Zwei humanoide Roboter, zwei Standorte und ein gemeinsamer Lernprozess: Fer Intralogistik-Dienstleister ID Logistics und der Roboter-Entwickler Terra Robotics wollen menschenähnliche Maschinen fit für den Lageralltag machen. Kartons und Versandtüten können ihre Roboter bereits unterscheiden. Doch die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor.#
Achtung: Jetzt kommen IDA und Heinz
Sie heißen IDA und Heinz, haben zwei Beine, fünf Finger an jeder Hand und sollen künftig Aufgaben übernehmen, die bislang Menschen im Lager erledigen. Noch sortieren die beiden humanoiden Roboter Kartons und Versandtüten. Doch wenn es nach ID Logistics und Terra Robotics geht, ist das erst der Anfang. Die Unternehmen haben zum 1. November 2026 eine strategische Partnerschaft geschlossen, um den Einsatz humanoider Robotik in der Kontraktlogistik voranzutreiben. Innerhalb der kommenden sechs Monate soll erstmals ein Roboter unter realen Betriebsbedingungen an einem Logistikstandort von ID Logistics getestet werden. Damit wollen die Partner den Schritt von der technischen Demonstration zum praktischen Einsatz schaffen. Ob die Maschinen im Lageralltag tatsächlich schnell, zuverlässig und wirtschaftlich genug arbeiten, muss sich allerdings erst zeigen.
Zwei humanoide Roboter lernen gemeinsam sortieren
Der Einstieg in die Zusammenarbeit liegt bereits rund ein Jahr zurück. Damals investierten beide Unternehmen jeweils in einen humanoiden Roboter des Typs Unitree G1 EDU6. Einer steht bei ID Logistics in Griesheim und trägt den Namen IDA. Sein Gegenstück heißt Heinz und befindet sich bei Terra Robotics in Löhne. Die beiden Roboter dienen den Entwicklungsteams als technische Zwillinge. Dadurch können die Partner an unterschiedlichen Standorten am selben Sortierprozess arbeiten und ihre Programmierung aufeinander abstimmen. „Wir haben die beiden Roboter genutzt, um die räumliche Distanz zwischen unseren Teams zu überbrücken und bei der Programmierung stets auf dem gleichen Stand zu sein“, erklärt Murat Arpaci, CEO von Terra Robotics. Inzwischen können IDA und Heinz Kartons von Versandtüten unterscheiden, die Gegenstände entsprechend zuordnen und mit ihren fünffingrigen, taktilen Roboterhänden in Versandboxen sortieren. Das ist ein erster Funktionsnachweis für einen konkreten Arbeitsablauf. Wie schnell und zuverlässig die Roboter dabei arbeiten, teilen die Unternehmen allerdings nicht mit.
ID Logistics plant ersten Praxistest im Lager
Jetzt soll aus der Demonstration ein Test unter realen Bedingungen werden. Dafür wollen ID Logistics und Terra Robotics zunächst vier bis fünf mögliche Einsatzszenarien identifizieren. Anschließend werden die technischen und betrieblichen Anforderungen verglichen. In den kommenden Wochen soll feststehen, welche Aufgabe sich am besten für den ersten Piloten eignet. Erst danach wird das passende Robotermodell ausgewählt. Terra Robotics setzt dabei auf einen herstellerübergreifenden Ansatz und führt unter anderem humanoide Systeme von Unitree und Ubtech im Portfolio. Der künftige Pilotroboter muss also nicht zwangsläufig mit IDA und Heinz identisch sein. Die Programmierung soll erneut parallel bei beiden Partnern erfolgen. Anschließend ist ein Test auf der Logistikfläche eines ausgewählten ID-Logistics-Standorts vorgesehen. Welcher Standort dafür infrage kommt, wie lange der Versuch dauern soll und welche Leistungsziele gelten, lassen die Unternehmen bislang offen.
Kommissionieren, sortieren, verpacken: Wo lohnt sich ein Humanoid?
Die Einsatzmöglichkeiten sind aus Sicht der Partner vielfältig. Denkbar sind unter anderem die Kommissionierung, das Sortieren, das Verpacken und weitere logistische Mehrwertdienstleistungen. Gerade in der Kontraktlogistik wiederholen sich viele Arbeitsschritte in großen Stückzahlen. Das könnte humanoiden Robotern grundsätzlich entgegenkommen. Allerdings bedeutet ein standardisierter Prozess noch nicht automatisch, dass ein menschenähnlicher Roboter dafür die beste Lösung ist. Auch ID Logistics räumt ein, dass unterschiedliche Aufgaben unterschiedliche Robotertypen erfordern. „Eine universelle Lösung für sämtliche logistische Aufgaben wird es nicht geben“, betont Robin Otto, CEO von ID Logistics Deutschland. Entscheidend sei deshalb ein technologieoffener Ansatz. Statt sich frühzeitig auf einen bestimmten Hersteller oder Robotertyp festzulegen, wollen die Partner für jeden Anwendungsfall eine passende Lösung auswählen. Das ist auch wirtschaftlich relevant: In der Lagerautomatisierung müssen humanoide Systeme nicht nur zeigen, was sie technisch können. Sie müssen sich perspektivisch auch gegenüber bestehenden Automatisierungslösungen behaupten.
450 Logistikstandorte als mögliche Testumgebung
ID Logistics bringt in die Partnerschaft seine Erfahrung aus weltweit 450 Kontraktlogistikstandorten ein, davon 17 in Deutschland. Die unterschiedlichen Kundenbranchen und Lagerprozesse sollen helfen, geeignete Aufgaben für die neue Technologie zu identifizieren. „Entscheidend wird sein, die geeigneten Aufgaben zu identifizieren, die Technologie unter realen Bedingungen zu erproben und perspektivisch in größerem Maßstab auszurollen“, erklärt Otto. Terra Robotics wiederum übernimmt die robotische Expertise und die Auswahl geeigneter Systeme. Das gemeinsame Ziel ist ambitioniert: Die Partner wollen frühzeitig praktische Erfahrungen sammeln und damit die Voraussetzungen schaffen, humanoide Roboter später an weiteren Logistikstandorten einzusetzen. Ob und wann daraus ein größerer Rollout wird, ist allerdings noch offen.
Was humanoide Roboter im Lager erst beweisen müssen
Der angekündigte Pilot dürfte vor allem Antworten auf Fragen liefern, die für einen späteren Einsatz entscheidend sind. Dazu gehören die Zuverlässigkeit bei wiederholten Arbeitsabläufen, der Umgang mit unterschiedlichen Gegenständen, die Integration in bestehende Prozesse und der sichere Betrieb in einer Umgebung, in der auch Menschen arbeiten. Hinzu kommt die Wirtschaftlichkeit. Angaben zu Anschaffungskosten, Arbeitsgeschwindigkeit, Energieverbrauch oder möglichen Einsparungen machen ID Logistics und Terra Robotics bislang nicht.
In Kürze: die Key Facts
- Unternehmen: ID Logistics und Terra Robotics.
- Projekt: Entwicklung und Erprobung humanoider Roboter für die Kontraktlogistik.
- Beginn der strategischen Partnerschaft: 1. November 2026.
- Ziel: Humanoide Robotik von der Demonstration in erste praktische Anwendungen überführen.
- Bisherige Entwicklungsphase: Gemeinsamer Showcase zur automatisierten Sortierung, begonnen rund zwölf Monate vor der Partnerschaft.
- Roboter IDA: Humanoider Roboter bei ID Logistics in Griesheim.
- Roboter Heinz: Humanoider Roboter bei Terra Robotics in Löhne.
- Bisher eingesetztes Modell: Zwei humanoide Roboter vom Typ Unitree G1 EDU6.
- Technische Fähigkeiten: Unterscheidung von Kartons und Versandtüten sowie Zuordnung und Sortierung in Versandboxen mithilfe fünffingriger, taktiler Roboterhände.
- Entwicklungsansatz: Parallele Programmierung an zwei Standorten mit technisch vergleichbaren Robotern.
- Nächster Schritt: Erster Pilot unter realen Betriebsbedingungen innerhalb der kommenden sechs Monate.
- Geplanter Pilotzeitraum: Bis etwa Ende April beziehungsweise Anfang Mai 2027.
- Auswahlverfahren: Untersuchung von vier bis fünf möglichen Einsatzszenarien vor Festlegung des ersten Piloten.
Fazit
Humanoide Roboter: Der Lageralltag wird zum Härtetest
Mit IDA und Heinz haben ID Logistics und Terra Robotics einen anschaulichen Einstieg in die humanoide Robotik gefunden. Dass die beiden Maschinen Kartons und Versandtüten erkennen und sortieren können, zeigt das technische Potenzial. Der entscheidende Schritt steht aber noch aus. Erst im realen Lagerbetrieb wird sich zeigen, ob humanoide Roboter mit den Anforderungen der Kontraktlogistik zurechtkommen. Besonders interessant ist dabei die technologieoffene Strategie. ID Logistics will offenbar nicht um jeden Preis einen menschenähnlichen Roboter einsetzen, sondern zunächst die passenden Aufgaben und Systeme identifizieren. Das ist sinnvoll. Denn für die Logistik zählt am Ende nicht, wie menschlich ein Roboter aussieht, sondern wie zuverlässig, sicher und wirtschaftlich er arbeitet. Genau dafür muss der angekündigte Pilot nun belastbare Ergebnisse liefern.








