Lidl testet autonomen E-Lkw

Lidl testet autonomen E-Lkw
Fahrerlose Filialbelieferung

Lidl und Einride testen in Edermünde bei Kassel die fahrerlose Belieferung einer Filiale mit einem autonomen Elektro-Lkw. Nach dem viermonatigen Pilotprojekt soll der Einsatz auf weitere Filialen ausgeweitet werden.

Fahrerlose Filialbelieferung
Foto: Lidl/Schwarz Gruppe

Lidl testet autonomen Elektro-Lkw im Filialverkehr

Erst der Sneak Peek auf der IAA Transportation, dann eine Live-Vorführung vor den eigenen Logistikpartnern und Lieferanten: Lidl hat zusammen mit Einride die erste Filialzustellung auf die Beine gestellt, bei der ein fahrerloses autonomes Fahrzeug nach Level 4 auf öffentlichen Straßen zum Einsatz kommt.

400 Meter ohne Fahrer auf öffentlichen Straßen

Auch wenn es nur 400 Meter sind, die das Fahrzeug zwischen dem Lidl-Logistiklager Edermünde und der Lidl-Filiale auf der öffentlichen Straße zurücklegt: Die Belieferung im Lebensmitteleinzelhandel mit dem fahrerlosen Transportfahrzeug ist nach Lidl-Angaben in Deutschland einzigartig. Der kabinenlose Elektro-Lkw von Einride fährt dank autonomer Fahrfunktion nach Level 4 den Weg auf der öffentlichen Straße komplett ohne Fahrer.

KBA genehmigt den Level-4-Pilotbetrieb

In nordhessischen Edermünde ist der E-Lkw dafür mit einer Sondergenehmigung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) nach § 16 der AFGBV (Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs-und-Betriebs-Verordnung) unterwegs. Das Solofahrzeug mit 15 Europapaletten-Stellplätzen versorgt die Filiale mit Ware aus dem Trockensortiment – bis zu dreimal täglich, an fünf Tagen die Woche. In der viermonatigen Testphase sollen insgesamt 3.000 Paletten angeliefert werden.

Initiiert wurde das Projekt von der Schwarz Corporate Solutions und Schwarz Digits, der IT- Digitalsparte der Schwarz Gruppe aus Neckarsulm. Der Ansporn war zum einen das Credo der operativen Exzellenz: Diese ist nach Angaben von Serhan Yildirim, Leitung Schwarz Logistics Solutions, das Fundament für den Erfolg der übergeordneten Schwarz Gruppe und werden durch Innovationen angetrieben werde. "Aber auch der Fahrermangel stellt für uns zunehmend eine Herausforderung dar, die wir jetzt durch Innovation in eine Chance ummünzen wollen", sagte Yildirim in Geisenfeld – um die eigenen Lieferströme aufrechtzuerhalten und die Warenverfügbarkeit in den Filialen sicherzustellen.

Herausforderung durch großes Volumen und hohe Taktung

Das aktuelle Projekt soll daher auch als Blaupause für die gesamte Schwarz-Gruppe dienen und in naher Zukunft entsprechend skaliert werden. Die Voraussetzungen bei der Schwarz-Gruppe sind dabei hoch: Nicht nur wird in verschiedenen Sparten ein großes Warenvolumen in hoher Taktung bewegt, es gibt auch unterschiedliche Saisonalitäten. Und alles ist eingebunden in einem flächendeckenden Filialnetz und einem hochstandardisierten Logistiknetzwerk. "Der Start war mehr als positiv, und bislang verläuft alles reibungslos", sagte Thomas Dangelmayer, Leitung Operative Logistik bei Lidl in Deutschland, im Rahmen des Future Days 2026 im Kaufland Logistikzentrum Geisenfeld bei Ingolstadt. Transport- und Logistikpartner sowie Lieferanten konnten dort den Lkw bei einer Live-Demo erstmals in Aktion sehen.

Redundante Systeme sorgen für Sicherheit

Raus aus dem Labor, rauf auf die Straße: Für den Probebetrieb hat sich Lidl mit dem Technologieanbieter Einride zusammengeschlossen und zunächst verschiedene Transportnetze untersucht. Zur Umsetzung des Probebetriebs haben sich beide das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg an Bord geholt, das die Einhaltung der Anforderungen wie technische Voraussetzungen, Risikobewertung und Sicherheitskonzept überwachst. "Sicherheit hat oberste Priorität", sagt Thomas Dangelmayer. Das Fahrzeug von Einride verfügt über redundante Systeme für alle kritischen Fahrfunktionen, darunter zweifach abgesicherte Lenk-, Brems- und Kommunikationsnetze. Zudem ist immer ein Mensch eingebunden ("Human-in-the-Loop"): Ein Local Operator überwacht das Fahrzeug und kann in Ausnahmesituationen eingreifen oder einen Not-Stopp auslösen.

Technische Aufsicht sichert den Betrieb ab

"Da das Fahrzeug keine Lenkeinrichtung hat, ist eine technische Aufsicht in unmittelbarerer Nähe verpflichtend", berichtet Thies Weinand, Projektmanager Autonomes Fahren beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg. In dieser ersten Pilotphase übernimmt das Einride als Betreiber und Eigentümer des Fahrzeugs. Getestet wird aber gleichzeitig, wie eine ferngesteuerte technische Aufsicht, etwa von einem Leitstand aus, funktionieren kann. Vor einer Zulassung im Regelbetrieb sind laut Weinand im Rahmen eines dreistufigen Zulassungsprozesses noch weitere Hürden zu nehmen. Etwa eine weitergehende Risikobewertung im Hinblick auf die Qualitäts- und Sicherheitsmanagementsysteme, Cybersecurity, Software-Aktualisierungs-Managementsysteme und mehr. Und neben der Betriebserlaubnis für das Fahrzeug die Genehmigung des festgelegten Betriebsbereichs sowie die Zulassung des Fahrzeugs.

Lidl plant autonome Filialbelieferung im Milkrun

Nach der Probephase in Edermünde haben die Verantwortlichen aber zunächst die Analyse und Evaluierung des Testbetriebs im Blick. "Danach geht es darum, die gewonnen Erkenntnisse in unser weiteres Netzwerk zu integrieren, mit weitergehenden technischen und operativen Anforderungen", berichtet Dangelmayer. In der Phase 2 sollen mehrere Filialen für den Testbetrieb mit dem autonomen Fahrzeug aufgeschlossen werden, mit mehreren Stopps in Form eines Milkruns. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen und im Rahmen des Hub-to-Store-Konzepts stehen vor allem die technischen Komponenten und das Thema End-to-End-Schnittstellen im Fokus. Im Verlauf der nächsten Jahre soll dann auch die wirtschaftliche Skalierbarkeit untersucht werden, mit Fokus auf die Hub-to-Hub-Verkehre. Ziel ist, aus den Erkenntnissen das Geschäftsmodell zu entwickeln, das den wirtschaftlichen Vorteil bringt und sich in den vorhandenen Betrieb integrieren lässt.

Zäsur für Mobilität und Logistik

Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, bezeichnete den Probelauf von Lidl und Einride auf der IAA Transportation jedenfalls als "Zäsur für Mobilität und Logistik". Das Ministerium unterstützt das Projekt gerne, zeige die Anwendung doch, dass Deutschland für das automatisierte Fahren den richtigen Rechtsrahmen habe. Ziel sei jetzt, die technologische Entwicklung voranzutreiben und gleichzeitig die Sicherheit der Teilnehmer im Straßenverkehr zu garantieren.

Autonome Lkw sollen Speditionen entlasten

Für Thomas Dangelmayer und seine Kollegen ist mit dem Projekt aber vor allem ein Ziel verbunden. "Der Fahrermangel trifft die gesamte Branche und somit auch unsere langjährigen Transportpartner spürbar", sagt er, Da über 75 Prozent der Güterverkehrsleistung in Deutschland über die Straße laufen, stehe das Gesamtsystem unter Druck. "Wir verstehen autonome Lkw keineswegs als Ersatz, sondern als gezielte Ergänzung und Entlastung für unsere Speditionspartner – um routinierte Pendelstrecken abzufedern und gemeinsam die Lieferketten zukunftssicher aufzustellen."

Vom Dienstleister zum Partner

Welche Richtung nimmt die Schwarz Gruppe bei der Logistik? Beim Future Day 2026 stimmte Jochen Kratz, Vorstand Vertrieb, Logistik und Zentralbereiche bei Kaufland International, die Dienstleister und Lieferanten auf die Herausforderungen und Chancen der Zukunft ein.

  • Jeden Tag sind Laut Kratz 11.000 Lidl-Mitarbeiter im Einsatz, werden 30.000 verschiedene Artikel bewegt und 130 Spediteure sind im Einsatz, sowohl zur Versorgung der Lager als auch in der Filialdistribution.
  • Laut Kratz ist der Fachkräftemangel auch für Lidl ein Problem, die Gewinnung neuer Mitarbeiter bedeutet einen großen Aufwand. Das Unternehmen setzte daher verstärkt auf Automatisierung.
  • Am Standort Geisenfeld sind beispielsweise automatische Kommissionieranlagen für Obst und Gemüse im Einsatz, die die Waren so auf den Paletten kommissionieren, wie es die Filialen brauchen.In Geisenfeld ist zudem ein vollautomatisiertes Hochregallager in Betrieb. Vor der Einlagerung werden die Waren werden fast komplett automatisch depalettiert.
  • Die Palettenzusammenstellung für die Filialdistribution übernehmen wiederum zwölf Roboter, die die Palette wieder filialindividuell zusammenstellen.
  • Im Logistiklager Barsinghausen bei Hannover realisiert das Unternehmen laut Kratz aktuell zusammen mit Premium Robotics, das inzwischen Teil der Schwarz Gruppe ist, eine Pilotanlage für mobiles Picking.
  • Effizienter werden soll zudem die Transportlogistik: Im Rahmen eines Netzwerks sollen die Speditionspartner auf dem Rückweg von den Filialen nicht nur Leergut, sondern auch Waren aus der Region für die Zentrallager transportieren und so die Zahl der Leerfahrten verringern.