BGL: Bald fehlen 120.000 Berufskraftfahrer

Fachkräftemangel hält an
Bald fehlen 120.000 Berufskraftfahrer

Die Fahrer-Lücke wird größer: Laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) fehlen bald 120.000 Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer. Was die Emons Spedition dagegen tut.

Truckers collaborating on logistics management using laptop. Two male truckers discussing transport routes and fleet details using a laptop at a truck parking lot, ensuring efficient delivery
Foto: Adobe Stock - Serhii

Neues Jahr, aber eine unveränderte Lage beim Fahrermangel. Die Logistik hat zwar etwas von der Schwäche auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt profitiert. Der Fachkräftemangel ist aber weiter eklatant. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) spricht inzwischen von einer Lkw-Fahrer-Lücke von 120.000 plus X.

Der BGL bestätigt auf Anfrage von trans aktuell, dass die anhaltende Wirtschaftskrise in Deutschland etwas dämpfend auf den weiteren Anstieg des Fahrermangels gewirkt habe. „Ohne diesen Effekt wären wir nach der Prognose, die wir zu Beginn der – damals noch nicht abzusehenden – Konjunkturflaute aufgestellt hatten, aktuell bei jenseits von 140.000 fehlenden Lkw-Fahrern und -Fahrerinnen“, sagt Prof. Dr. Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des BGL.

2025 lag das Fahrpersonaldefizit noch bei 100.000 plus X

Noch 2025 sei der Verband von einem Fahrpersonaldefizit in Höhe von 100.000 plus X ausgegangen. „Da wir ein strukturelles Defizit von jährlich rund 15.000 Fahrern haben – denn jedes Jahr treten rund 30.000 bis 35.000 Lkw-Fahrer in den Ruhestand ein, jedoch kommen im Gegenzug nur etwa 15.000 bis 20.000 neue nach – mussten wir die letztjährige Zahl entsprechend nach oben korrigieren.“ Dabei sei auch berücksichtigt worden, dass die Konjunktur demnächst ja wieder Tritt fassen soll. „Wir können nicht erst anfangen nach Lkw-Fahrern zu suchen, wenn der Aufschwung schon laut pochend an die Tür klopft“, sagt Engelhardt.

In der Logistik herrscht Fachkräftemangel

Auch der Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV) bestätigt die Entwicklung: „Trotz Wirtschaftskrise herrscht in der Logistik Fachkräftemangel – die Demografie setzt die Branche immer weiter unter Druck. Das betrifft sämtliche Qualifikationsstufen, und in besonderem Maße die Berufskraftfahrer.“ Wächst die Personallücke, werde dies zu einem dauerhaften Risiko für stabile Lieferketten in Deutschland und Europa.

Um den Engpassberuf Berufskraftfahrer überhaupt zu besetzen, setzen Branchenunternehmen daher weiter auch auf ausländische Fahrer: Laut BGL lag deren Anteil zu Anfang des Jahrtausends bei deutschen Transportunternehmen noch im mittleren einstelligen Prozentbereich – mittlerweile ist er auf rund ein Drittel angewachsen. Ohne ausländische Fahrer hinter deutschen Lkw-Lenkrädern wäre, so der BGL, die Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft schon lange nicht mehr darstellbar. „Umso wichtiger ist es, dass wir denjenigen Menschen keine überflüssigen Steine in den Weg legen, die von weit oder weniger weit weg nach Deutschland kommen, um sich hier ein besseres Leben aufzubauen indem sie dringend erforderliche Arbeit bei uns erledigen, die ansonsten liegenbleibt, und „nebenbei“ auch noch in die Steuer- und Sozialversicherungskassen einzahlen“, sagt Engelhardt.

Ukrainische Lkw-Fahrer dürfen nicht in Deutschland arbeiten

Es sei etwa ein Unding, dass ukrainische Lkw-Fahrer in Deutschland bis zum heutigen Tage – also bald vier Jahre nach Kriegsbeginn – immer noch nicht als Lkw-Fahrer arbeiten dürfen, weil sie die so genannte Berufskraftfahrerqualifikation nicht in deutscher Sprache nachweisen können. In Polen und Litauen stellt man die Lkw-Fahrer aus der Ukraine und vielen anderen Nicht-EU-Staaten dagegen gerne und ohne große Probleme ein – zu dortigen Löhnen und Arbeitsbedingungen versteht sich. „Die meisten von ihnen sind dann mit polnischen oder litauischen Lkw paradoxerweise in Deutschland unterwegs, wo man sie nicht haben wollte. Würden diese Fahrer für deutsche Transportunternehmen zu den für sie vorteilhafteren deutschen Konditionen arbeiten, hätten auch die deutschen Sozial- und Steuerkassen etwas davon.“

Inländische Potenziale nutzen

Auch der DSLV kritisiert einen zögerlichen politischen Aktivismus. Zum einen müssten auch inländische Potenziale konsequent erschlossen werden, etwa durch Modernisierung der Aus- und Weiterbildung, Senkung der Führerscheinkosten und bessere Arbeitsbedingungen für Fahrer. Eine Erleichterung bei der Berufskraftfahrerqualifikation wäre national bereits heute umsetzbar. „Ohne Absenkung des Qualifikationsniveaus könnte sie nach österreichischem Vorbild in die Lkw-Fahrausbildung integriert werden. Dies würde den Berufszugang deutlich erleichtern.“

BGL: ukrainische und weitere Führerscheine anerkennen

Für ausländische Fahrer dauern demnach die Einwanderungsverfahren viel zu lange; die von der Bundesregierung geplante Work-and-Stay-Agentur müsse daher zügig umgesetzt und Visaverfahren beschleunigt werden sowie der Zugang zum Arbeitsmarkt über die Westbalkanregelung im bestehenden Umfang erhalten bleiben, so der Verband gegenüber trans aktuell.

Der BGL fordert zur Bekämpfung des Fahrermangels, die Anerkennung ukrainischer und weiterer Führerscheine und Berufskraftfahrerqualifikationen endlich zu ermöglichen. „Von dieser Lösung profitieren alle – außer vielleicht die polnischen und litauischen Großspeditionen“, sagt Engelhardt.

Emons-Fahrer aus Afrika

  • Die Emons Spedition aus Köln engagiert sich mit der Initiative „Why not logistics“ für junge Auszubildende aus dem Ausland – darunter auch potenzielle Fahrer-Azubis. Emons beschäftigt demnach 375 Berufskraftfahrerinnen und -fahrer, ein Drittel davon kommt aus dem Ausland. Mithilfe der Initiative hat das Unternehmen bislang 28 Fahrer-Azubis aus West- und Zentralafrika gewonnen.
  • „Die Integration der bestehenden und neuen Azubis funktioniert gut und das Projekt etabliert sich in seinem dritten Jahr als eine wertvolle und gute Säule im Bereich der Fahrer-Rekrutierung“, sagt Kerstin Hillar aus dem Bereich Personalwesen bei Emons gegenüber trans aktuell.
  • Momentan erhalten die zukünftigen Azubis mit Ausbildungsstart zum Sommer 2026 laut Hillar bereits ihren Deutschunterricht am Goethe Institut in ihren jeweiligen Heimatländern Burkina Faso und Côte d'Ivoire.
  • Um potenzielle Bewerber anzusprechen, setze Emons auch auf Social-Media-Ausschreibungen und Direktansprache sowie einen möglichst einfachen und schnellen Bewerbungsablauf.
  • „Zudem setzen wir bei der Auslandsrekrutierung verstärkt auf Azubis, da hier eine höhere Identifikation mit dem Unternehmen und eine langfristige Bindung aufgebaut wird“, sagt Hillar. Bei Schnellverfahren in der Auslandsrekrutierung fehle häufig eine nachhaltige Bindung an den Arbeitgeber. Die Folgen seien schnellere Arbeitgeberwechsel und ein niedrigeres Sprachniveau als im Ausbildungsbereich.
  • Bei inländischen Maßnahmen zur Rekrutierung empfiehlt Hillar zusätzliche Ansätze wie „Mitarbeitende werben Mitarbeitende“, Veranstaltungen mit Verbänden sowie gezielte Bemühungen, die das Berufsbild aufwerten. Denn trotz der momentan verhaltenen Auftragslage gebe es weiterhin Bedarf an Bewerbern.