Körperlich fordernde Tätigkeiten und enge Zeitfenster prägen den Arbeitsalltag in vielen Logistikbetrieben. Die daraus entstehenden Belastungen werden im Betriebsalltag jedoch selten systematisch analysiert. Krankheitsbedingte Ausfälle gelten dort häufig als gegeben. Für Unternehmen bedeutet das zusätzlichen Planungsaufwand, instabile Abläufe und steigenden Druck auf die verbleibenden Teams. Gesundheitsmaßnahmen werden in diesem Umfeld oft ergänzend eingeführt, ohne die Arbeitsorganisation selbst zu verändern. „Parallele Einzelmaßnahmen greifen zu kurz, wenn Prozesse nicht gemeinsam mit Gesundheitsaspekten gedacht werden“, sagt Janina Viets, Gründerin und Geschäftsführerin von Kompass360Grad, gegenüber trans aktuell. Erst die genaue Analyse der Arbeitsabläufe zeige, an welchen Stellen Belastungen entstehen und wie sie sich wirksam reduzieren lassen.

„Gesundheit wird erst im Prozess wirklich messbar“ Adrian Bühring Gründer und Geschäftsführer, Kompass360Grad
Gesundheitsmanagement und Prozesse
Genau an diesem Punkt setzt Kompass360Grad an. Das Unternehmen verbindet betriebliche Gesundheitsförderung, Arbeitsschutz und Ergonomie mit Lean-Prinzipien und Prozessoptimierung. Der Ansatz richtet sich vor allem an Branchen mit hoher körperlicher und psychischer Belastung, darunter Speditionen und Logistikunternehmen. Den integrierten Blick auf Abläufe und Belastungen bezeichnet Kompass360Grad als Health Lean Management. Gesundheitsaspekte werden dabei nicht zusätzlich organisiert, sondern direkt aus der Analyse der Arbeitsabläufe abgeleitet. Lean-Prinzipien spielen eine zentrale Rolle, stoßen aus Sicht des Unternehmens jedoch an klare Grenzen.
Datenanalyse zeigt Belastungen im Arbeitsprozess
„Optimierung endet dort, wo sie die Gesundheit der Mitarbeitenden beeinträchtigt“, sagt Adrian Bühring, Gründer und Geschäftsführer von Kompass360Grad. Krankheitsbedingte Ausfälle seien kein externer Störfaktor, sondern ein Hinweis darauf, dass Abläufe nicht ausreichend an die tatsächlichen Anforderungen der Arbeit angepasst seien. Um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, setzt Kompass360Grad auf datenbasierte Analysen. Erfasst werden körperliche Belastungen während der Arbeit, Umgebungsfaktoren wie Licht oder Lärm sowie psychische Beanspruchungen. Ziel ist es nicht, möglichst viele Daten zu sammeln, sondern eine belastbare Grundlage für konkrete Veränderungen zu schaffen. „Gesundheit wird erst im Prozess wirklich messbar“, sagt Bühring.

„Die Prozesse laufen flüssiger und insgesamt effizienter“ Janina Viets, Gründerin und Geschäftsführerin, Kompass360Grad
Health Lean Management Ansatz
Wie sich dieser Ansatz in der Praxis umsetzen lässt, zeigt ein Projekt bei BASF Logistics am Standort Frankenthal. Der Health Lean Management Ansatz wurde dort projektbezogen im Rahmen einer kompakten, datenbasierten Analyse eingesetzt. Ziel war es, mit überschaubarem Aufwand eine belastbare Entscheidungsgrundlage für mehrere Arbeitsbereiche zu schaffen. Vor Ort erfolgte über drei Tage hinweg eine strukturierte Ist Aufnahme. Dabei wurden elf Mitarbeitende während ihrer Arbeit mit tragbaren Sensoren ausgestattet, die Bewegungsabläufe und körperliche Belastungen erfassen. Diese Stichprobe galt aus Sicht der Projektbeteiligten als ausreichend, da klar abgegrenzte Tätigkeiten mit hoher Wiederholfrequenz untersucht wurden.
Arbeitsanalyse im Logistikbetrieb
Auf dieser Basis sollten Rückschlüsse auf vergleichbare Arbeitsplätze möglich werden. Die Analyse konzentrierte sich auf Bereiche der technischen Materialversorgung, darunter Vertikal Kommissionierung, Wareneingang, automatisches Kleinteillager und Qualitätssicherung. Besonders im Fokus stand die Qualitätssicherung, da dort ein hoher Anteil statischer Arbeit und wiederholender Handgriffe vorlag. Die erhobenen Daten wurden direkt mit den jeweiligen Arbeitsschritten verknüpft. Auf Grundlage der Ergebnisse wurden bestehende Abläufe angepasst. In der Qualitätssicherung wurden Prozesse neu definiert, Arbeitshöhen verändert und die Beleuchtung optimiert, um Zwangshaltungen und Ermüdung zu reduzieren. Ergänzt wurden diese Maßnahmen durch klar strukturierte, einheitliche Abläufe, die für alle Beteiligten nachvollziehbar und reproduzierbar sind.

„Die Prozesse laufen flüssiger und insgesamt effizienter“ Michael Wagner, Operation Manager am Standort Frankenthal bei BASF Logistics
Effekte auf mehreren Ebenen
Ziel war kein grundlegender Umbau, sondern eine bessere Anpassung der Arbeit an reale Belastungen. „Die Prozesse laufen flüssiger und insgesamt effizienter. Gleichzeitig hat sich der Krankenstand messbar reduziert“, sagt Michael Wagner, Operation Manager am Standort Frankenthal bei BASF Logistics. Für Logistikunternehmen bedeutet das vor allem stabilere Schichtbesetzungen, weniger kurzfristige Umplanung und geringeren Druck auf die verbleibenden Teams. Bemerkenswert war auch der zeitliche Verlauf. Die Ausfallzeiten werden bei BASF monatlich erfasst. „Bereits im ersten Monat nach Umsetzung war eine spürbare Verbesserung erkennbar, die sich in den Folgemonaten weiter stabilisiert hat“, sagt Wagner. Gerade für Logistiker mit knappen Personaldecken ist der kurze Zeitraum bis zum Wirkungseintritt entscheidend.
Praxisprojekt in der Logistik
Ausfälle müssen im laufenden Betrieb kompensiert werden. Wagner ordnet die Ergebnisse zugleich ein. Der Ansatz ersetze keine strategischen Entscheidungen. „Er liefert aber eine belastbare Entscheidungsgrundlage, um Maßnahmen gezielt und wirtschaftlich sinnvoll zu priorisieren“, sagt der Operation Manager. Grenzen zeigten sich dort, wo bauliche oder organisatorische Rahmenbedingungen kurzfristige Veränderungen einschränkten. Das Praxisprojekt zeigt Unternehmen, dass sich Krankenstand nicht primär über zusätzliche Programme steuern lässt, sondern über eine Arbeitsorganisation, die Belastung im Alltag realistisch abbildet.
Health Lean Management
Health Lean Management beschreibt einen Ansatz, bei dem Arbeitsabläufe und betriebliche Gesundheitsförderung gemeinsam betrachtet werden. Ziel ist es, Arbeit so zu organisieren, dass sie wirtschaftlich tragfähig bleibt und dauerhaft leistbar ist.
- Abläufe werden nicht nur nach Effizienz, sondern auch nach körperlicher und psychischer Belastung bewertet.
- Maßnahmen entstehen aus der Analyse der Arbeit selbst und werden nicht ergänzend eingeführt.
- Lean-Prinzipien gelten nur so lange, wie sie die Gesundheit der Mitarbeitenden nicht beeinträchtigen.
Der Ansatz richtet sich besonders an Branchen mit hoher Belastung, darunter Speditionen und Logistikunternehmen.





