht nur um die Schifffahrt. Steigende Wassertemperaturen, sinkender Sauerstoffgehalt, Fischsterben und austrocknende Auen zeigten, dass niedrige Wasserstände zugleich eine ökologische Herausforderung darstellen. Für die Logistik bleibt der Rhein dennoch unverzichtbar. Das aktuelle Niedrigwasser zeigt erneut, wie schnell eine einzelne Engstelle die Transportkapazität einer zentralen europäischen Wasserstraße einschränken und Kosten entlang ganzer Lieferketten erhöhen kann.
In Kürze: die Key Facts
- Thema: Niedrigwasser auf Rhein und Donau
- Besonders kritischer Pegel: Kaub am Mittelrhein
- Erwarteter Pegelstand: weniger als 20 Zentimeter
- Historische Marke von 2018: 25 Zentimeter
- Weitere Tiefstände: Köln und Duisburg-Ruhrort
- Kritischer Rheinabschnitt: Budenheim bis St. Goar
- Aktuelle Fahrrinnentiefe: 1,90 Meter
- Differenz zu angrenzenden Abschnitten: 20 Zentimeter
- Mögliche Ladungsmenge: teils weniger als ein Viertel der üblichen Zuladung
- Betroffene Branchen: Stahl, Chemie, Mineralöl, Baustoffe, Land- und Forstwirtschaft
- Forderung des BDB: beschleunigte Fahrrinnenvertiefung am Mittelrhein
- Mögliche Folgen: höhere Transportkosten, Lieferengpässe und steigende Verbraucherpreise
- Vorsorgemaßnahmen seit 2018: verbesserte Pegelprognosen, höhere Lagerbestände und resilientere Lieferketten





