Wie sieht die Handelslogistik in zehn Jahren aus? Eine neue Szenariostudie des EHI Retail Institute legt sich bewusst nicht auf eine Zukunft fest. GXO sieht dennoch drei Faktoren, an denen Logistiker kaum vorbeikommen werden: resiliente Netzwerke, intelligente Datennutzung und flexible Automatisierung.
EHI zeigt mögliche Szenarien fürs kommende Jahrzehnt
Lieferketten müssen schneller reagieren, Kunden erwarten immer mehr und gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz die Möglichkeiten der Logistik. Wie Handelsunternehmen und ihre Dienstleister im Jahr 2036 arbeiten werden, lässt sich trotzdem kaum seriös vorhersagen. Genau deshalb versucht die neue Studie „Die Zukunft der Handelslogistik 2036“ des EHI Retail Institute nicht, eine einzige Entwicklung vorherzusagen. Das auf Handel und dessen wichtigste Zukunftsthemen spezialisierte Forschungs- und Bildungsinstitut untersucht unterschiedliche mögliche Szenarien für das kommende Jahrzehnt.
Kontraktlogistiker GXO leitet drei Anforderungen ab
An der Szenariostudie war auch GXO Logistics beteiligt. Der international tätige Kontraktlogistikdienstleister war nach eigenen Angaben das einzige Unternehmen seiner Branche unter den Teilnehmern. GXO beschäftigt weltweit mehr als 150.000 Menschen an über 1.000 Standorten und betreibt insgesamt mehr als 18,5 Millionen Quadratmeter Logistikfläche. Aus den unterschiedlichen Zukunftsbildern leitet das Unternehmen drei übergreifende Anforderungen ab.
1. Lieferketten müssen Störungen besser wegstecken
Ganz oben steht die Resilienz der Supply Chain. Geopolitische Unsicherheit, verändertes Konsumverhalten, wachsende Komplexität und neue Technologien könnten die Handelslogistik in den kommenden zehn Jahren grundlegend verändern. Unternehmen müssen ihre Lieferketten deshalb so aufstellen, dass sie nicht nur effizient funktionieren, solange alles nach Plan läuft. Sie müssen sich auch schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen können.
GXO sieht dabei einen Vorteil in größeren Logistiknetzwerken. Unternehmen könnten Risiken auf mehrere Standorte verteilen und bei Störungen flexibler reagieren. Belastbarkeit allein reicht nach dieser Argumentation jedoch nicht: Entscheidend wird die Kombination aus Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Michael Peters, Director of Business Development Deutschland & Zentraleuropa bei GXO, sieht deshalb gerade in flexiblen Lieferketten einen künftigen Wettbewerbsvorteil. Unternehmen müssten sich nicht auf ein bestimmtes Zukunftsszenario festlegen, sondern auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereitet sein.
2. KI soll aus Daten Entscheidungen machen
Der zweite Faktor ist die intelligente Nutzung von Daten. Dabei dürfte das Problem künftig weniger darin bestehen, überhaupt Informationen über Lagerbestände, Bestellungen, Transporte oder operative Prozesse zu erhalten. Entscheidend wird vielmehr, was Unternehmen mit diesen Daten anfangen.
GXO setzt auf die Verbindung von Echtzeit-Transparenz und KI-gestützter Analytik. Damit sollen beispielsweise Nachfrageverschiebungen früher erkannt, Risiken vorausgesehen und operative Entscheidungen schneller getroffen werden können. Damit verschiebt sich auch die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Logistik. Der Nutzen entsteht nicht allein dadurch, große Datenmengen auszuwerten. Interessant wird KI erst dann, wenn aus den Ergebnissen konkrete Entscheidungen für Lager, Personal, Bestände oder Transportprozesse abgeleitet werden können. Genau darin sieht Peters eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre: Nicht der Zugang zu Daten werde entscheidend, sondern die Fähigkeit, daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten.
3. Automatisierung muss mitwachsen können
Auch Automatisierung dürfte in der Handelslogistik weiter an Bedeutung gewinnen. Allerdings warnt die Interpretation von GXO indirekt vor einem verbreiteten Missverständnis: Mehr Technik bedeutet nicht automatisch bessere Logistik. Entscheidend sei, dass automatisierte Lösungen zuverlässig skalierbar sind und messbare Verbesserungen bei Effizienz, Qualität und Service bringen. Damit geht es weniger darum, möglichst viele Roboter oder automatisierte Anlagen in ein Lager zu stellen. Gefragt sind Systeme, die sich an unterschiedliche Mengen, Kunden und Prozesse anpassen lassen. Gerade bei schwankenden Volumina kann das entscheidend werden. Eine hochautomatisierte Lösung hilft wenig, wenn sie nur unter genau definierten Bedingungen wirtschaftlich funktioniert.
Kunden wollen schneller – und individueller
Einen Trend hält GXO trotz der unterschiedlichen Zukunftsszenarien für vergleichsweise eindeutig: Die Anforderungen der Kunden werden weiter steigen. Der Kontraktlogistiker erwartet eine wachsende Nachfrage nach Individualisierung, Transparenz und kürzeren Lieferzeiten. Für Logistikunternehmen entsteht daraus ein Zielkonflikt. Einerseits müssen sie Prozesse stärker standardisieren, um effizient und skalierbar arbeiten zu können. Andererseits müssen sie flexibel genug bleiben, um individuelle Kundenanforderungen zu erfüllen. Genau diese Balance könnte zu einer der wichtigsten Aufgaben der Handelslogistik der kommenden Jahre werden.
Die Zukunft lässt sich nicht auf einen Trend reduzieren
Die zentrale Erkenntnis ist damit weniger spektakulär als manche Zukunftsprognose – dafür möglicherweise praxisnäher. Niemand weiß heute exakt, wie Handelslogistik im Jahr 2036 aussehen wird. Ob geopolitische Konflikte, verändertes Kaufverhalten, neue Technologien oder andere Faktoren die größte Veränderung auslösen, bleibt offen. Unternehmen können sich deshalb nicht auf eine einzige Prognose verlassen. Wer Lieferketten widerstandsfähiger macht, Daten schneller in Entscheidungen übersetzt und Automatisierung flexibel skalieren kann, dürfte jedoch auf sehr unterschiedliche Zukunftsszenarien besser vorbereitet sein.
In Kürze: die Key Facts
- Studie: „Die Zukunft der Handelslogistik 2036“
- Herausgeber: EHI Retail Institute
- Thema: mögliche Entwicklungsszenarien der Handelslogistik bis 2036
- Beteiligtes Logistikunternehmen: GXO Logistics
- GXO-Rolle: laut Unternehmen einziger Vertreter seiner Branche in der Studie
- Drei zentrale Erfolgsfaktoren laut GXO: Resilienz, Datenintelligenz und skalierbare Automatisierung
- Resilienz: Lieferketten sollen widerstandsfähig und gleichzeitig anpassungsfähig werden
- Netzwerkstrategie: Risiken können laut GXO über mehrere Logistikstandorte verteilt werden
- Datenstrategie: Echtzeit-Transparenz soll mit KI-gestützter Analytik verbunden werden
- Ziel des KI-Einsatzes: Nachfrageverschiebungen erkennen, Risiken vorhersehen und Entscheidungen beschleunigen
- Automatisierung: soll skalierbar sein und messbare Verbesserungen bei Effizienz, Qualität und Service erzielen
- Erwartete Kundenanforderungen: stärkere Individualisierung, höhere Transparenz und kürzere Lieferzeiten
- Herausforderung: Prozesse stärker standardisieren und gleichzeitig kundenspezifisch flexibel bleiben








