Wer in den 1970er- und 1980er-Jahren in einem Speditionsbetrieb aufwuchs, dem war die Idee staatlicher Transportvorsorge nicht fremd. Zu Zeiten des Kalten Krieges waren bestimmte Transportkapazitäten für den Ernstfall erfasst. Nach dem Ende der Blockkonfrontation geriet das Thema weitgehend in Vergessenheit. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, erlebt es eine Rückkehr, die lange Zeit niemand erwartet hätte.
TOB stärkt Krisenlogistik und nationale Resilienz
Als das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) bei Gert Kautetzky in Stadtallendorf anklopfte und sein Unternehmen für die TOB gewinnen wollte, war das Thema für den Unternehmer deshalb nicht völlig neu. „Das kannte ich aus meinen Kindheitsjahren“, erinnert er sich. Die Unterschiede zur damaligen Praxis sind jedoch erheblich. Statt auf staatlichen Zugriff setzt die TOB auf freiwillige Mitwirkung. Gesucht werden dabei nicht einfach Fahrzeuge, sondern Fähigkeiten: von der Pharmalogistik bis zur Schwerlast- und Speziallogistik.

Professionelle Pharmalogistik und Lagerhaltung sind wichtigeSchwerpunkte im Angebot der Spedition Kautetzky.
Kautetzkys Unternehmen ist auf Tranportlogistik spezialisiert. Pharmalogistik, Lagerhaltung und die dafür erforderlichen Zertifizierungen waren wesentliche Gründe dafür, dass das BALM auf seine Firma aufmerksam wurde. „Die Unterstützung der TOB ist nichts anderes als das, was ich meinen Kunden auch anbiete“, sagt Kautetzky sinngemäß. Know-how, Prozesse und Erfahrung seien bereits vorhanden. Im Krisenfall würden sie lediglich in einen anderen Zusammenhang gestellt.
Logistikunternehmen sichern Versorgung im Krisenfall
Wer die Liste der inzwischen rund 1.250 beteiligten Unternehmen betrachtet, erkennt schnell, dass es der TOB nicht um möglichst viele Fahrzeuge geht. Vielmehr versucht das Netzwerk, sehr unterschiedliche logistische Kompetenzen zusammenzuführen. Denn was bei einer Pandemie gefragt ist, muss nicht zwangsläufig auch bei einer Naturkatastrophe oder einer militärischen Krise benötigt werden. Die Stärke der TOB liegt deshalb weniger in ihrer Größe als in der Vielfalt der verfügbaren Fähigkeiten.
Ein Beispiel dafür ist die Unternehmensgruppe Zureck aus Brandenburg an der Havel. Das Unternehmen hat sich auf komplexe Schwerlast- und Projektlogistik spezialisiert. Kompetenzen, die auch im Krisenfall gefragt sein können.

Christoph Zureck führt sein 2013 gegründetes Schwerlast-Unternehmen zusammen mit seiner Frau Julia.
Für Unternehmensgründer Christoph Zureck spielt neben dem unternehmerischen Interesse auch die Bereitschaft eine Rolle, im Ernstfall Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig sieht er die Sache pragmatisch: Krisenvorsorge funktioniert nur, wenn vorhandene Fähigkeiten gebündelt werden und dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden.
Systemkompetenz für Krisenlogistik und Defence
Damit unterscheiden sich Kautetzky und Zureck zwar in ihren Geschäftsfeldern, nicht aber in ihrem Grundverständnis. Der eine steht für hochregulierte und qualitätssensible Transporte, der andere für komplexe Spezial- und Projektverkehre. Gemeinsam ist beiden, dass ihre Leistungen weit über den reinen Transport hinausgehen. Für Niels Beuck, Stellvertretenden Hauptgeschäftsführer und Leiter Sicherheitspolitik im DSLV Bundesverband Spedition und Logistik, ist genau das der entscheidende Punkt. Speditionen und Logistikdienstleister leisteten mehr als Güterbeförderung. Ihre Systemkompetenz sei im Krisenfall mindestens ebenso relevant wie die physische Transportkapazität.
Dass das BALM dabei nicht einfach Fahrzeuge zählt, sondern gezielt nach Fähigkeiten sucht, ist kein Zufall. Bei der Auswahl der Unternehmen gehe es nicht allein um Transportkapazitäten, sondern auch um Kompetenzen und resiliente Strukturen, betont Christian Hoffmann, Präsident des BALM. Berücksichtigt würden unter anderem Spezialisierungen, Lagerkapazitäten sowie die Fähigkeit der Unternehmen, auch unter erschwerten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Laut Hoffmann baut die Behörde seit 2019 mit der TOB ein bundesweites Netzwerk leistungsfähiger Transport- und Logistikunternehmen auf. Ziel sei es, die unterschiedlichen Fähigkeiten der Unternehmen frühzeitig zu erfassen und für Krisenlagen nutzbar zu machen.
Kautetzky, der auch Vorsitzender des Fachverbands für die temperaturgeführte Transportlogistik und Kühlfahrzeugindustrie TRANSFRIGOROUTE ist, verweist in diesem Zusammenhang auf die zentrale Lage seines Unternehmens in Deutschland und Europa sowie auf die Möglichkeit, Waren zwischenzulagern. Für Krisenszenarien könne das ebenso wichtig sein wie verfügbare Transportkapazitäten.
Resiliente Lieferketten für zivile und militärische Krisen
Welche Fähigkeiten dabei gefragt sind, hängt maßgeblich vom jeweiligen Szenario ab. Die TOB schafft keine neuen logistischen Kompetenzen. Sie baut vielmehr auf Fähigkeiten auf, die Unternehmen bereits im täglichen Wettbewerb entwickelt haben. Je nach Lage können dabei unterschiedliche Leistungen gefragt sein – von der Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln über die Bereitstellung von Lagerkapazitäten bis hin zu Spezialtransporten oder großräumigen Verlagerungen von Material.
Für Prof. Dr. Alex Vastag, Abteilungsleiter Verkehrslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund, ist diese Entwicklung die Folge einer veränderten Risikowahrnehmung. Die Erfahrungen aus Pandemie, Naturkatastrophen und geopolitischen Krisen hätten gezeigt, wie anfällig hochgradig vernetzte Lieferketten sein können. Resilienz und Versorgungssicherheit seien dadurch weit über wirtschaftliche Fragen hinaus zu einem sicherheitspolitischen Thema geworden. Krisenlogistik könne deshalb kaum vollständig staatlich organisiert werden. Private Unternehmen verfügten über Ressourcen, Netzwerke und Know-how, die staatliche Stellen allein nur schwer vorhalten könnten. Gerade deshalb komme der Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft eine wachsende Bedeutung zu.
Militärische Mobilität braucht starke Logistikunternehmen
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt die Expertengruppe Logistikkommando der Bundeswehr. Deutschland spielt als logistischer Knotenpunkt im Zentrum Europas eine Schlüsselrolle für die Verlegung und Versorgung von Streitkräften. Militärische Mobilität beginnt bereits auf Straßen, Schienen und Umschlagplätzen im Inland. Ohne die Unterstützung ziviler Unternehmen wäre diese Aufgabe kaum zu bewältigen. Benötigt werden dabei nicht nur Fahrzeuge, sondern vor allem Unternehmen, die Transporte planen, Kapazitäten organisieren, Lager betreiben und auch unter Zeitdruck komplexe Abläufe steuern können. Fähigkeiten also, wie sie viele Logistikunternehmen seit Jahren täglich für ihre Kunden erbringen.
Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft im Krisenfall
Damit diese Fähigkeiten im Ernstfall tatsächlich wirksam werden, braucht es jedoch mehr als ein Netzwerk von Unternehmen. Der DSLV weist darauf hin, dass eine enge Abstimmung zwischen Staat und Wirtschaft notwendig ist. Klare Verfahren, transparente Zuständigkeiten und verlässliche Rahmenbedingungen seien wichtige Voraussetzungen dafür, dass die Zusammenarbeit im Ernstfall funktioniert.
Gerade darin liegt die eigentliche Herausforderung. Die Fähigkeiten sind vorhanden. Entscheidend wird sein, sie im Ernstfall schnell zusammenzuführen und dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.
TOB im Überblick
- Aufbau der Transportorganisation des Bundes (TOB) seit 2019
- Koordination durch das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM)
- Rund 1.250 beteiligte Unternehmen
- Beteiligung auf freiwilliger Basis
- Aufgabe: Unterstützung der Versorgung von Bevölkerung, Wirtschaft und Streitkräften in Krisenlagen
- Mögliche Einsatzszenarien: Naturkatastrophen, Pandemien, Ausfälle kritischer Infrastruktur, humanitäre Notlagen oder militärische Krisen
- Im Netzwerk vertreten sind unter anderem Pharmalogistik, Lebensmitteltransporte, Mineralöllogistik, Schwer- und Projekttransporte, Busunternehmen, Stückgutnetzwerke sowie Intermodalverkehre





