Die Bundesregierung drückt beim Masterplan Infrastruktur aufs Tempo. Bis Mai 2026 sollen neue EU-Vorgaben für Ladepunkte an gewerblichen Gebäuden umgesetzt sein. In diesem Jahr steht zudem die Novelle des Elektromobilitätsgesetzes mit Bevorrechtigungen für schwere Nutzfahrzeuge an. Gleichzeitig laufen die Planungen für ein flächendeckendes E-Lkw-Schnellladenetz bis 2030. Während die politische Agenda voranschreitet, bleibt die praktische Umsetzung an Logistikstandorten geprägt von begrenzten Netzanschlüssen, stark volatilen Strompreisen und einem Strombedarf, der mit jeder elektrifizierten Flotte steigt.
Politische Vorgaben und Ladeinfrastruktur für E-Lkw
Zu den Anbietern, die sich auf diese Entwicklung spezialisiert haben, gehört das Startup Encentive, gegründet in Schleswig-Holstein und heute mit Büros in Hamburg und Berlin vertreten. Dessen Plattform „flexOn“ verfolgt einen Ansatz, der Energieerzeuger und -verbraucher am Standort technisch eng miteinander verzahnt. So bindet „flexOn“ unter anderem PV-Anlagen, Ladesäulen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Kühlanlagen ein. „Wir helfen Logistikunternehmen dabei, Energie dann zu verbrauchen, wenn sie besonders günstig ist“, sagt Mitgründer Torge Lahrsen im Gespräch mit trans aktuell. Die Plattform fungiert gewissermaßen als intelligenter „Steuerungs-Layer“, der die Vielzahl unterschiedlicher Anlagen mit ihren jeweils eigenen Lastprofilen zusammenführt.
Energiemanagement an Logistikstandorten mit E-Mobilität
Besonders relevant wird das bei Logistikstandorten, die auf E-Lkw umstellen. Viele Depots verfügen über eine Anschlussleistung von etwa einem Megawatt. Gleichzeitig steigt die Ladeleistung moderner Schnelllader auf bis zu 400 Kilowatt je Säule. Allerdings: „Wenn drei E-Lkw gleichzeitig laden, wird der Netzanschlusspunkt oft schon überlastet“, sagt Lahrsen. Diese Konstellation tritt in der Praxis häufig auf, da Flotten meist zu ähnlichen Zeitpunkten zurückkehren und kurzfristig hohe Ladeleistung benötigen.

„Wir brauchen Energiesysteme, die mit der Realität der volatilen Erzeugung umgehen. Das geht nur über intelligente Steuerung“ Torge Lahrsen, Mitgründer und Geschäftsführer, Encentive
Netzanschluss und Ladeleistung bei E-Lkw-Flotten
Solche Lastspitzen wirken sich unmittelbar auf die Kosten aus. Nach Einschätzung Lahrsens machen Netzentgelte rund ein Drittel der Stromausgaben eines Standorts aus – und die höchste Viertelstunde des Jahres entscheidet über diesen Kostenblock. Durch unkontrollierte Ladevorgänge oder das gleichzeitige Anlaufen vieler Anlagen steigt diese Spitze schnell an. „Umso niedriger die Spitze, desto höher der Hebel auf die gesamten Energiekosten“, erklärt er. „Viele Betriebe erkennen nun erstmals, wie stark sich punktuelle Lasten in der Jahresabrechnung niederschlagen.“
Lastspitzen und Netzentgelte im Logistikbetrieb
Hier setzt Encentive an – technisch und organisatorisch. Die Plattform arbeitet nicht nur mit Echtzeitdaten, sondern mit Vorhersagen für die nächsten 24 bis 72 Stunden. Sie bezieht dabei historische Lastgänge, Standortabläufe, Temperatur, Wetter und Saisonalitäten ein. Wenn entsprechende Daten verfügbar sind, können sogar Palettenbewegungen einfließen, da sie Rückschlüsse auf Kühl- oder Gebäudelasten zulassen. „Wir arbeiten nicht nur reaktiv, sondern schauen in die Zukunft“, sagt Lahrsen. Dadurch lassen sich Fahrpläne erstellen, die die einzelnen Verbraucher gezielt ansteuern, bevor eine Spitze tatsächlich entsteht.
Prognosebasierte Steuerung von Energieverbrauch
Eine der ersten Branchen, die davon profitiert, ist die Kühllogistik. Dort lässt sich ein Tiefkühllager wie ein großer Energiespeicher nutzen: Wird bei niedrigen Preisen stärker gekühlt, entsteht ein Temperaturpuffer, der in teuren Preisphasen genutzt werden kann, indem die Kälteanlage heruntergeregelt wird. Die Produktqualität bleibt dabei unangetastet, da innerhalb der zulässigen Temperaturbandbreiten geregelt wird. „Wir liegen bei temperaturgeführten Betrieben meist zwischen 16 und 23 Prozent“, sagt Lahrsen zu den erzielbaren Einsparungen. Ein Beispiel ist der Logistikdienstleister Peter Bade aus Neumünster, bei dem über 20 Prozent Einsparung möglich waren.
Energieoptimierung in der Kühllogistik
Mit zunehmender Elektrifizierung gewinnt dieser Ansatz weiter an Bedeutung. Die angekündigten höheren Ladeleistungen – perspektivisch bis zu einem Megawatt pro Säule – verstärken die Lastspitzen zusätzlich. Viele Flotten kehren zwischen 15 und 18 Uhr aus Touren zurück. In dieser Zeit entsteht naturgemäß der höchste Leistungsabruf: Lkw müssen laden, während gleichzeitig Wärmepumpen oder Kühlaggregate laufen. FlexOn kann diese Zeitfenster priorisieren und andere Verbraucher verschieben oder über Speichersysteme kompensieren. So entsteht ein Lastprofil, das technisch beherrschbarer und wirtschaftlich günstiger ist.
Elektrifizierung von Lkw-Flotten und Lastmanagement
Parallel entwickelt sich der regulatorische Rahmen weiter. Die Bundesnetzagentur arbeitet an der Einführung dynamischer Netzentgelte, die stärker auf die schwankende Einspeisung erneuerbarer Energien reagieren sollen. Eine Konkretisierung ist für 2026 angekündigt, die Umsetzung für die 2030er Jahre. Für Lahrsen ist dieser Wandel absehbar: „Es wird ähnlich wie beim Stromtarif einen dynamischen Netztarif geben. Das ist sicher und wird kommen.“ Für Logistiker bedeutet das, dass Flexibilität künftig nicht optional sein wird, sondern ein zentraler Faktor der Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit.
Dynamische Netzentgelte und regulatorische Anforderungen
Um diese Flexibilität nutzen zu können, begleitet Encentive die Speditionen durch den gesamten Implementierungsprozess. Dazu gehören die Auslegung von Speichern, die Bewertung von Ladepunkten und die Einbindung der IT. „Die internen Aufwände liegen im Schnitt bei 40 bis 50 Stunden“, sagt Lahrsen. Die Implementierung dauert rund acht Wochen. Laut Encentive amortisiert sich das System bereits im ersten Jahr – nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch die fortlaufende Optimierung aller Energieflüsse.
Umsetzung von Energiemanagementsystemen in Speditionen
Eine zusätzliche Perspektive eröffnet die standortübergreifende Optimierung. Mehrere Depots eines Unternehmens können zusammengeführt und gemeinsam gesteuert werden. Dadurch entstehen größere Flexibilitätspotenziale, die entweder zur Lastreduktion oder in Verbindung mit Energiehändlern genutzt werden können. Für Lahrsen liegt dort ein wesentlicher unerschlossener Hebel der Branche. „Jeder Tiefkühllogistiker sollte diese Optimierung nutzen“, sagt er. Doch auch nicht temperaturgeführte Betriebe, die PV, Speicher und Ladepunkte kombinieren, profitieren von der intelligenten Abstimmung aller Anlagen.
Standortübergreifende Steuerung von Energieflüssen
Lahrsen betont, dass Optimierung kein einmaliger Vorgang ist, sondern ein fortlaufender Prozess. Das System lernt mit jeder Woche und passt seine Prognosen an die Besonderheiten des jeweiligen Standorts an – etwa an saisonale Schwankungen, an die Auslastung der Kühlanlagen oder an die typischen Fahrpläne der Flotte. Encentive sieht darin einen entscheidenden Vorteil gegenüber starren Regelungen, die lediglich auf Schwellwerte reagieren. Durch das Zusammenspiel von automatisierter Anlagensteuerung und kontinuierlicher Datenauswertung entsteht ein dynamisches Profil, das flexibel auf Preisänderungen, Wetter und Betriebsabläufe reagiert. Auch Potenziale, die über die reine Kostenoptimierung hinausgehen – etwa das Bereitstellen von Flexibilität für Energiehändler – werden dadurch überhaupt erst sichtbar.
Das Unternehmen
- Encentive-Gründung: 2020
- Geschäftsführung: Torge Lahrsen, Nicolàs Juhl, Daniel Ehnes, Sascha Greve
- Geschäftsfeld: KI-basiertes Energiemanagement für Industrie- und Logistikstandorte
- Schwerpunkte: Prognosen, Lastoptimierung, Standortspeicher, Integration von Ladeinfrastruktur, PV und Kälteanlagen
- Standorte: Hamburg und Berlin
- Sitz: Neumünster (Schleswig-Holstein)
Projekt mit Peter Bade
- Peter Bade ist ein Lebensmittellogistiker aus Neumünster, der für Industrie und Handel unterwegs ist. Am Standort gibt es eine 6.500 Quadratmeter große Kühl- und Logistikhalle
- Energieoptimierung: Verbrauch der Kältemaschine und Wärmepumpe wird auf die eigene PV-Eigenerzeugung und den aktuellen Strommarkt abgestimmt
- Jährliche Einsparungen: minus 11,3 Prozent Strom, also minus 135 MWh Strom und minus 54 Tonnen CO2
- Kosteneinsparungen: minus 30 Prozent Netzentgelte und minus 15,6 Prozent Arbeitspreise
Projekt mit Metro-Logistics
- Metro Logistics hat den Schwerpunkt Handels- und Kontraktlogistik. Das Unternehmen betreibt ein Netzwerk aus mehreren eigenen Multi-User-Logistikzentren mit über 400.000 Quadratmetern Lagerfläche.
- Innerhalb Deutschlands sechs von Encentive angebundene Standorte
- Optimierung: Verbrauch der Kältemaschinen wurde an verschiedenen Standorten auf Lastspitzenkappung, Hochlastzeitfenster und PV-Eigenerzeugung optimiert.
- Zusätzlich ist die KI-Plattform mit dem firmeninternen Energiemonitoring verbunden.





